"Viele fantastische Bilder"

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Mi, 12. Dezember 2018

Bad Säckingen

BZ-INTERVIEW mit Markus Fleck vom Casal Quartett, das mit Katja Riemann im Kursaal auftritt.

BAD SÄCKINGEN. In den mystischen hohen Norden führen das Casal Quartett und die Schauspielerin Katja Riemann die Zuhörer am Samstag, 15. Dezember, in der Reihe der Bad Säckinger Kammermusik-Abende im Kursaal. Roswitha Frey sprach mit Markus Fleck vom Casal Quartett über das Programm "Sagenhaftes Nordland" und die Mischung aus Konzert und Lesung.

BZ: Ein klassisches Streichquartett und eine prominente Schauspielerin, das ist k eine alltägliche Konstellation. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Katja Riemann ?

Fleck: Es gab einen kleinen Umweg dorthin. Ich hatte mir ein musikalisch-literarisches Programm für unser Quartett ausgedacht, mit einer Schauspielerin oder einem Schauspieler, und ursprünglich war dafür Iris Berben im Gespräch. Wir hatten uns auf einer Kreuzfahrt auf der MS Europa getroffen und besprachen das an der Bar (lacht), aber das Projekt konnte nicht fortgeführt werden. Aber uns war klar, dass wir das gerne mit einer anderen hochkarätigen Schauspielerin machen wollen. So kam der Kontakt zu Katja Riemann zustande. Da sie selber musikalisch auch sehr aktiv ist, sogar mal einen Abend mit einer recht exotischen Interpretation von Schuberts Winterreise mit modernen Elementen gemacht hat und auf jeden Fall sehr musikaffin ist, liegt das Musikalische bei ihr sogar noch näher als bei Iris Berben, denke ich. Deswegen fiel das sofort auf fruchtbaren Boden und wir machten zuerst eine musikalische Schubert-Biografie mit ihr.

BZ: Wie entstand die Idee, ein Programm den nordischen Gefilden zu widmen?

Fleck: Das liegt zum einen daran, dass wir uns sehr für die nordeuropäisch-spätromantische Epoche interessieren. Die ist so farbenreich, da stecken so viele fantastische Bilder in der Musik, dass das mit der zeitgenössischen Literatur aus diesen Ländern unheimlich gut zusammengeht. Dann habe ich dieses Programm entworfen, das gerade in dieser Jahreszeit sehr gut funktioniert, wo das Mystische, Sagenumwobene, das Geschichtenerzählen einem besonders nahe liegt. Es ist im Prinzip ein Geschichtenabend mit der absolut passenden Musik.

BZ: Wie gestaltet sich auf der Bühne diese Verbindung von Geschichten und Musik?

Fleck: Es gibt drei Geschichten. Die kürzere Geschichte, die in Richtung Sagen und Märchen geht und sehr lustig ist, wird von der Musik illustriert und unterbrochen. Trotzdem geht alles nahtlos. Die größere Erzählung ist von Selma Lagerlöf, mit deren fantastischen Geschichten Generationen aufgewachsen sind. Aber man kennt vieles von ihr nicht. Wir bringen von ihr das nicht so bekannte "Heinzelmännchen von Töreby", das klingt so ein bisschen nach Märchen, ist aber eigentlich eine Geschichte um ein fatales Glücksspiel, in der sich einer verführen lässt, um zu siegen, sich mit einem Wichtelmännchen einlässt und dafür einen ganz hohen Preis bezahlt. Also eine klassische Mephisto-Geschichte. Das lässt sich grandios mit Musik begleiten. Die dritte Geschichte, die wir machen, ist eine tragische Liebesgeschichte von Alexander Kielland, der in Norwegen sehr bekannt ist als Schriftsteller. Da kommt das ganze Kolorit der Zeit, der Gesellschaft, die Doppelmoral, die Kluft zwischen Arm und Reich zum Ausdruck. Es ist eine sehr romantisch-tragische Geschichte, für die wir auch Musik gefunden haben, die das wunderbar unterstreicht. Im Prinzip machen wir Theater ohne Bühne, alle Bilder entstehen im Kopf.



