"Die Resonanz ist sehr positiv"

Felix Held

Von Felix Held

Sa, 31. März 2018

Bad Säckingen

BZ-INTERVIEW mit Jörg Risse von der Berliner Beratungsfirma Gök-Consulting, die das Konzept für den Bad Säckinger Gesundheitscampus entwickelt.

BAD SÄCKINGEN. Der Gesundheitscampus für Bad Säckingen nimmt langsam erste Konturen an. Felix Held hat Planer Jörg Risse von der Berliner Beratungsfirma Gök-Consulting gefragt, wie weit das Konzept vorangeschritten ist.

BZ: Herr Risse, offensichtlich gibt es bereits einige Interessenten für den Gesundheitscampus. Hätten Sie mit solch einer Resonanz gerechnet?

Risse: Die Resonanz ist sehr positiv, vor allem, was die Breite der Rückmeldungen betrifft. Wir haben beispielsweise von Arztpraxen, einer Rehaeinrichtung und Pflegeeinrichtungen Anfragen bekommen, auch Sanitätshäuser, Kurzzeitpflege und ein Caterer waren dabei. Das DRK beabsichtigt, seine Rettungswache auf dem Campus anzusiedeln und eine Kita plant dort einen neuen Standort. Diese Breite der Rückmeldungen hat mich positiv überrascht. Das ist anders als bei anderen vergleichbaren Projekten. Diese Rückmeldung zeigt auch, dass es einen großen Bedarf gibt.

BZ: Woher kommen die Anfragen?

Risse: Zu mehr als 90 Prozent kommen die Anfragen von lokalen bzw. regional tätigen Akteuren, die hier schon beheimatet sind, ihre Netzwerke haben und sich nun am Campus ansiedeln wollen. Das ist typisch für solch ein Vorhaben.

BZ: Ein Knackpunkt für die Bevölkerung vor Ort ist die Notfallversorgung. Am liebsten wäre den Bürgern eine 24-Stunden-Versorgung an sieben Tagen die Woche. Ist das realistisch?

Risse: Den Wunsch kann ich nachvollziehen. Wir nehmen in der Diskussion auch wahr, dass in der Bevölkerung unterschiedliche Kenntnisstände bezgl. der Notfallversorgung existieren. In Deutschland basiert diese Versorgungsstruktur auf drei Säulen. Einerseits gibt es die Krankenhäuser, die die Versorgung von echten Notfällen übernehmen. Das sind insbesondere Herzinfarkte, Schlaganfälle und Traumaverletzungen. Solche Notfälle werden dort rund um die Uhr durch spezialisiertes Personal behandelt. Die zweite Stufe ist das Rettungswesen. Das ist in Deutschland flächendeckend gut ausgebaut und wird über die Rufnummer 112 alarmiert. Dort sind es die Notärzte und auch die Rettungssanitäter, die zu Notfällen nach Hause oder zu Unfallorten fahren, die Erstversorgung übernehmen und die Patienten anschließend zur weiteren Behandlung in die Krankenhäuser übergeben. Die dritte Säule ist die ambulante Notfallversorgung, die durch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) organisiert wird. Die Versorgung wird über die niedergelassenen Ärzte geregelt.

BZ: Wie kommt da der Campus ins Spiel?

Risse: Wir wollen auf dem Campus ein Modell finden, mit dem wir zusammen mit der KV, den niedergelassenen Ärzten und vielleicht auch der Spitäler Hochrhein GmbH einen Notfall-Anlaufpunkt herstellen. Und zwar für die Fälle, die nicht akut sind, wie Infekte, Schwindel, Schnittverletzungen und unkomplizierte Frakturen. Anzustreben wäre es, wenn dieser Anlaufpunkt von 7 bis 20 Uhr geöffnet sein könnte. Diese Zeiten weichen von den normalen Öffnungszeiten der Arztpraxen ab, insbesondere am Wochenende.

BZ: Warum von 7 bis 20 Uhr?

