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26. Oktober 2010

Erinnern, hinschauen, nicht schweigen

Schüler setzen einen Mahnstein auf dem Friedhof Badenweiler im Gedenken an jüdische Bürger.

  1. Hauptschüler aus Badenweiler bei der Enthüllung des Mahnsteins, den sie geschaffen haben, auf dem örtlichen Friedhof. Foto: Sigrid Umiger

BADENWEILER. Ein Mahnmal ist mehr als ein Gedenkstein. Das Mahnmal fordert, sich der Vergangenheit zu stellen und daraus zu lernen: Hinschauen statt wegschauen. Dieser Appell begleitete am Sonntag auf dem Friedhof Badenweiler die Enthüllung eines Mahn-Steins, der an die Deportation jüdischer Bürger im Oktober 1940 erinnern soll.

Neun Schüler der René-Schickele-Hauptschule Badenweiler haben zwei Mahnsteine gestaltet. Einer wurde als Teil des zentralen Mahnmals nach Neckarzimmern transportiert, der andere erinnert fortan auf dem Friedhof in Badenweiler an die Vernichtung jüdischer Bürger, wie die drei Schwestern Charlotte, Bertha und Gertrude Monasch, die aus dem Glasbachweg in Badenweiler nach Gurs verschleppt und im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurden. Einen der rohen Steine hat Andreas Orendt gestiftet, der zweite stammt von Steinmetz Heinz Schwab, der den Schülern auch zeigte, wie man mit Hammer und Meißel umgeht.

In der voll besetzten Friedhofshalle dankte Schulrektor Ekkehard Wurster Projektbegleitern wie Hans Hermann Bechinger und vor allem der pensionierten Lehrerin Inge Rosenkranz, die das Projekt organisiert und geleitet hat. Schüler schilderten bewegend in der Ich-Form die Leidenswege jüdischer Bürger. Die Monasch-Schwestern seien in der Pogromnacht am 9. November 1938 noch von Nachbarn geschützt worden. Zwei Jahre später sei der Dorfgendarm aber gezwungen worden, die drei Frauen nach Freiburg zu fahren, zur Sammelstelle für den Abtransport ins südfranzösische Gurs.

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"Vergangenheit betrifft uns alle", sagte Pfarrer Rolf Langendörfer. Man müsse wissen, was war, um zu wissen, was heute wichtig sei und wohin Schweigen und schweigsames Dulden führten. "Wenn die Leute schweigen, werden die Steine schreien", zitierte Langendörfer aus der Bibel. Der von den Schülern gestaltete Mahnstein hat viele Stufen. Die erste Stufe symbolisiere die Anfänge, wie das Ausgrenzen von Menschen, die letzte stehe für das Gleis, das in Auschwitz endete, erläuterte Langendörfer.

Bei den Heimattagen werde der Wohlfühlcharakter von Heimat betont. "Was mögen die jüdischen Bürger gedacht haben, als man sie aus ihrer Heimat vertrieben hat?", fragte Rolf Schuhbauer, der die Geschichte der Juden am Oberrhein erforscht hat. Wenn die Liebe zur Heimat eine unerwiderte Liebe sei und Menschen von den eigenen Landsleuten ausgrenzt und vertrieben würden – bis in den Tod, werde der Traum von Heimat zum Alptraum. Spätestens als das Haus der Monasch-Schwestern samt Inventar vom Müllheimer Finanzamt verkauft worden sei, hätten alle Nachbarn wissen müssen, dass die Frauen nie mehr zurück kommen, so Schuhbauer. Musikalisch begleitet wurde die Gedenkfeier von der Trachtenkapelle. Nach der Enthüllung segnete der katholische Pastoralreferent Klaus Nepple das ökumenische Mahnmal.

Margot Wicki-Schwarzschild, die in der Schweiz wohnt, hat die Deportation nach Gurs vor 70 Jahren überlebt. Die Zeitzeugin war eigens zur Gedenkstein-enthüllung angereist und erklärte: "Ich bin tief gerührt über das Erinnern statt Vergessen, Reden statt Schweigen und Hinschauen, statt Wegschauen". Je mehr Deutschland seine dunkle Vergangenheit aufarbeite, umso lieber komme sie zurück. "Deutschland ist trotz allem meine Urheimat", betonte sie sichtlich bewegt.

Autor: Sigrid Umiger