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25. Juni 2011

Hommage an den Widerspruchsgeist

Die Ausstellung "Hier & Dort" widmet sich daten- und faktenreich der Geschichte Basels im 20. Jahrhundert .

BASEL. Man hätte sich wohl einen phantasievolleren Titel denken können. "Hier & Dort", die Ausstellung zur Basler Geschichte im 20. Jahrhundert, die noch bis in den Herbst beim Bahnhof St. Johann zu sehen ist, kommt inhaltlich aber weniger schüchtern daher, als ihr Name vermuten lässt. Ganz baslerisch ist ohnehin beides. Schließlich gibt hier nicht jedermann auf den ersten Blick zu erkennen, was er ist und schon gar nicht, was er hat. Gleichzeitig gehört das Infragestellen und Aufbegehren aber ans Rheinknie wie die Glocke ans Gebirgsmilchvieh.

Widerspruchsgeist ist laut Ausstellungsmacher Christoph Stratenwerth jedenfalls etwas sehr baslerisches, was "Hier & Dort" mit einer kaum überschaubaren Menge an Daten, Fakten und Abstimmungsergebnissen belegt. Wenn auch nicht gleich überall der Geist vernehmbar wird, der stets verneint, zählte doch die Stadt Basel 1922 bereits zu den Pionieren bei der Abschaffung des Schulgebets. Allerdings keimten auch größere Widerstandbewegungen in der Stadt, so etwa die "Gewaltfreie Aktion Kaiseraugst" (GAK), die 1975 mit einer elfwöchigen Besetzung und insgesamt 16 000 mobilisierten Atomkraft-Gegnern den Bau des baselnahen AKW verhinderte.

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Auch wenn man sich heute noch immer die Augen reibt, zählte die Stadt des Erasmus von Rotterdam auch schweizweit zu den Pionieren des Frauenstimmrechts. Es galt, zunächst begrenzt auf die Kantonalwahlen, seit 1966. Vorangegangen waren den Baslern, die seit 1920 immerhin sechsmal abgestimmt hatten, ehe sie auch Wählerinnen an die Urne ließen, erst die französischsprachigen Kantone Genf, Neuenburg und Waadt. Im Berner Bundesparlament konnte sich das allgemeine Frauenwahlrecht erst 1971 durchsetzen. Deutschland war schon 1918 weiter, öffnete demgegenüber aber erst ab 1900 sukzessive seine Universitäten vollumfänglich. Vorher waren Frauen nach Zürich ausgewichen, die erste Basler Studentin schrieb sich 1890 ein.

Vergleiche mit den Nachbarn umgeht die Ausstellung indes weitgehend, und sie tut gut daran, galt es doch der Masse der vorgelegten Daten Grenzen zu setzten. Jedem Jahr wurden von 1900 bis 1999 etwa zehn Ereignisse zugeordnet, schlaglichtartig von 380 Exponaten illustriert. Ein historischer Fahrkartenautomat ist jetzt etwa zu bestaunen, eine über allem stehende Wahlurne oder eine Crossair-Uniform sowie zahllose Fotos, Filme und Dokumente. Auch über die nahen Grenzen lässt "Hier & Dort" den Blick gelegentlich schweifen. Wenn im September 1945 wegen der Bombardierung des Wasserkraftwerks Kembs der Rheinpegel um drei Meter fällt, vermerkt das quer durch die Ausstellung verlaufende Jahresband das ebenso wie die Brände in Folge des alliierten Fliegerangriffs auf Lörrach am 23. April. Auch an die Hakenkreuzfahne, die 1933 am Badischen Bahnhof aufgezogen wird, erinnert das Band und vermerkt dazu: "Protestaktionen sind die Folge, doch die Polizei treibt die Demonstranten auseinander."

Neben der Politik spielen Kultur und Bauen eine wichtige Rolle. So entscheiden sich die Basler Stimmbürger 1936 für den Abbruch des alten Zeughauses am Petersplatz, an dessen Stelle das neue Kollegienhaus der Universität entsteht. Nicht einverstanden sind sie dagegen 1960 mit dem Abbruch des schräg gegenüber liegenden historischen Rosshofs, an dessen Stelle ein Investor ein zwölfstöckiges Parkhaus hatte bauen wollen. Mehr als eine knappe Bemerkung wert war den Ausstellungsverantwortlichen auch das 1967 gegen den Ankauf zweier Picassos für das Kunstmuseum ergriffene Referendum. Eine klare Mehrheit hatte sich damals dafür ausgesprochen, für die "Zwei Brüder" (1905) und den "Sitzenden Harlekin" (1923) sechs Millionen Franken zu bewilligen. Dass die Werke heute ein Vielfaches der Ankaufsumme wert sein dürften, ist das eine, dass der Künstler, dem die Bilder selbst längst nicht mehr gehörten, über die Wertschätzung durch die Basler erfreut genug war, dem Kunstmuseum spontan vier weitere Werke zu schenken, kommt als Anekdote hinzu.

Zwar kann die Schau aus der Fülle an Informationen und Geschichten jeweils nur Auszüge anbieten. Aber auch dieser, auf rund 800 Quadratmetern ausgebreitete Überblick in der gut 150 Jahre alten Güterhalle am Bahnhof Sankt Johann, ist eindeutig zu viel für nur einen Besuch. Wer mehrmals kommen will, kann eine Dauerkarte buchen, wer ein zweites Mal mit einem neuen Interessenten an der Kasse steht, hat noch bis Ende Juni als Wiederholungsgast freien Eintritt, Besucher mit Kindern, die bis 16 Jahre nichts zahlen, kommen in den Genuss einer Ermäßigung. Dasselbe gilt auch für Inhaber des oberrheinischen Museumspasses. Sehenswert ist zusätzlich zur Ausstellung die Halle, die, so es nicht noch ein erfolgreiches Referendum oder andere Formen typisch baslerischen Widerspruchs dagegen gibt, voraussichtlich 2012 abgebrochen wird.

"Hier & Dort": bis 2. Oktober, täglich 10 bis 20 Uhr, Basel, Güterhalle Bahnhof St. Johann, Infos: Tel.  004161/4851272, http://www.hier-und-dort.ch

Autor: Annette Mahro