Risse: Weil es in diesem Zeitraum erfahrungsgemäß den größten Bedarf gibt. Wir haben die Daten aus den vergangenen drei Jahren ausgewertet und festgestellt, dass zwischen 20 und 6 Uhr rund zwei Patienten in der Nacht im Spital Bad Säckingen behandelt wurden. Wir haben auch die Diagnosen dieser Patienten analysiert und kamen zu dem Ergebnis, dass es überwiegend keine klassischen Notfälle waren. Eine zeitkritische Diagnostik und Therapie war damit nicht notwendig. Und wie bereits erwähnt, bestehen ja für die Notfälle mit der Notaufnahme des Krankenhauses und dem Rettungsdienst die richtigen Anlaufstellen.

BZ: Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit des Campus mit der Spitäler Hochrhein GmbH vor?

Risse: Wir wollen ein komplementäres Angebot schaffen. Mit dem Geschäftsführer der Spitäler Hochrhein GmbH, Dr. Hans-Peter Schlaudt, sind wir in sehr konstruktiven Gesprächen. Wir halten es für sehr wichtig, dass die Spitäler Hochrhein GmbH im Gesundheitscampus eine wichtige Rolle übernimmt. Im Spital Waldshut stehen zahlreiche ärztliche Experten zur Verfügung. Diese können beispielsweise Sprechstunden für Spezialthemen im Campus anbieten und so das dortige Leistungsspektrum der niedergelassenen Ärzte ergänzen. Dafür braucht es aber auch die Abrechnungsvoraussetzungen. Ein weiterer gemeinsamer Leistungsbaustein sind ambulante Operationen. Wir verzeichnen in Deutschland die Entwicklung, dass vormals stationäre Operationen ambulant erbracht werden. Diese Operationen, beispielsweise im Bereich der Allgemeinchirurgie, wie Hernien, Gallenblasen, können auch durch das Spital Waldshut im Gesundheitscampus erbracht werden, um eine wohnortnahe Versorgung zu ermöglichen. Gemeinsam könnten wir den Campus insgesamt breiter aufstellen, aber umgekehrt die stationären Leistungsangebote des Spitals Waldshut für die Bevölkerung im Westen des Kreises für stationäre Angebote wieder attraktiver machen. Das ist für alle Beteiligten eine Chance.

BZ: Für die geriatrische Abteilung bräuchte es wohl auf jeden Fall Klinikbetten der Spitäler Hochrhein GmbH. Wie ist der Stand der Verhandlungen?

Risse: Wir haben berechnet, dass wir im Kreis 50 geriatrische Betten benötigen, um das gesamte Potential der Fälle auch hier behandeln zu können. Diese Anzahl an Betten wird man nicht alleine in Waldshut unterbekommen. Deswegen gibt es ein gemeinsames Interesse, dass man sowohl in Bad Säckingen als auch in Waldshut eine entsprechende Zahl an Betten mit einem innovativen Konzept aufbaut und betreibt. Für die Umsetzung müssen wir zwei Hürden nehmen: Wir benötigen die richtigen Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten, die dieses Konzept spannend finden und auch hier arbeiten wollen. Diese sind auf Grund der aktuellen Nachfrage in Deutschland rar. Doch zuvor steht die Genehmigung des Sozialministeriums an, da wir von dem bundespolitisch gewollten Ansatz der Zentralisierung abweichen. Daher wird aktuell ein Konzept der Altersmedizin entwickelt, in dem die stationären Betten nur einen Baustein darstellen.

BZ: Was wird dieses Konzept umfassen?

Risse: Das Ziel ist es, den Versorgungsbedarf von älteren, kranken Patienten wohnortnah abzudecken. Das beinhaltet unter anderem ein stationäres geriatrisches Versorgungsangebot, die Integration der geriatrischen Reha und Kurzzeitpflege, aber auch zeitgemäße tagesklinische Strukturen. Zudem gibt es Überlegungen, auch Angebote für Menschen mit Demenzerkrankungen in Form einer Memory-Klinik am Campus anzusiedeln.

BZ: Wie viele Betten wird es dafür in Bad Säckingen geben?

Risse: Das rechnen wir gerade aus. Dazu müssen wir auch über die Landkreisgrenzen hinaus schauen, wie groß das geriatrische Potenzial ist.

BZ: Für die Finanzierung und die Genehmigung der Betten braucht es die Unterstützung aus dem Landessozialministerium. Wie laufen die Gespräche?

