Schweigen ist keine Option

Das Gespräch führte

Von Das Gespräch führte

So, 03. Dezember 2017

Basel

Der Sonntag Saïda Keller-Messahli rät zu einer Allianz gegen den politischen Islam.

Die Muslimin Saïda Keller-Messahli fordert Nulltoleranz gegenüber dem politischen Islam. Am 5. Dezember präsentiert sie im Volkshaus in Basel ihr neues Buch "Islamistische Drehscheibe Schweiz. Ein Blick hinter die Kulissen der Moscheen". Im Interview erklärt Keller-Messahli, warum eine neue Definition der Religionsfreiheit nötig ist.

Der Sonntag: In Ihrem Buch warnen Sie davor, dass westliche Gesellschaften von radikal-islamistischen Predigern unterwandert werden. Pauschalisieren Sie hier nicht negative Einzelfälle und schüren Ängste?

Überhaupt nicht. Ich verwende Einzelfälle, um zu illustrieren, wie die Szene funktioniert. Diese Beispiele stehen aber durchaus für die Regel. Als ich damit begonnen habe, in diesen Milieus zu recherchieren, war ich sehr beunruhigt. Denn die Radikalisierung des Islam geschieht international vernetzt, abseits der Öffentlichkeit und wird von sehr potenten Geldgebern gestützt.
Der Sonntag: Sie werfen Saudi-Arabien und Katar vor, den radikalen Islam in westlichen Ländern zu stützen und zu finanzieren. Woraus schließen Sie das? Haben Sie dafür Beweise?

Diese Erkenntnis basiert auf meinen Recherchen. Das Problem ist, dass die Geldflüsse bewusst so gestaltet sind, dass sie keine Spuren hinterlassen. Wenn man aber sieht, wie viele Moscheen beispielsweise in der Schweiz für mehrere Millionen gebaut wurden, dann ist klar, dass hier andere Geldbeträge fließen als die Spenden der armen Albaner, die auf dem Bau arbeiten und eine Moschee besuchen. Wir haben dafür zwar keine Belege, aber wenn man die internationalen Verbindungen der Akteure betrachtet, dann kann man mit einer großen Wahrscheinlichkeit darauf schließen, von wo das Geld kommt. Grundsätzlich will ich aber gar nicht alles belegen, sondern vor allem zeigen: Da ist eine ungute Entwicklung im Gang.
Der Sonntag: Sie kritisieren, dass dem Islamismus in westlichen Gesellschaften mit zu viel Toleranz begegnet wird, und fordern eine Politik der Nulltoleranz. Wie wäre eine solche Politik mit Grundrechten wie Religions- und Meinungsfreiheit vereinbar?

Wir müssen definieren, welchen Platz der Islam in einer laizistischen und demokratischen Gesellschaft haben soll. Die Probleme, die wir mit dem Islamismus haben, entstehen, weil wir den Rahmen, in dem die Religionsfreiheit ausgeübt wird, nicht klar definiert haben. Dem politischen Islam werden zu wenig Grenzen gesetzt. Wie gehen wir beispielsweise mit radikalen Predigern um, die Intoleranz lehren und einen radikalen Diskurs pflegen? Wir müssen klar sagen, dass wir keine solchen Prediger wollen.

Der Sonntag: In Ihrem Buch werfen Sie den Behörden im Umgang mit dem Islam eine "eklatante Naivität" vor. Ist das nicht ein sehr happiger Vorwurf?

Das glaube ich nicht. Allein der Fall Abu Ramadan in Biel hat das illustriert. Die Behörden nehmen einen Dschihadisten auf, geben ihm Asyl und füttern ihn durch, jahrelang. Und er reist nach Libyen und organisiert dort ein dschihadistisches Umfeld. Ist das nicht eklatante Naivität? Ein Fehler, den die Behörden machen, ist, dass sie nur mit den politisch organisierten Muslimen reden – in der Schweiz ist das ein Anteil von höchstens 15 Prozent. Alle anderen bleiben außen vor.
Der Sonntag: Was ist Ihrer Ansicht nach die beste Art, Radikalisierungsprävention zu betreiben?

