Ohne Konflikt geht es nicht

Gabriele Hennicke

Von Gabriele Hennicke

Do, 25. Juli 2013

Bad Krozingen

Schüler des Kreisgymnasiums haben sich in eine Schreibwerkstatt begeben.

BAD KROZINGEN. Fesselnde Geschichten schreiben – das lernen Jugendliche nicht unbedingt im Schulunterricht. Wenn sie Glück haben, können sie es bei einem Zusatzangebot lernen, in einer kreativen Schreibwerkstatt. Der Merdinger Autor Andreas Kirchgäßner hat neun Schüler der Klassen 5 bis 9 des Kreis-Gymnasiums Bad Krozingen im kreativen Schreiben geschult. Erstaunlich ausgereifte Geschichten brachten die Schüler bei der Abschlusslesung zu Gehör.

"Ich drückte mich an seinen Körper. Mein Gesicht war durchnässt, denn es regnete, aber hauptsächlich von meinen Tränen. Es tut mir so leid, Lea, sagte Jake und strich mir über die Haare. Sein T-Shirt war von meinen Tränen schon ganz nass, aber das schien ihm nichts auszumachen. Hinter mir hörte ich unserer Haus zusammenbrechen..."

Auf zehn Seiten erzählt Anna Bernitz von den ersten Stunden und Tagen nach dem Brand des Hauses und dem Tod der Eltern ihrer Heldin. Packend und anschaulich, wie auch die anderen jungen Autorinnen und Autoren. "Wer an der Schreibwerkstatt mitgemacht hat, dem bedeutet Schreiben sehr viel", meint Andreas Kirchgäßner, "ich finde es toll, dass die Kinder die Lust und die Energie mitbringen, sich in der Schreibwerkstatt freiwillig mit dem Schreiben auseinander zu setzen und zuhause viele Stunden an ihren Geschichten zu schreiben."

Eine altersmäßig heterogene, aber im Umgang miteinander sehr sensible Gruppe sei das gewesen, erzählt Kirchgäßner. Mit dabei war beispielsweise ein Trupp von Siebtklässlern, die zuvor schon selbständig Texte erarbeitet und sich ausgetauscht hatten und jetzt das theoretische Rüstzeug mitbekommen haben. In sieben eineinhalbstündigen Werkstätten haben sich die Schüler über ein halbes Jahr lang mit dem Kreativen Schreiben beschäftigt.

"Kreatives Schreiben kann man lernen, was es braucht, ist der Spaß an Geschichten und am Schreiben", sagt Andreas Kirchgäßner, der selbst Kinder- und Erwachsenenbücher schreibt. In der Schreibwerkstatt machen die Schüler Schreibübungen und erarbeiten sich mit Kirchgäßner die theoretischen Grundlagen. Als erstes entwickeln sie die Hauptfigur. Eine passende Schreibübung ist, sich in einen Gegenstand aus ihrem Schulranzen hinein zu versetzen und in der Ich-Perspektive zu schreiben, wie es ihm geht und was er den ganzen Tag erlebt.

Die Kinder lesen sich gegenseitig vor, was sie geschrieben haben, loben Gelungenes und machen Verbesserungsvorschläge. "Die Kinder würden am liebsten sofort losschreiben. Sie kennen den Schreibrausch, wie toll es ist, wenn man im Schreiben drin ist", sagt der Autor, "sie kennen aber auch, wie es am nächsten Tag ist, wenn sie merken, dass die Geschichte doch nicht so fesselnd ist." Deshalb sei es sinnvoll, Schritt für Schritt ans Schreiben heran zu gehen.

Andreas Kirchgäßner hat das psychologische Konzept der Heldenreise für Schreibwerkstätten heruntergebrochen. Beim Entwickeln der Hauptfigur ist es wichtig, dass diese einen Konflikt erleben muss, der sie existenziell herausfordert, damit sie durch eine Krise hindurchgehen und daran wachsen kann.

"Kreatives Schreiben kann man lernen, was es braucht, ist der Spaß an Geschichten und am Schreiben"

Andreas Kirchgäßner
"Eine gute Figur sollte eine Verletzung in der Vorgeschichte haben. Diese Wunde begleitet sie als Achillesferse durch die ganze Geschichte und bricht im finalen Konflikt wieder auf", erklärt Kirchgäßner, "der Held muss erst sterben, damit er am Ende verwandelt auferstehen kann. Hand aufs Herz – hätten Sie gedacht, dass Kinder zwischen 11 und 14 Jahren so etwas verstehen und sogar umsetzen können?" Natürlich braucht es neben der Hauptfigur auch einen Gegenspieler, damit es zum Konflikt kommt. Der Gegenspieler muss gar nicht der Böse sein, er hat lediglich entgegengesetzte Ziele als die Hauptperson, dadurch entsteht der Konflikt. "Das zwei Hunde-ein Knochen-Prinzip" nennt Kirchgäßner das.

Nachdem die Kinder die Figur entwickelt haben und wissen, wie sie die Geschichte anlegen, schreiben sie zuhause weiter. Ab dem vierten Treffen bringen sie die Geschichten mit und lesen sie den anderen vor. "Sie entwickeln ein erstaunlich gutes Gespür für die Geschichten der anderen. Oft muss ich mich selbst gar nicht in die Textkritik einmischen, weil die Schüler beim Zuhören allein herausfanden, was an einer Geschichte besonders gelungen, und was noch verbesserungswürdig war", sagt Andreas Kirchgäßner.

Organisiert hat die Schreibwerkstatt Deutschlehrerin Gabi Schäfer. Der Friedrich-Bödecker-Kreis Baden-Württemberg und der Förderverein der Schule haben das Projekt finanziell ermöglicht. Die Schreibwerkstatt am Bad Krozinger Kreisgymnasium wird nach den Schulferien weitergehen. Die meisten wollen wieder mitmachen.