Cargo Sous Terrain

Wie ein Projekt den Schweizer Gütertransport revolutionieren will – unter der Erde

Annette Mahro

Von Annette Mahro

Mi, 24. Januar 2018 um 09:03 Uhr

Basel

Höher, schneller, weiter war gestern. Jetzt heißt es tiefer, langsamer, effizienter. Cargo Sous Terrain will die Schweiz mit Tunnelsystemen untergraben und dort Waren befördern.

In einem tief unter der Erde gelegenen Tunnelsystem sollen sich bis 2030 erste Transportmobile mit beschaulichen 30 Stundenkilometern quer durch die Schweiz bewegen. Cargo Sous Terrain CST (Fracht unter der Erde) nennt sich das Projekt einer Aktiengesellschaft mit Sitz in Basel, das Waren nicht unbedingt schneller, aber zuverlässiger ans Ziel bringen will, Innenstädte sauberer machen und die klassischen Verkehrswege entlasten. Finanzierungszusagen von 100 Millionen Franken liegen jetzt vor.
Für das geplante Tunnelsystem von St. Gallen über Zürich und Bern bis Genf mit Abzweigen nach Basel und Luzern sind derzeit zwar 33 Milliarden Franken budgetiert. Die Projektgesellschaft hat jedoch namhafte Partner mit im Boot, wie die Handelsketten Migros und Coop, die SBB, die Post, der Telekommunikationsanbieter Swisscom und andere Schwergewichte. Seit März 2017 firmiert auch der deutsche Software-Riese SAP auf der Liste der Hauptaktionäre. Die ganze Schweiz könnte bis 2045 erschlossen sein. Aus technischer Sicht, sagt CST-Sprecher Patrik Aellig, sei das Ganze zumal im Tunnelland Schweiz nichts Bahnbrechendes. Die erste 100 Millionen-Finanzierungstranche machen die Kapitalgeber zum Auftakt aber noch von einer Gesetzgebung abhängig, die das Projekt erst möglich machen soll. Gestern wurde der entsprechende Finanzierungsplan in Bern Bundesrätin Doris Leuthard übergeben.

60 Kilometer Pilotstrecke kosten drei Milliarden Franken

Zunächst soll die rund 60 Kilometer lange Teilstrecke von Zürich bis ins nationale Logistik-Zentrum Härkingen erschlossen werden, die heute meist genutzte Transportstrecke der Schweiz. Mit rund drei Milliarden Franken ist die ausschließlich von privaten Investoren getragene Pilotstrecke derzeit veranschlagt. Finanziell will sich der Schweizer Bund zwar nicht beteiligen, dafür aber bis spätestens 2019 die gesetzlichen Rahmenbedingungen schaffen. "Wenn wir am Ende ein genehmigtes Projekt haben und die Baubewilligung vorliegt", so Aellig, "dann wird es sehr viel einfacher sein, die benötigten drei Milliarden zusammenzubekommen". An Geldgebern mangelt es im Prinzip nicht. So sind neben Einzelhändlern und Logistikern bereits große Versicherer mit an Bord, die sich als Anleger beteiligen wollen. Etwa 20 Meter unter der Erde sollen die Tunnels mit einem Durchmesser von sechs Metern verlaufen, ausschließlich über erneuerbare Energien betrieben werden und mit einem Aufzugsystem mit der Oberfläche verbunden sein. Verschicken will CST von der Frischware bis zum Recyclingmaterial alles, was sich auf Paletten transportieren lässt. Auch für die oberirdische Feinverteilung will man am Ende Sorge tragen, um größtmögliche Bündelung zu gewährleisten. Unterirdisch soll es langsam bleiben. Die Zuverlässigkeit werde so erhöht, Störanfälligkeit und Verschleiß würden minimiert, erklärt Aellig.

Empfehlung an die Kantone, das Projekt "positiv zu begleiten"

Dass die Gesellschaft ihren Sitz in Basel hat, ist unter anderem dem Umstand geschuldet, dass die Stadt am Rheinknie als eines der großen Eingangstore zu Schweiz fungiert. Seitens des Kantons gibt es bisher zwar keine Unterstützung, vom Logistikcluster der Region, an dem sich unter anderem die Handelskammer beider Basel (HKBB) aktiv beteiligt, kam indes eine grundsätzlich positive Bewertung und die Empfehlung an die Kantone und die regionale Wirtschaft, "die Initiative weiterhin positiv und aktiv zu begleiten." HKBB-Vize Martin Dätwyler bezweifelt, dass die heutige Infrastruktur die kontinuierlich wachsenden Verkehrsströme weiterhin werde aufnehmen können. Umso begrüßenswerter sei die CST-Vision. Allerdings mahnt der Verkehrsexperte an: "Die notwendige Sicherstellung einer ausreichenden staatlichen Einflussnahme sowie eines diskriminierungsfreien Zugangs ist zu gewährleisten." Unter anderem an den offenen Zugang hatte auch der Schweizer Bund seine bereits 2016 gegebene Zusage geknüpft, die gesetzlichen Voraussetzungen für das Projekt zu schaffen. Patrik Aellig sieht die Vorgaben als erfüllt, den ausdrücklich nichtstaatlichen Charakter von CST aber auch als Pluspunkt an, müssten doch so nicht etwa politisch motivierte Strecken und Haltepunkte eingebaut werden. Anders als beim sogenannten Herzstück, der unterirdischen Verbindung der beiden Basler Bahnhöfe, hätte auch nicht jeder mitzureden, so Aellig: "Die unumstößliche Voraussetzung des CST-Konzepts ist und bleibt eine private Finanzierung."
Info

Cargo Sous Terrain (CST) nennt sich das Projekt eines automatisiert befahrenen Tunnelsystems, das die Schweiz oberirdisch bis etwa 2045 vom Verkehr entlasten und den angeschlossenen Betreibern gleichzeitig als rollendes Lager dienen soll. Geplant ist, die großen Schweizer Städte zu verbinden und am Ende über rund 80 Stationen zum Be- und Entladen von Waren für Industrie und Handel zu verfügen. Große inländische Partner wie Migros und Coop, aber auch ausländische, wie SAP sind bereits mit an Bord. Um rund 40 Prozent soll der Güterverkehr mit Lastwagen reduziert werden. Auch der innerstädtische Verkehr lasse sich mit dem System reduzieren, die oberirdische Auslieferung soll mit E-Fahrzeugen erfolgen.