Bad Säckingen

Irene Krauß hat ein Buch über die Kulturgeschichte der Brezel geschrieben

Michael Gottstein

Von Michael Gottstein

Mo, 02. Januar 2017

Bad Säckingen

Um die Brezel ranken sich viele Mythen / Irene Krauß aus Bad Säckingen hat ein lesenswertes Buch verfasst.

BAD SÄCKINGEN. Vielerorts bekommen Kinder auch heute noch von ihren Paten eine große Neujahrsbrezel geschenkt, und vielleicht erinnern sich manche Bürger daran, dass diese Brezel einst als Glücks- und Liebesbringer oder als Schutz vor Krankheit und Verhexung betrachtet wurde. Die Brezel hat aber eine weit komplexere Bedeutung in der Kulturgeschichte. Diese hat Irene Krauß in ihrem neuen Buch umfangreich dargestellt.

Als langjährige Mitarbeiterin und Leiterin des Museums für Brotkultur in Ulm ist die in Bad Säckingen lebende Autorin mit dem Thema bestens vertraut. Ihr Buch erklärt mit Hilfe zahlreicher Abbildungen die Ursprünge der Brezel, beleuchtet ihre Bedeutung als Wirtschaftsgut und Imageträger Baden-Württembergs und zeigt, dass sie auch heute noch einen festen Platz im Brauchtum hat und zahlreiche regionale Abwandlungen kennt. Wie es sich für ein seriöses Werk gebührt, werden dabei auch einige Anekdoten widerlegt, selbst wenn man diese lieb gewonnen hat – etwa, dass die Laugenbrezel ihre Entstehung einem Versehen verdankte, indem ein Teigrohling versehentlich in eine Reinigungslösung mit Natronlauge fiel. Oder die Geschichte, dass der Hofbäcker Frieder aus Bad Urach im Jahre 1477 die Brezel erfunden haben soll, indem er ein Brot buk, durch das dreimal die Sonne schien.

In Wahrheit hat die Brezel ihren Ursprung nicht in Baden-Württemberg, sondern im Römischen Reich. Als Urahn kann das römische Ringbrot gelten, das bei kultischen Handlungen Verwendung fand. Die Christen nutzten es seit dem zweiten Jahrhundert als Abendmahlsgebäck. Langsam vollzog sich der Übergang vom runden zum geschlungenen Brot: Die Brezelform entwickelte sich schrittweise von "unsauber" verschlungenen Enden eines Kreises über eine einfache Sechserform, dann zwei spiegelbildliche Sechsen bis zur endgültigen Form mit den überkreuzten Armen.

Eine Holztafel aus dem siebten Jahrhundert zeigt kringelförmige Mannabrote, und auf einer Elfenbeintafel aus dem zehnten Jahrhundert findet man auf dem Altar Gebäckstücke, die der geschlungenen Brezelform schon recht nahe kamen. Handschriften aus dem elften Jahrhundert zeigen Abendmahlsdarstellungen mit der Brezel, die allmählich den Ehrenplatz auf dem Tisch einnahm. In Klöstern dienten die Brezeln oder ihre Vorläufer als Fastengebäcke und bestanden aus einem einfachen Teig mit Salzzusatz, der vor dem Backen in Salzwasser gesotten wurde. Diese Fastenbrezeln verbreiteten sich über die mittelalterlichen Klosterkirchen in Europa.

Seit dem späten Mittelalter hielt die Brezel auch in die weltliche Esskultur Einzug. Quellen aus Augsburg vom Ende des 13. Jahrhunderts legten die Brot- und Gebäcksorten und die Qualität der Backwerke genau fest. Wie sehr die Zünfte auf Qualität und Einhaltung der Gewichte achteten, zeigt ein eingemeißeltes Brezelmaß an der Heiliggeistkirche Heidelberg: ein frühes Beispiel für Verbraucherschutz. Beim Konstanzer Konzil (1414-1418) wurde die Brezel schließlich zum Massenverpflegungsmittel, denn die Richental-Chronik berichtet von fahrenden Bäckern mit mobilen Öfen, die die Scharen von Gästen versorgen sollten – darin wurden auch Brezeln gebacken. Die ursprüngliche Bedeutung als Fastengebäck verkehrte sich allmählich ins Gegenteil, als sich die Fasnachtsnarren der Brezel bemächtigten und üppige Varianten kreierten, die mit der kargen Speise von einst wenig zu tun hatten. Der Aberglaube sah schließlich in der Brezel einen Glück-, Segens- und Gesundheitsbringer.

Irene Krauß hat eine Menge an Quellen und Beispielen gesammelt und versteht es, auf ebenso seriös-lehrreiche wie kurzweilige Art die Vielfalt des Brauchtums rund um das geschlungene Gebäck darzustellen. Dabei lässt sie auch Kuriositäten einfließen, etwa das Fenster an einer Hallenkirche in Dinkelsbühl, wo anstelle des gotischen Maßwerks Brezelformen auftauchen. Natürlich wird auch die historische und aktuelle Brezelproduktion berücksichtigt, und gewürdigt wird auch das 2016 eröffnete erste Brezelmuseum der Welt in Erdmannhausen. Schließlich blickt Irene Krauß auf Amerika, wo die Brezel Karriere machte. Für jeden, der sich für das Thema interessiert, ist das reich bebilderte Buch eine Fundgrube.

Irene Krauß (Jahrgang 1962) studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Volkskunde in Bonn und München. Von 1988 bis 1995 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin, zuletzt als Leiterin des Museums für Brotkultur in Ulm. Seit 1995 ist sie freiberuflich tätig, lebt in Bad Säckingen und schreibt auch für die Badische Zeitung.

Irene Krauß: Das große Buch der Brezel. Wissenswertes, Alltägliches, Kurioses. 184 Seiten und 160 meist farbige Abbildungen. Silberburg-Verlag Tübingen und Karlsruhe 2017. Das Buch ist im Handel unter ISBN 978-3-8425-1492-8 erhältlich und kostet 19,90 Euro.