BZ: Wie ist es für Sie als Musiker, mit einem Filmstar wie Katja Riemann gemeinsam zu agieren?

Fleck: Wir sind ein Quartett, das viele Partnerschaften eingeht. Für uns ist das Partnerschaftliche ein ganz starkes Element, ob das nun andere Instrumente sind oder Schauspieler und Tänzer, für uns ist das immer ein Element, das wir als Gewinn empfinden. Alles absolut partnerschaftlich, auf Augenhöhe, es entsteht eine gemeinsame Energie und ein gemeinsames Konzept.

"Da darf man sich ruhig

ein wenig gruseln"

BZ: Was ist das Faszinierende an der Kombination aus Konzert und Lesung?

Fleck: Sowohl die Geschichte als auch die Musik wird immer wieder unterbrochen, aber man empfindet die Unterbrechung nicht als störend, eigentlich verstärken sich die beiden Ebenen. Und am Ende kommt eine neue Dimension dazu, das ist das Faszinierende daran. Es ist kein Nebeneinander, sondern funktioniert eigentlich wie Musiktheater, nur dass niemand singt. Die Musik trägt die Handlung mit und umgekehrt, obwohl weder die Musik zum Text komponiert wurde noch der Text über die Musik erdacht worden ist.

BZ: Die Erzählungen zeigen den kalten, dunklen, gespenstischen Norden. Spiegelt sich das auch in der Musik?

Fleck: Absolut, extrem sogar. Das ist die gleiche Ästhetik, die man da findet. Die Komponisten liebten oft die Literatur, gerade Edvard Grieg, der Sagen oder Lieder vertont hat, immer sehr nahe am Text. Im Prinzip kann man sich zu seiner Musik auch Geschichten ausdenken, weil alles sehr bildhaft ist. Es sind an diesem Abend alles herrliche Kamingeschichten, bei denen man sich ruhig ein bisschen gruseln darf. Die Sätze aus verschiedenen Quartetten, die wir ausgesucht haben, greifen immer die Stimmung der Geschichten auf. Wir fahren manchmal richtig rein in den Text mit der Musik. Das hat auf jeden Fall eine dramaturgische Komponente.

BZ: Sie haben Werke von norwegischen, finnischen, dänischen, lettischen und russischen Komponisten im Programm, ein weites Spektrum an Musik.

Fleck: Bei den Komponisten, die wir aussuchten, merkt man eine gewisse Zugehörigkeit, schon rein geografisch. Riga, St. Petersburg, Oslo oder eben Stockholm, alles in den gleichen Breitengraden, man spürt irgendwo die Ästhetik einer Gegend, wo die Nächte lang und die Winter viel härter sind als hier am warmen Hochrhein. Dort oben haben sie Winter, da kommt man manchmal gar nicht mehr aus dem Haus, weil der Schnee meterhoch liegt. Diese Stimmungslage, wo man sich zurückzieht, wo sich Geschichten entspinnen, wird an diesem Abend stark spürbar.

BZ: Das Casal Quartett spielt nun seit fast 20 Jahren zusammen, spielt es heute immer noch in der Ursprungsbesetzung von damals?

Fleck: Zu 75 Prozent. Unser erster Geiger Felix Froschhammer, der aus München stammt und in Lausanne lebt, ist seit 2013 dabei. Alle anderen sind von Anfang im Boot, das ist eine ganz familiäre Geschichte.

"Sagenhaftes Nordland", am Samstag, 15. Dezember, 19.30 Uhr, im Kursaal in Bad Säckingen. Tickets für die Veranstaltung gibt es im Vorverkauf bei der Badischen Zeitung in Bad Säckingen, Tel. 07761/9219-0, oder online bei BZ-Ticket unter http://mehr.bz/nordland

Zur Person: Der Geiger und Bratschist Markus Fleck, geboren 1968, stammt aus Augsburg und wuchs in einer Musikerfamilie auf. Er ist Mitbegründer und Bratschist des 1996 gegründeten Casal Quartetts und lebt in Hohentengen, wo auch das Domizil des Ensembles ist.