Das Mittelalter als Lebensgefühl begreifbar machen

Hrvoje Miloslavic

Von Hrvoje Miloslavic

Fr, 02. Januar 2015

Bad Säckingen

Der Mittelalterstammtisch Hochrhein ist ein junger Verein mit einer großen Mitgliederzahl / Verein will verstärkt an Schulen in der Region tätig werden.

BAD SÄCKINGEN. Feudalismus, Kreuzzüge, Pestilenz und Hexenverbrennung – die Epoche des Mittelalters erfreut sich keines sehr guten Rufes. Anders verhält es sich beim Mittelalterstammtisch Hochrhein (MSH). Im März 2013 gegründet, ist der Verein der Freunde mittelalterlichen Lebensgefühls bereits auf 120 Mitglieder angewachsen. Neben einem regelmäßigen Stammtisch-Hock stehen zahlreiche Besuche von Märkten und Stadtfesten sowie die Abhaltung von Zeltlagern auf dem Jahresplan des Vereines.

Begonnen hat alles mit der Diskussion über das "Mittelalterlich Phantasie Spectaculum" (MPS), dessen Ausrichtung in Bad Säckingen 2012 aufgrund einer Klage von Anwohnern wegen Ruhestörung in die Schlagzeilen geraten war. Unter dem Motto "Rettet das MPS Bad Säckingen" hatte sich eine Gruppe von Unterstützern zusammengetan, um den Veranstalter Gisbert Hiller den Rücken zu stärken. Darunter war auch der Vorsitzende des MSH, Günter Butz. Aus der Initiative habe sich ein regelmäßiger Stammtisch entwickelt, erinnert sich Butz im Gespräch mit der BZ. Irgendwann habe man sich dann gefragt: "Warum gründen wir nicht einen Verein?"

Gesagt, getan: Am 9. März 2013 konstituierte sich der Mittelalterstammtisch Hochrhein, der sich jeden "dritten Satertage eynes jeden Mondes" (jeden dritten Samstag im Monat), wie auf der vereinseigenen Homepage sprachlich stilgerecht verkündet wird, im Gasthaus Kater Hiddigeiei zum gemütlich Hock trifft. Eng mit dem MSH verbunden ist die Musikformation "Skadefryd". Die aus sieben Musikerinnen und Musiker bestehende Band hat sich durch zahlreiche Auftritte auf Veranstaltungen in der Region bereits einen Namen gemacht und eine Fangemeinde aufgebaut.

Man bemühe sich sehr wohl um eine gewisse historische Authentizität, sagt der erste Vorsitzende des Vereins. Dazu gehören auch regelmäßige Recherchen der Mitglieder in Büchern, Zeitschrift und im Internet. Übertreiben wollen es die mittelalterlichen Stammtischbrüder und -schwestern allerdings nicht. Von einer rückwärtsgewandten "Zivilisationskritik" will Butz nichts wissen. Faszinierend am Mittelalter sei allen voran die Handwerkskunst, etwa die Leder- und Metallverarbeitung, Papierherstellung oder auch die Schneiderkunst. So bestand etwa im Mai 2014 die Möglichkeit, das Leben im Mittelalter auszutesten. Drei Tage habe man auf der Burg Küssaburg verbracht, erzählt Butz. "Da haben wir versucht nachzustellen, wie die Menschen damals gelebt haben – und doch auch zufrieden waren", erklärt Butz. Gerade die Beschäftigung mit dem mittelalterlichen Handwerk sei für Kinder sehr lehrreich, gibt Butz zu bedenken. In eben diese Richtung entwickeln sich nun die neuesten Aktivitäten des Vereines: Beim Kinderferienprogramm "Murger Sommerspaß" assistierte der MSH den Kindern bei der Anfertigung von Schutzschilden und Wappenröcken, die die Kinder dann bei den Märchentagen in Bad Säckingen stolz präsentieren durften. Angedacht ist auch eine Zusammenarbeit mit den Schulen. Im Unterricht oder im Rahmen von Projekttagen könnte das mittelalterlich Handwerk als Unterrichtsgegenstand Verwendung finden, so Butz. Von dem raschen, großen Mitgliederzuwachs zeigt sich der "Primus tabulam Directores" (erste Vorsitzende) gar nicht so überrascht. Mittelaltervereine gebe es in Deutschland viele, weiß Butz zu berichten. Im Südwesten seien diese aber eher rar gesät. Daraus erkläre sich auch das große Interesse an einer Mitgliedschaft beim MSH, so Butz. Rund ein Drittel der Mitglieder stammt aus der Schweiz.

Bei den Treffen wird Wert auf das richtige Gewand gelegt

Regelmäßige Aktivitäten des MSH sind etwa Besuche von Märkten, Mittelalterspektakeln oder bekannten historischen Stadtjubiläumsfesten, etwa dem "Pfifferdaj" im elsässischen Ribeauvillé. Zu einem festen Termin werden soll auch die regelmäßige Abhaltung einer "Lagerey" gemeinsam mit dem inzwischen gut befreundeten Verein Historisches Eschbach. Ihre besondere Atmosphäre erhielten die Veranstaltungen und Aktivitäten aber gerade durch das Tragen der richtigen Gewandung, sagt Butz. Ausdrücke wie "Verkleidung" oder "Kostümierung" hört der Vorsitzende gar nicht gerne. Wir tragen "Gewandung", stellt er klar: "Wir sind schließlich kein Fastnachtsverein."