"Wir hatten damals ja nichts"

Roswitha Frey

Von Roswitha Frey

Fr, 04. Mai 2018

Bad Säckingen

BZ-INTERVIEW mit Stadtarchivarin Eveline Klein zur Ausstellung Fremdlinge – Flüchtlinge und Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg.

BAD SÄCKINGEN. "Fremdlinge – Flüchtlinge und Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg in Säckingen" ist der Titel einer Ausstellung, die am Sonntag, 6. Mai, im Haus Fischerzunft eröffnet wird. Roswitha Frey sprach mit Stadtarchivarin Eveline Klein, die diese historische Ausstellung konzipiert hat.

BZ: Frau Klein, wie beleuchten Sie das bewegende Thema Flüchtlinge?

Klein: Es geht um Schicksale von Flüchtlingen und Vertriebenen in der Zeit von Kriegsende bis etwa Mitte der 1950er-Jahre. Der Grund, warum ich dieses Thema gewählt habe, ist, dass das große Thema Flüchtlinge sehr aktuell ist. Ich wollte zurückschauen, wie das damals war, weil nach dem Zweiten Weltkrieg sehr viele Flüchtlinge und Vertriebene unterwegs waren. Mich hat auch interessiert, ob man Parallelen zu heute finden kann und wie das damals mit der Integration funktioniert hat. Der zweite Grund ist, dass es jetzt noch die Möglichkeit gibt, Zeitzeugen zu befragen.

BZ: Und dann sind Sie auf die Suche nach Zeitzeugen gegangen?

Klein: Genau. Ich habe zunächst mal mehrere kleine Zeitungsberichte verfasst zu dem Thema und habe immer am Schluss geschrieben, wer seine Geschichte erzählen möchte und wer vielleicht noch Gegenstände aus der Zeit hat, der möge sich doch bei mir melden. Und dann haben sich Leute gemeldet. Wir haben, was ich sehr schön finde, auch ein Projekt mit Schülern der Rudolf-Eberle-Schule gemacht, ein Zeitzeugenprojekt. Das wird jetzt eine kleine Ausstellung innerhalb der Ausstellung sein in einem Raum, wo Plakate zu sehen sind, die Schüler der elften Klasse der Rudolf-Eberle-Schule mit den Zeitzeugen gemacht haben. Die Schüler haben auch Videoaufnahmen gemacht, da wird überlegt, ob man da etwas zusammenschneiden kann.

BZ: Haben Sie selbst auch mit Zeitzeugen gesprochen?

Klein: Ja, ich habe selbst auch mit Zeitzeugen Interviews gemacht, von denen einer noch in Bad Säckingen lebt, und andere, wie ein Mann und eine Frau, mittlerweile nicht mehr hier wohnen. Sie haben viele Sachen zur Verfügung gestellt, zum Beispiel Fotografien.

BZ: Werden in der Ausstellung die Geschichten dieser Zeitzeugen erzählt?

Klein: Es sind insgesamt sechs Ausstellungsräume. In jedem Raum finden sich Text- und Bildtafeln, die auf den Hintergrund eingehen und Dokumente wie Fotografien zeigen, aber auch Vitrinen, in denen die Objekte ausgestellt sind. Und in zwei Räumen ist das Schwerpunktthema Zeitzeugen, da sind auch Tafeln zu sehen, auf denen die Zeitzeugen ihre Geschichte in Ich-Form erzählen. Einer dieser Zeitzeugen und seine Schwester haben noch viele Objekte aus der Zeit ganz am Anfang in Säckingen, die sie als Leihgaben zur Verfügung gestellt haben.

BZ: Um welche Objekte handelt es sich?

Klein: Das sind zum Teil Spielsachen, die in den Flüchtlingslagern gebastelt wurden, das sind Fotos und Zeichnungen, es ist Geschirr, das sie von der Wohlfahrt damals bekommen haben, es sind Dokumente, Kinderkleider, die aus irgendwas zusammengenäht wurden, oder selbstgemachte Kinderschuhe. Ich war vollkommen erstaunt, was da noch vorhanden ist. Denn wenn ich nach Objekten gefragt habe, kam von den meisten Zeitzeugen die Antwort: "Wir hatten damals ja nichts und konnten auch nichts mitnehmen, wir hatten nur die Kleider, die wir anhatten, wir haben aus der Zeit nichts mehr."

