Breisgau-Hochschwarzwald

Landkreis will Tourismus ohne Barrieren ermöglichen

Gabriele Hennicke

Von Gabriele Hennicke

Do, 16. Februar 2017 um 17:35 Uhr

Bad Krozingen

In einer Gesellschaft, die immer älter wird, gewinnt das Thema barrierefreier Tourismus an Bedeutung – auch im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Hier sollen mehr Angebote in diesem Bereich entstehen.

Seit 2008 werden mehr Rollatoren als Kinderfahrräder verkauft. Die Gesellschaft altert – und damit tun es auch Feriengäste. Mit zunehmendem Alter wandeln sich die Bedürfnisse bei der Wahl des Urlaubsziels. Kein Wunder also, das sich der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald mit dem Thema Barrierefreiheit beschäftigt. An der Veranstaltung "Wirtschaftsfaktor Barrierefreiheit – Reisen für Alle" im Kurhaus Bad Krozingen nahmen gerade etwa 100 Fachleute aus allen Tourismusbereichen teil. Mit 5,9 Millionen Übernachtungen pro Jahr sei der Landkreis die Nummer eins im Land. Dies wolle man auch beim Thema Barrierefreiheit sein, gab der Erste Landesbeamte Martin Barth als Ziel aus.

Ein Ziel, da waren sich alle Referenten einig, das nicht nur Menschen mit Mobilitäts- und Sinneseinschränkungen zugutekommt, sondern allen. Auch Eltern mit Kinderwagen, Menschen mit Gepäck und ausländische Gäste profitieren von Barrierefreiheit. Die Tourismusbeauftragte des Landkreises, Andrea Löwl, und die Kommunale Behindertenbeauftragte, Anke Dallmann, hatten die Veranstaltung organisiert und stellten erste Ideen für ein Projekt zum barrierefreien Tourismus im Landkreis vor. Den Anstoß gaben die Gemeinden Müllheim, Ihringen und Breisach sowie die Tourismusregionen Markgräflerland und Naturgarten Kaiserstuhl, die an die Tourismusförderung des Kreises mit dem Wunsch herangetreten sind, koordinierend zum Thema barrierefreier Tourismus tätig zu werden.

Schon seit Juni 2016 hat sich eine Gruppe aus Mitarbeitern dieser Gemeinden – darunter auch die Kommunalen Inklusionsvermittler in Breisach und die für Ihringen, Gottenheim und Vogtsburg mit den Verantwortlichen des Landratsamts getroffen und einen Arbeitskreis "Barrierefreier Tourismus" gegründet. Der Arbeitskreis trifft sich einmal pro Monat, auch die Touristinformation Freiburg beteiligt sich. Noch gibt es kein eigenes Budget, dafür aber eine Menge Enthusiasmus bei den Mitgliedern. "Vorerst liegt der Fokus auf dem Thema Sensibilisierung für das Thema, und es geht darum, wie man auch mit kleinem Budget Veränderungen bewirken kann", sagte Andrea Löwl.

Geplant sind Schulungen für Mitarbeiter von Touristinformationen, Beherbergungsbetrieben und Freizeiteinrichtungen. Eine Pilotschulung fand bereits statt. Daraus resultiert ein gegenseitiger Barrierefrei-Check der Teilnehmer in ihren jeweiligen Touristinfos, etwa im März in der in Freiburg. Weitere Aufgaben sieht der Arbeitskreis im Ausarbeiten einheitlicher Abfragebögen für barrierefreie Angebote, dem Erstellen eines Praktikerleitfadens und dem Entwickeln von Broschüre und Infoplattform mit einer Auflistung vorhandener barrierefreier Angebote.

Rolf Schrader, Geschäftsführer des Deutschen Seminars für Tourismus in Berlin und Projektleiter des bundesweiten Programms "Reisen für Alle", erklärte: "Mit zunehmendem Alter hört, sieht und geht man schlechter. Barrierefreiheit ist ein Komfortmerkmal für alle, und es gibt zunehmend mehr, die darauf angewiesen sind." Die Zielgruppe ist groß: 10,2 Millionen Menschen in Deutschland – 13 Prozent der Bevölkerung – leben mit einer schweren oder leichteren Behinderung.

Bislang fahren sie deutlich weniger in Urlaub als andere. "Der Grund ist der Mangel an geeigneten und vor allen Dingen verlässlichen barrierefreien Angeboten", sagte Schrader und verwies darauf, dass beispielsweise Rollstuhlfahrer, die einen Übernachtungsbetrieb suchen, häufig keine oder sich widersprechende Angaben finden. Und dass sich die Situation vor Ort dann oft anders darstelle, als am Telefon zugesagt wurde.

Speisekarten mit

größerer Schrift

Das Prüfsystem "Reisen für Alle" ermöglicht eine einheitliche Beurteilung und Kennzeichnung des Angebots und gibt Informationen zur Barrierefreiheit. Baden-Württemberg ist eines der wenigen Bundesländer, die sich noch nicht dem bundesweiten Gütesiegel angeschlossen haben. Mit der Tagung startet das Projekt "Landkreis für alle", das sich inhaltlich am bundesweiten Konzept orientiert. Hans-Peter Matt, Inhaber eines Planungs- und Beratungsbüros für Barrierefreiheit und selbst Rollstuhlfahrer, informierte über Fördermöglichkeiten.

Auch Praktiker berichteten, was sie bereits für Barrierefreiheit tun. Allen voran der Bad Krozinger Bäderchef Rolf Rubsamen, der darauf hinwies, wie wichtig es neben Parkplätzen, Einstiegshilfen und Liften in der Therme sei, die Mitarbeiter für die speziellen Bedürfnisse der Gäste zu sensibilisieren. Bereits fünf Hotels und 10 bis 15 barrierefreie Appartements gebe es in Bad Krozingen, sagte Rubsamen.

Roland Teufel, Inhaber des Cafés Mohrenköpfle in Bad Krozingen, hat sich beim Umbau mit ebenerdigem Eingang und ebensolcher Toilette auf die Bedürfnisse seiner wichtigsten Klientel, den Senioren, eingestellt. "Wir halten für Gäste nach Bandscheibenoperationen Kissen bereit und haben schon Preisschilder mit größerer Schrift. Die Anregung, auch die Speisekarte mit größerer Schrift zu gestalten, nehme ich von der Veranstaltung mit", betonte Teufel.