Wenn aus Fremden Vertraute werden

Nikola Vogt

Von Nikola Vogt

Di, 06. September 2016

Bad Krozingen

Bürgerschaftliches Engagement: Martina Fischer-Gerres aus Tunsel betreut demenzkranke Menschen in ihrem Zuhause.

BAD KROZINGEN. "Das Thema Demenz war mir völlig fremd", sagt Martina Fischer-Gerres aus Tunsel. Eines Tages habe sie dann eine Zeitungsanzeige gesehen: "Qualifizierungskurs Demenzbetreuung". Zu dem Zeitpunkt war sie auf der Suche nach einer Nebenbeschäftigung. Eigentlich war die Kinderbetreuung immer mehr ihr Ding gewesen. Aber Martina Fischer-Gerres hat den Schritt gewagt. Vier Jahre ist das jetzt her. Die 50-Jährige hat in dieser Zeit viel gelernt – über die Krankheit, das Alter und über sich selbst.

"Bürgerschaftliches Engagement" nennt die Sozialstation Südlicher Breisgau das, was Martina Fischer-Gerres tut. Zweimal jährlich bietet die Einrichtung einen Qualifizierungskurs für Demenzbetreuer an. Anschließend stehen den Teilnehmern mehrere Möglichkeiten offen: Das Engagement in einer regionalen Demenz-Betreuungsgruppe, die Arbeit mit Demenzkranken im Universitäts-Herzzentrum oder die häusliche Demenzbetreuung. Martina Fischer-Gerres hat sich für Letztere entschieden.

"Damals waren meine Kinder noch kleiner, so dass ich eine Beschäftigung gesucht habe, bei der ich zeitlich flexibel bin", erklärt die sechsfache Mutter. Die Sozialstation bot ihr an, einen älteren Herrn in Tunsel zu betreuen – zweimal die Woche für jeweils zwei Stunden. An ihren ersten Besuch bei ihm erinnert sie sich noch gut. "Ich war total unsicher." Der Qualifizierungskurs hatte ihr zwar das Handwerkszeug gestellt – "die Menschen da abholen, wo sie sind, sie nicht immer korrigieren" – aber die Praxis ist trotzdem anders als die Theorie.

Elisabeth Klein-Wiesler, die die Demenzbetreuung bei der Sozialstation koordiniert, begleitete die frischgebackene Demenzbetreuerin zu ihrem ersten Einsatz. "Zuvor hatte ich einen Biographiebogen des Mannes erhalten, so dass ich ein bisschen über seinen Lebensweg Bescheid wusste", erzählt Fischer-Gerres. Klein-Wiesler leitete das erste Gespräch, bei dem auch Angehörige des Erkrankten dabei waren. Die betreuten Menschen selbst hätten oft Vorbehalte – "man braucht Zeit, um eine Beziehung aufzubauen", erzählt Fischer-Gerres. Doch es hat funktioniert. "Wir haben Gemeinsamkeiten gefunden", sagt sie.

Bei den Treffen wird viel gespielt. "Vieles, das ich aus der Kinderbetreuung kenne, kann ich auch in der Demenzbetreuung anwenden", sagt sie. Memory, Stadt-Land-Fluss, Kartenspiele, Kinderkreuzworträtsel und Sprichwörter – "ich habe festgestellt, dass viele alte Leute Sprichwörter lieben." Und natürlich unterhält man sich auch. "Mit der Zeit wird man eine Vertraute. Das Bedürfnis zu reden ist häufig da", sagt sie. "Oft springen Demenzkranke in ihren Erzählungen. Ich probiere dann, Dinge nochmal aufzugreifen." Geduldiger sei sie dadurch geworden. "Und ich spreche langsamer."

Ihre erste Betreuung dauerte anderthalb Jahre. Inzwischen habe sie schon sechs Personen betreut. Manche gingen irgendwann in ein Pflegeheim, andere starben. Auch damit muss man zurechtkommen. "Man lernt, das Leben mehr wertzuschätzen. Es kann schnell vorbei sein", sagt sie. Oft komme die Krankheit in Schüben. "Das ist teilweise sehr erschreckend." Auch wenn sie mitbekommt, wie die Erkrankten ihre Familienangehörigen nicht mehr wiedererkennen. "Da leidet man mit." Irgendwann brauchte die 50-Jährige eine Pause. "Es hatte mich emotional sehr belastet und so bin ich erst mal etwas kürzer getreten", erzählt die gelernte Bürokauffrau.

Doch sie stieg wieder ein. Inzwischen ist sie ein- bis zweimal wöchentlich in der Demenzbetreuung tätig. Und auch ihrem damaligen Steckenpferd, der Kinderbetreuung, geht sie weiterhin nach. Wichtige Unterstützung für diese nicht immer einfache Aufgabe findet sie bei ihrer Familie. Aber auch an die Sozialstation könne sie sich immer wenden, wenn sie Fragen habe. "Es ist gut, das zu wissen", sagt Martina Fischer-Gerres. Und sie fügt hinzu, dass es längst nicht immer ernst zugehe bei ihrer Betreuung. "Manchmal ist es richtig lustig und wir können herzhaft zusammen lachen." Sie will dranbleiben, an der häuslichen Demenzbetreuung.

15 Jahre Betreuungsgruppe für demenzerkrankte Menschen: Aus diesem Anlass beleuchtet die Badische Zeitung in mehreren Schwerpunkt-Artikeln das Thema Demenz und den Umgang mit der Erkrankung bei der Sozialstation Südlicher Breisgau in Bad Krozingen.