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04. März 2016 07:22 Uhr

Elsass

Behörde hat Störfall im AKW Fessenheim heruntergespielt

Die Schwere des Zwischenfalls im AKW Fessenheim im April 2014 hat die BZ seinerzeit analysiert. Nun sind weitere Details bekanntgeworden. Die Betreiber wollten sie unter den Teppich kehren.

  1. Nach Recherchen von WDR und Süddeutscher Zeitung hat es 2014 im AKW Fessenheim einen schweren Zwischenfall gegeben. Die Überschwemmung sei von den Betreibern vertuscht worden. Foto: dpa

Der Zwischenfall im französischen Atomkraftwerk Fessenheim (die BZ berichtete) nahe der deutschen Grenze war demnach gravierender als bislang bekannt. Die französische Atomaufsicht ASN habe den Vorfall im April 2014 gegenüber der Internationalen Atomenergiebehörde heruntergespielt, berichteten WDR und "Süddeutsche Zeitung". Ein Wassereinbruch hatte damals die Elektrik beschädigt und zur Abschaltung eines Reaktors geführt. Die Überschwemmung habe damals eine "Abfolge von technischem Versagen und Chaos" nach sich gezogen. Es sei festgestellt worden, dass das Wasser auch in Schaltschränke gelaufen sei. Dadurch sei offenbar eines der beiden parallelen Sicherheitssysteme außer Gefecht gesetzt worden. Bereits im September 2014 hat der Atomtechnik-Experte Christian Küppers die Schwere des Störfalls in einem Interview mit der Badischen Zeitung analysiert.

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"Technisches Versagen und Chaos"

WDR und SZ berufen sich auf ein Schreiben der ASN an den Leiter des Kraftwerks nahe der Grenze zu Baden-Württemberg wenige Tage nach dem Zwischenfall. Demnach seien die Steuerstäbe im Reaktorblock zeitweise nicht manövrierbar gewesen. Ein Krisenstab habe entschieden, den Reaktor durch Einleitung von Bor ins Kühlwasser notfallmäßig herunterzufahren. "Mir ist kein Fall bekannt, wo ein Leistungsreaktor hier in Westeuropa störfallbedingt durch Zugabe von Bor abgefahren werden musste", sagte der Reaktorexperte Manfred Mertins der Süddeutschen Zeitung. "Das Ereignis zeigt, dass die betriebliche Abschaltung nicht mehr möglich war, sodass andere Mittel in Angriff genommen werden mussten."

"Sehr ernstes Ereignis"

Die Atomaufsicht hatte damals in einer Pressemitteilung erklärt, dass der Wassereinbruch in Schaltkästen im nicht-nuklearen Teil der Anlage eines der zwei separaten Elektroniksysteme für die Notabschaltung beschädigt habe. Sie betonte jedoch, dass das zweite weiterhin funktionierte und damit das Funktionieren stets sichergestellt gewesen sei. Auf eine Anfrage am Donnerstagabend reagierte die Behörde zunächst nicht.

Abschaltungstermin bleibt vage

Die beiden Reaktoren in Fessenheim wurden 1977 und 1978 in Betrieb genommen und sind damit die ältesten in Frankreich. Atomkraftgegner und Politiker in Frankreich, Deutschland und der Schweiz fordern seit langem die Stilllegung des besonders pannenanfälligen Atomkraftwerks.

Frankreichs Präsident François Hollande hatte wiederholt versprochen, die am Oberrhein gelegene Anlage noch in seiner bis Mai 2017 laufenden Amtszeit vom Netz zu nehmen. Immer wieder werden aber Zweifel daran laut, dass dies auch wirklich geschehen wird. Im Herbst erklärte die Regierung in Paris, sie werde die Schließung 2016 zumindest in die Wege leiten. Zu welchem Zeitpunkt der Pannenmeiler tatsächlich vom Netz geht, bleibt jedoch weiterhin unklar. Der neue Direktor Marc Simon-Jean rechnet mit einer Abschaltung im letzten Jahresdrittel 2018, wenn der Betreiber Electricité de France (EdF) den Reaktor EPR im nordfranzösischen Flamanville in Betrieb nehmen will. Dieses Jahr wird die EdF 70 Millionen Euro für die Reparatur des Reaktors ausgegeben.

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Autor: dpa, AFP, dad, aktualisiert um 9.27 Uhr