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03. Juli 2008

Großherzogs Denkmalfrevel

Nur noch wenige Spuren zeugen von einem monumentalen römischen Tempel in Badenweiler

  1. Fotografie der 1892 begonnenen Abrissarbeiten römischer Mauern am Platz der heutigen evangelischen Kirche in Badenweiler. Foto: Uni Freiburg

  2. So könnte der Tempel in Badenweiler einmal ausgesehen haben. Das Modell steht in der evangelischen Pauluskirche. Foto: Bernd Michaelis

  3. Professor Hans Ulrich Nuber machte sich gestern ein Bild vom Fortgang der Arbeiten.

BADENWEILER Hat Großherzog Friedrich I. von Baden (1852–1907) Denkmalfrevel begangen? Er hat. Hätte er nicht, stünde die evangelische Pauluskirche heute nicht an ihrem Platz und die Gemeinde Badenweiler wäre, neben der römischen Badruine, um eine weitere bedeutende Fundstelle reicher: die Grundmauern eines monumentalen römischen Tempels aus der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts nach Christi Geburt.

Grabungsleiterin Gabriele Seitz vom Provinzialrömischen Institut der Universität Freiburg spricht, bezogen auf die frühen 1890er Jahre, in einem wissenschaftlichen Aufsatz von einem "planmäßig durchgeführten Abriss gewaltiger römischer Bausubstanz" in Sichtweite der 1784 zu Tage geförderten Römerthermen. Im Gespräch mit der BZ verdeutlichte sie, dass der Kurgemeinde damit, bis auf wenige Reste, ein bedeutendes Denkmal verloren gegangen sei, das zu einer für die Römer wichtigen Dreiheit gehörte: 1. die heilkräftige Quelle, 2. die Gottheit, die in der Quelle wohnte, und 3. der Anwendungsbereich, also die Therme.

Im Kurort machte Ende des 19. Jahrhunderts der Spruch die Runde: "Man ist in Badenweiler Gott näher als man wünscht." Aus dem Kreuzgewölbe der evangelischen Ortskirche, dem Vorläuferbau der heutigen Pauluskirche, brachen damals Steine aus und drohten die Gläubigen zu erschlagen. Ein Neubau musste her. Der badische Oberbaudirektor Joseph Durm wurde damit beauftragt.

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Unverständlich erscheint heute, was dann geschah. Obwohl Durm feststellte, dass sich im Untergrund größere Mengen archäologischer "Altlasten" befinden, und obwohl er den Monarchen vor den immensen Kosten eines Kirchenneubaus an dieser Stelle warnte, ordnete der Großherzog diesen 1893 an. Und zwar genau dort, wo früher ein großer römischer Tempel stand. Heute weiß man, dass es ein gallo-römischer Umgangstempel mit klassisch-italischer Hauptfront, platziert auf einem monumentalen, die Ortsansicht krönenden Podium war.

Als 1892 für den Neubau der evangelischen Kirche das Gelände terrassiert und dabei ein Hang bis zu fünf Meter abgetragen wurde, wurden zugleich mit den romanischen und gotischen auch gewaltige römische Mauerzüge beseitigt. Dies, obwohl es damals in Baden schon ein Gesetz mit konservatorischen Geboten und sogar einen Denkmalpfleger gab, der genau für diese Belange zuständig war.

Was blieb, war ein 1899, ein Jahr nach Vollendung des Kirchenbaus gefertigter Plan des Oberbaudirektors Durm, der, bezogen auf den Grundriss der neuen Kirche, wenig standortgetreu die römischen Mauern und die zweier Vorgängerkirchen überliefert. Der Plan ließ für die römischen Bauwerke dieser Fundstelle weder einen vollständigen Grundriss erkennen, von dem die Zweckbestimmung zweifelsfrei hätte abgeleitet werden können, noch waren in der Folgezeit die dort gefundenen Architekturteile wissenschaftlich beachtet worden. Die Forschung, so Gabriele Seitz, nahm von dieser zweiten Badenweiler Fundstelle von herausragender Bedeutung kaum Notiz.

Private Baumaßnahmen unmittelbar östlich der Kirche machten 1994 eine Erkundungsgrabung nötig, die in Zusammenarbeit von Landesdenkmalamt Freiburg und der Abteilung für Provinzialrömische Archäologie der Universität Freiburg erfolgte. Festgestellt wurde dabei, dass die römischen Baustrukturen nicht auf dem betreffenden Grundstück verlaufen. Weiteren Aufschluss über sie bekam man erst später. Notwendige Arbeiten an der Kirche – Anbau einer Toilette an die Sakristei 1995/96 und Einbau einer Fußbodenheizung 1998 – riefen erneut die Archäologen auf den Plan. Bei den folgenden Grabungen wurden wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft, korrigiert, erweitert und abgerundet.

Die Fundamente des römischen Tempels sollen nun sichtbar gemacht werden. "Man sieht künftig einen Schnitt durch das Mauerwerk in der Horizontalen", so Planer Jochen Jozwiak. Die antiken Mauerkronen werden freigelegt, mit einem schützenden Flies abgedeckt und mit einem ähnlich farbigen Sandstein überbaut, der die Strukturen im Boden an der Oberfläche sichtbar macht. Zwei bis drei Wochen dauern die Arbeiten. Die Kosten von 27 000 Euro teilen sich die politische und die kirchliche Gemeinde.

Autor: Bernd Michaelis