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19. November 2011

Tote erinnern ans Sterben

Uralte Fresken in der Pauluskirche erinnern an die Vergänglichkeit – nicht nur am Totensonntag.

  1. „Was ihr seid, das waren wir“ – der sogenannte Totentanz in der Pauluskirche in Badenweiler Foto: Drescher

BADENWEILER. Tote, die tanzen? Ein makabrer Anblick. Und doch gibt es gerade im kirchlichen Umfeld einige Totentanz-Darstellungen. Auch in der evangelischen Kirche in Badenweiler befindet sich ein Totentanz; er gilt als einer der ältesten Deutschlands, wenn auch als untypischer. Tatsächlich hatten die Fresken, die Ende des 14. Jahrhunderts entstanden sind, einst die Funktion einer "Art Bilderpredigt", wie Alt-Bürgermeister Rudolf Bauert erzählt. Aus Anlass des Totensonntags, an dem die evangelischen Christen morgen an ihre Verstorbenen erinnern, hat er der BZ ein paar Details darüber erzählt.

Kaum nähert man sich den sechs Gipstafeln, schon wird die Szene dank des Bewegungsmelders ins Licht getaucht. Drei Gerippe auf der linken Seite und drei Männer auf der rechten laufen aufeinander zu. Über ihnen sind nicht mehr ganz erhaltene Schriftbänder zu lesen. Sie sagen, um was es hier geht: um die Begegnung von Leben und Tod als Mahnung an die Lebenden. Rudolf Bauert fasst zusammen, was dort steht: "Was ihr seid, das waren wir, was wir sind, das werdet ihr."

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Bei genauerem Hinsehen ist zu erkennen, dass der Mann ganz rechts – der von den Toten am weitesten entfernt steht – ein Jüngling mit langem Haar ist. Vornehme Kleidung und ein Falke als Zeichen von Adel sind aber nicht nur ihm zu eigen. Auch der ältere Mann in der Mitte und der Greis, der sich von den Skeletten neben sich abwendet, sind Edelleute. Sprich: Auch Geld hilft nicht, wenn der Tot naht – alle müssen sterben. Selbst wer nicht lesen kann, versteht solche Bilder.

Dass die Fresken heute hier hängen, ist keine Selbstverständlichkeit. Denn sie stammen aus der Turmvorhalle des 1892 abgebrochenen Vorgängerbaus der Pauluskirche. Dieser war dem Großherzog und den Kurgästen nicht mehr gut genug gewesen, wie Bauert weiß. Kriegerische Zeiten hatten daran ihre Schuld, denn das Gotteshaus wurde nach Beschädigungen eher behelfsmäßig ersetzt; nur die Turmhalle im Westen blieb erhalten. Allerdings waren die Fresken mit der Legende von den Lebenden und den Toten seit der Reformationszeit übertüncht gewesen.

Wieder entdeckt wurden sie 1866, und als 1891 der alte Turm abgerissen wurde, rettete ein Münchner Experte die Malereien, indem er sie von der Wand ablöste und auf Gipsplatten übertrug. Seit den 1950er Jahren hängen sie an jener Wand im Chor, vor der einst die Kirchenbänke der großherzoglichen Familie standen.

Bauert weiß, dass das Motiv des Memento mori, der Verweis auf die Sterblichkeit, im Mittelalter aus Nordafrika über Spanien und Frankreich nach Mitteleuropa gekommen ist. Die Ursprünge der einstigen Peterskirche sind indes viel älter: Beim Abriss zeigte sich, dass sie auf gewaltigen Grundmauern eines römischen Tempels stand. Auch auf Reste einer frühchristlichen Basilika und der aus einem Merian-Stich von 1643 bekannten gotischen Kirche ist man gestoßen.

Im Chorraum hängen noch weitere alte Fresken, die den Wechsel von der Peters- in die Pauluskirche überstanden haben: Sie stellen Petrus und Paulus dar, also die Namensgeber beider Kirchen. Zudem ist eine Katharina dargestellt, kämpferisch mit einem Schwert. Es soll wohl Catharina von Konstantinopel sein. Möglich ist, dass dieses jüngere Wandbild von Katharina von Burgund, die einst in Badenweiler weilende Gemahlin von Herzog Leopold von Österreich, gestiftet wurde.

Autor: Andrea Drescher