Glauben im offenen Dialog

Das Gespräch

Von Das Gespräch

So, 09. September 2018

Basel

Der Sonntag Der Dekan der Theologischen Fakultät Basel über die evangelische Vollversammlung.

Vertreter von 50 Millionen evangelischen Christen in 100 Kirchen der Reformation aus ganz Europa treffen sich ab Donnerstag in Basel. Der frischgewählte Dekan der Theologischen Fakultät an der Universität Basel, Reinhold Bernhardt, wird seine Studie über die religiöse Vielfalt in Europa vorstellen.

Der Sonntag: Herr Bernhardt, welche Religionen spielen neben dem Christentum in Europa eine Rolle?

An erster Stelle ist der Islam zu nennen. Ein Trend in Europa geht in Richtung Osten; besonders der Buddhismus ist eine Modereligion geworden, wobei er im Westen oft verklärt wird und nicht seinen Erscheinungsformen in Asien entspricht. Ein Thema, das mir besonders wichtig ist, sind die neuen religiösen Bewegungen im Bereich der Esoterik, wie sie sich in Geistheilung und anderen Praktiken zeigen. Basel ist eines der Zentren in Europa; vor zehn bis 15 Jahren gab es hier einige große Esoterikmessen.
Der Sonntag: Haben Sie auch den Atheismus und Agnostizismus untersucht?

Nein, nicht in dieser Studie. Aber sie gehören natürlich auch in die Religionslandschaft. Es gibt einen militanten Atheismus, der quasireligiöse Züge trägt und missionarisch tätig ist. Unser Thema war die Frage, wie sich die evangelischen Kirchen in Europa zur Religionsvielfalt verhalten. Ich werde vorschlagen, den Umgang mit den erwähnten neuen religiösen Bewegungen zum Thema weiterer Studien zu machen. Aber das muss der Kongress entscheiden.
Der Sonntag: Das Thema Antisemitismus spielt keine Rolle in Ihrer Studie?

Nein, auch das Judentum selbst kommt in dem Bericht nicht vor, selbst der Islam nur am Rande. Das sind Themen für eigene Studien. Uns geht es generell um die Beziehungen zwischen Protestanten und anderen Religionen: Wir plädieren dafür, alte Frontstellungen abzubauen und den eigenen Glauben nicht konfrontativ, sondern in einem offenen Dialog in die Begegnung mit Andersglaubenden einzubringen.
Der Sonntag: Sie hatten im Vorfeld das Jesuswort erwähnt: "Niemand kommt zum Vater denn durch mich." Wie können Christen so andere Religionen ernst nehmen?

Einen ähnlichen "Wahrheitsanspruch" – ein Wort übrigens, das ich nicht mag, weil es beim Glauben nicht um "Ansprüche" geht – kennen natürlich auch andere Religionen. Aber man muss diese und ähnliche Bibelstellen im historischen und literarischen Kontext sehen. Es ist ein Unterschied, ob dieser Satz von einem gläubigen Menschen gesagt wird, der in Christus seinen Weg zu Gott gefunden hat, oder ob es als allgemeingültiges Gesetz formuliert wird, mit dem Abweichler ausgegrenzt werden. Der Ton macht die Musik.
Der Sonntag: Wer hat es einfacher im Dialog mit anderen Religionen: Protestanten oder Katholiken?

Das ist schwer zu sagen. Die Katholische Kirche war von Anfang an eine Weltkirche und sucht seit den 60ern ausdrücklich den Dialog mit anderen Religionen. Damals hinkten die evangelischen Kirchen eher etwas hinterher. Das hat sich mittlerweile geändert. Aber es gibt evangelikale Strömungen, die sich nach wie vor abschotten. Doch der interreligiöse Dialog bedeutet ja nicht, seinen Glauben aufzugeben, sondern ihn einzubringen.
Der Sonntag: Ist der interreligiöse Dialog nicht manchmal einfacher als der innerchristliche?

(Lacht) Ja, den Eindruck hat man oft. Man stößt überall auf Betonköpfe, auch bei den Protestanten. Ich finde es aber spannend, wie der Dialog mit anderen Religionen neue Impulse für den ökumenischen Dialog hervorbringt.
Der Sonntag: Wie stehen die Protestanten aus ganz Europa da?

Wir haben zum einen den traditionell katholischen Süden wie Italien und Spanien, aber auch Länder wie Polen und Irland, dann das gemischte Mitteleuropa wie Deutschland und die Schweiz. Je weiter man in Europa nach Norden geht, desto evangelischer wird es. Frankreich ist ein Sonderfall als traditionell katholisches Land, dessen Laizismus die Religion aber ins Private verdrängt hat. In Südosteuropa ist der Islam vorherrschend, während es im ganzen Osten bis zum Ural nur kleine evangelische Freikirchen neben den orthodoxen, staatsnahen gibt.
Der Sonntag: Welchen evangelischen Gruppierungen fällt der interreligiöse Dialog leichter: den kleinen, wie in Osteuropa, oder den großen, wie in Deutschland?

Es gibt Minderheiten, die sich abschotten und andere, die Stärke und Schutz in der Zusammenarbeit suchen. Auffällig ist zum Beispiel der Unterschied zwischen Ungarn, wo jeder Kontakt mit dem Islam verhindert wird, und Großbritannien, das durch seine Kolonialgeschichte schon seit 200 Jahren mit dem Islam zu tun hat.
Der Sonntag: Und Deutschland? Macht das Schuldbewusstsein der bereitwilligen Zusammenarbeit vieler Protestanten mit den Nazis nicht offen für den Dialog?

Schuldbewusstsein ist ein wichtiger Impuls für den Dialog mit dem Judentum, wie überhaupt für interreligiöse Dialoge. Die meisten evangelischen Landeskirchen haben ihre Vergangenheit im Nationalsozialismus gut aufgearbeitet und sind an guten Beziehungen zum Judentum interessiert. Das Gesprächführte Boris Burkhardt