BZ: Woher kamen die meisten der Zeitzeugen?

Klein: Aus Ostpreußen, aber auch einige aus dem Sudetenland, das waren die hauptsächlichen Herkunftsgebiete.

BZ: Schildern sie die Flucht und das Ankommen in Säckingen?

Klein: Der Schwerpunkt liegt auf der Zeit in Säckingen, auf dem Ankommen. Ein wichtiges Thema ist, dass die Flüchtlinge und Vertriebenen erst mal im Lager bei der Lonzona untergebracht worden sind, die hatten ein Barackenlager noch vom Reichsarbeitsdienst, da waren Fremdarbeiter untergebracht. Danach haben die Franzosen diese Baracken benutzt, auch noch weitere aufgestellt, als Lager für internierte Deutsche. Im Anschluss daran wurde es dann ein Durchgangslager für Flüchtlinge und Vertriebene im damaligen Landkreis Säckingen. Wenn die Sonderzüge mit den Flüchtlingen und Vertriebenen hier ankamen, hat man sie am Bahnhof begrüßt und ist mit ihnen zum Lonzona-Lager, wo sie erst mal untergebracht wurden. Dann wurden sie von dort aus auf die Gemeinden im Kreis verteilt. Die Unterbringung war ein großes Problem. Es herrschte Wohnungsnot, das wird in der Ausstellung thematisiert, ebenso, dass in der Folge Baugenossenschaften entstanden sind, zum Beispiel die Neue Heimat, und eine rege Bautätigkeit eingesetzt hat. Das Stadtbild von Bad Säckingen hat sich in den 50er-Jahren doch sehr verändert, auch das ist ein Thema.

BZ: Wie sind die Flüchtlinge damals aufgenommen worden?

Klein: Man muss dazu sagen, dass jeder Zeitzeuge das anders erlebt hat. Es gibt welche, die von Ablehnung sprechen, und andere, die sagen, wir hatten keine Probleme. Das kann je nach Person unterschiedlich sein. Aber wenn man allgemein in der Forschung schaut, muss man sagen, dass die Integration damals relativ schnell funktioniert hat. Zum einen fanden die Leute in der Regel sehr schnell einen Arbeitsplatz und konnten Geld verdienen, es kam ja dann die Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders, woran die Flüchtlinge auch sehr starken Anteil hatten mit ihrer Arbeitsleistung. Es ging für alle bergauf. Viele konnten sich auch bald durch Wohnungsbauförderung ein Eigenheim leisten, das war ganz wichtig für die Menschen, die alles verloren hatten, nun wieder etwas Eigenes zu haben. Ein Faktor zur Integration waren auch die Vereine. Hier in Bad Säckingen wurde als Beispiel der Turnverein genannt. Andere Flüchtlinge haben sich in der Kirche engagiert und haben so Kontakt gefunden.

BZ: Also richten Sie einen vielfältigen Blick auf das Thema?

Klein: Ja, wir haben neben den Zeitzeugenberichten, den persönlichen Erinnerungen und Dingen auch Dokumente aus dem Archiv und Zeitungsausschnitte. Es gab in der Zeit viele Presseberichte über die Flüchtlinge und Vertriebenen in der Stadt. Jedes Mal, wenn ein Zug ankam, gab es wieder einen Pressebericht. Daraus habe ich vieles entnehmen können.

BZ: Ist es die erste große Ausstellung, die Sie als Stadtarchivarin verantworten?

Klein: Ja. Das Stadtarchiv macht ja alle zwei Jahre eine historische Ausstellung, die letzte im Jahr 2016 hat noch mein Vorgänger Peter Müller gemacht, darin ging es um Säckingen im Nationalsozialismus. Die neue Ausstellung über Flüchtlinge und Vertriebene schließt sich, zeitgeschichtlich gesehen, daran an. Das war auch mit ein Grund, warum ich dieses Thema gewählt habe, neben dem aktuellen Bezugspunkt.Wir haben auch ein Begleitprogramm mit Führungen, Vorträgen, Lesungen mit Szenen und musikalischen Beiträgen sowie einen Abend mit Zeitzeugen von damals und Flüchtlingen von heute, die über ihre Fluchterfahrungen sprechen. Damit wollen wir den Bogen ins Heute spannen.