"Es gibt kein ökonomisches Argument für Kernenergie mehr"

Manuel Fritsch

Von Manuel Fritsch

Sa, 16. September 2017

Bad Säckingen

Vortrag von Ernst Ulrich von Weizsäcker im Trompeterschloss / Technische Möglichkeiten zur Energienutzung ausschöpfen und erneuerbare Energien stärken.

BAD SÄCKINGEN. Der Klimawandel ist ein Hazardspiel, der Klimaschutz ein Gewinnspiel – so lautete die Botschaft, die Ernst Ulrich von Weizsäcker am Donnerstag im Schloss in Bad Säckingen vor etwa 70 Gästen verkündete. Umweltstaatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter hatte zu dem Vortrag mit Diskussion eingeladen.

Von Weizsäcker weiß, wovon er redet. Der Wissenschaftler ist Ko-Präsident des Club of Rome, der sich für nachhaltige Entwicklung einsetzt. Bis 2005 war der SPD-Politiker Mitglied des Bundestages.

Als solches war er daran beteiligt, das erste Erneuerbare Energien Gesetz zu verabschieden. Damals, 1999, habe die Schröder-Regierung auf Drängen der SPD-Fraktion das Gesetz verabschiedet. Eine Kilowattstunde Solarstrom habe damals noch zwei Mark gekostet. Das Gesetz sah vor, dass der Staat den Solarstrom so stark bezuschusst, dass er rentabel wird. Seitdem ist der Preis des grünen Stroms immer weiter gefallen und seit 2011, so Weizsäcker, ist er billiger als Atomstrom. "Es gibt also kein ökonomisches Argument für Kernenergie mehr", stellte er fest. Dazu sei es gekommen, da der Staat die nötigen Anreize geschaffen hatte.

Und solche Anreize fordert Weizsäcker auch heute. Ein internationales System von handelbaren CO2-Lizenzen könne es unattraktiv machen, Kohlekraftwerke zu bauen, vielmehr könnten Staaten Geld verdienen, indem sie CO2 einsparen. Ähnlich sieht auch sein Vorschlag für die nationale Industrie aus. Klimaschutz solle für ein Unternehmen profitabel gemacht werden und kein zusätzlicher Kostenfaktor sein. Damit werde Klimaschutz nicht teuer, sondern sogar ein Gewinnspiel.

Dabei dürfe der Fokus nicht nur auf der Entwicklung von grüner Energie liegen. Ein zweiter Schlüssel sei die Effizienzsteigerung. Gerade in der Industrie ließe sich "die Energie- oder Materialproduktivität leicht verfünffachen", so Weizsäcker.

Allerdings scheine es so, dass die reaktionären Kräfte auf der Welt (Weizsäcker nannte Polen, die Türkei und die USA) "keinen größeren Feind" hätten als die Umweltpolitik. "Und das scheint einen Rückhalt bei einem Drittel der Bevölkerung zu haben", so Weizsäcker. "In manchen Ländern gar bei der Hälfte." Daher sei es wichtig, die politische Diskussion konstruktiv fortzuführen. Virtuos bediente Weizsäcker die Klaviatur des Antiamerikanismus – "das Land ist im Inneren ziemlich schwer krank", sagte er – um im Gegensatz die deutsche politische Kultur zu loben: "Wir leben wirklich in einem glücklichen Land."

Er sehe zwar kaum eine Chance für einen Kanzler Schulz, wünsche sich aber dennoch eine starke SPD, da eine schwarz-gelbe Koalition eine Schwächung der Kanzlerin und eine "Stärkung von so Typen wie Dobrindt oder Schäuble" wäre, die er harsch kritisierte.

Die Veranstaltung schloss nach etwa zwei Stunden und einer lebhaften Diskussion, bei der auch Rita Schwarzelühr-Sutter Rede und Antwort stand.