Um radikales Gedankengut zu verhindern, braucht es die Beteiligung aller Akteure auf verschiedenen Ebenen. Alle Personen, die im Sozial- und Bildungswesen als Lehrer, Sozialarbeiter, Polizisten oder Flüchtlingshelfer tätig sind, müssen für die Thematik sensibilisiert werden. Auch Kinder und Jugendliche müssten früh darauf aufmerksam gemacht werden, welche Gefahr von einem radikalen Diskurs innerhalb des Islams ausgeht, wenn man Kritik nicht zulässt und andere Meinungen nicht toleriert.
Der Sonntag: Sie schlagen vor, dass sich eine Allianz aus moderaten Muslimen und islamkritischen Parteien wie der AfD, CSU und der SVP zusammenschließen könnte, um Druck auf die Politik auszuüben. Denken Sie, dass dem liberalen Islam durch eine solche Allianz gedient ist?

Meine Beobachtung ist, dass die politische Linke kritische Muslime im Stich lässt und oft mit Islamisten paktiert. Und weil nicht absehbar ist, dass sich das ändert, müssen wir uns nach anderen Gesprächspartnern umsehen. Was der politische Islam möchte, ist die Errichtung eines Staates nach islamischen Regeln, dem eine totalitäre Vision des Menschen und der Welt zugrunde liegt. Gegen dieses Anliegen müssen möglichst viele Kräfte gebündelt werden.
Der Sonntag: Viele rechtspopulistische Parteien vertreten aber kein differenziertes Bild des Islam und bringen auch moderateren muslimischen Kreisen nicht unbedingt Sympathie entgegen.

Das stimmt. Die Rechten sähen es am liebsten, wenn wir Muslime nicht hier wären. Ich teile ihre Ideologie nicht. Aber es gilt, gemeinsam und demokratisch gegen den politischen Islam anzutreten. Denn das eigentliche Ziel ist nicht die Allianz mit politischen Parteien. Vielmehr soll der Mehrheit der laizistischen Muslime zu mehr Gewicht verholfen werden. Um das zu erreichen, muss man mit allen zusammenarbeiten, die sich an demokratische Grundregeln wie Menschenrechte halten.
Der Sonntag: Warum sind liberale Muslime im öffentlichen Diskurs nicht viel präsenter?

Das ist eine gute und berechtigte Frage, ich weiß es nicht. Es braucht Mut, den Islam zu kritisieren, und viele haben Angst. Zudem braucht es politisches Engagement und die Bereitschaft, mit allen Konsequenzen für etwas einzustehen.
Der Sonntag: Gegenwärtig gibt es nur wenig Themen, die in der Öffentlichkeit so hitzig diskutiert werden wie der Islam. Sie beziehen klar Stellung und wurden deshalb in der Vergangenheit schon mehrfach von radikalislamischen Kreisen bedroht. Haben Sie keine Angst? Warum tun Sie sich das an?

Ich bin in das Thema hineingewachsen. Die Kriege im Nahen Osten, vor allem in Syrien, haben zu einer Veränderung der internationalen Konstellation geführt. Plötzlich gab es Tausende von Europäern, die sich radikalisierten und in den Dschihad reisten. Ich habe begonnen, mich intensiv mit der Thematik zu befassen und zu recherchieren – auch weil ich von vielen Journalisten immer wieder Anfragen erhalten habe. Mittlerweile bestimmt die kritische Auseinandersetzung mit dem Islam mein Leben und meine Arbeit und ich habe dadurch eine Verantwortung übernommen, die ich auch weiterhin tragen werde. Ich habe keine Angst und ich weiß, dass ich mit meinen Anliegen nicht alleine bin. Schweigen ist für mich keine Option.
Das Gespräch führteJulia Richter
Am Dienstag, 5. Dezember, um 19.30 Uhr stellt Keller-Messahli im Volkshaus Basel ihr neues Buch vor. Informationen und Tickets unter http://www.volkshaus-basel.ch