Risse: Der grundsätzliche Ansatz und die Idee des Gesundheitscampus sind dem Ministerium bekannt. Wir sind jetzt am Zug und müssen das detaillierte Gesamtkonzept dort vorstellen. Wir haben im Lenkungskreis für das Projekt entschieden, dass wir weitere Gespräche mit dem Ministerium führen, wenn wir das medizinische Konzept, Antworten auf die baulichen Fragen und den sich ergebenden Finanzierungsbedarf geklärt haben. Dann können wir mit dem Ministerium über das Gesamtkonzept sprechen.

"Ich weiß, dass die Frage sehr emotional diskutiert wird."

BZ: Wann wird das soweit sein?

Risse: Wir wollen Ende April/Anfang Mai soweit sein, dass wir das Gesamtkonzept vorstellen können.

BZ: Sie haben die bauliche Situation angesprochen. Die Frage ist: Kann der Campus im bestehenden Spitalgebäude unterkommen oder braucht es einen Neubau. Welche Lösung favorisieren Sie?

Risse: Ich weiß, dass diese Frage sehr emotional diskutiert wird. Aktuell kann ich das nicht beantworten. Wir haben ein Flächenprogramm entwickelt unter der Frage, wie groß der tatsächliche Raumbedarf ist, welche Anforderungen die angedachten Nutzer stellen und welche baulichen Synergien wir durch einen Gesundheitscampus sehen. Die Architekten sind beauftragt, auf Basis des Flächenprogramms den Modernisierungsbedarf zu ermitteln. Gleichzeitig ist eine Alternativlösung wirtschaftlich zu bewerten. Mir persönlich ist es wichtig, dass wir eine Lösung schaffen, die nicht nur fünf Jahre hält, sondern mindestens die nächsten 20 Jahre trägt.

BZ: Wie sollte die Gesellschafterstruktur aussehen?

Risse: In der Regel organisiert man solche Projekte zur Risikoteilung häufig mit zwei Gesellschaften: einer Besitzgesellschaft und einer Betriebsgesellschaft. Die Besitzgesellschaft gibt das Geld, damit der Campus gebaut werden kann. Gesellschafter sind meistens diejenigen, die das Geld geben und damit die Finanzierung sicherstellen. Sie vermietet die Flächen an eine Betriebsgesellschaft, die dann den Campus betreibt und die Flächen, OP-Kapazitäten und andere Leistungen an die Nutzer vermietet. Sie kümmert sich auch um die Reinigung, Sicherheit oder kann IT-Services zur Verfügung stellen. Für die konkrete rechtliche Ausgestaltung, insbesondere der Anzahl der Gesellschafter und der Beteiligungsverhältnisse, ist der Gesamtfinanzierungsbetrag wichtig und welcher Partner welchen finanziellen Teil in die Gesellschaft einbringt. Diese Frage ist wichtig und sollte in den nächsten vier bis sechs Wochen beantwortet werden.

BZ: Grundsätzlich wäre es also sinnvoll, wenn der Kreis Waldshut und die Stadt Bad Säckingen sagen würden, sie stemmen das Projekt gemeinsam.

Risse: Das würden wir begrüßen.

BZ: Wenn der Startschuss für den Campus im Mai fallen sollte. Wie lange würde es dann dauern, bis er seine Arbeit aufnehmen könnte?

Risse: Zwei Jahre sind da vermutlich realistisch. Das ist jedoch noch sehr lange hin und gleichzeitig besteht eine große Erwartungshaltung, dass was passiert. Deswegen wollen wir versuchen, einzelne Teilbereiche schon vorher zu realisieren – beispielsweise die Notfallpraxis. Das scheint möglich.

BZ: Warum sind Sie davon überzeugt, dass der Campus eine Chance für den Gesundheitsstandort Bad Säckingen ist?

Risse: Die Nachfrage zeigt, dass der Bedarf da ist. Unser Ziel ist es, ein ganzheitliches medizinisches Zentrum zu schaffen. Es soll die verschiedenen Akteure verbinden und zur Sichtbarkeit der medizinischen Leistung beitragen. Im Endausbau wird von dem Gesundheitscampus sicher eine Magnetwirkung ausgehen. Sei es, um Ärzte und Mitarbeiter anzuziehen, aber auch als ein Entscheidungskriterium von neuen Bürgern für die Region.