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17. Januar 2011

Talente gibt’s im Tal immer wieder

Studenten des Berufskollegs Holzdesign und Holzbildhauerei Freiburg absolvieren ein Holzschnitzerpraktikum bei Edelbert Wasmer.

  1. Foto: Ulrike Spiegelhalter

  2. Konzentriert bei der Arbeit: Jonathan Wasmer, Simon Schöffler, Matthieu Miclo und Max Eichin (von links) vertiefen in Edelbert Wasmers Werkstatt in die Nachbildung eines „Akanthusblatts“ nach einer historischen Vorlage. Foto: Ulrike Spiegelhalter

  3. Foto: Ulrike Spiegelhalter

  4. Foto: Ulrike Spiegelhalter

BERNAU. Die Schnitzerei hat in Bernau eine lange Tradition, wenn auch in weit geringerem Umfang als die Schneflerei. Von 1894 bis in den Ersten Weltkrieg hinein gab es im Tal sogar eine Schnitzerschule. Die Kunst des Schnitzens und ihre Tradition werden in Bernau gepflegt und sind hier noch vertreten wie kaum in einem anderen Ort im Schwarzwald. Und es gibt immer wieder Nachwuchs. Anfang des Jahres vertieften vier junge Schnitzer ihr Können während eines Praktikums bei Holzbildhauermeister Edelbert Wasmer in Bernau.

Die vier Praktikanten sind Schüler des dreijährigen Berufskollegs Holzdesign und Holzbildhauerei an der Friedrich-Weinbrenner-Gewerbeschule in Freiburg. Am Ende der Schulzeit steht ein Berufsabschluss als Holzbildhauergeselle oder Holzdesigner sowie die Fachhochschulreife für ein gestaltendes Studium als Holzbildhauer, Designer oder Architekt. In jedem Jahr muss ein vierwöchiges Praktikum in einem gestaltenden Berufszweig absolviert werden. Nach Beginn im vergangenen Herbst verbrachten die vier nun ihr erstes einwöchiges Praktikum bei Edelbert Wasmer, der ihnen in seinem Haus auch Quartier gewährte.

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Der Vater von Edelbert, Otto Kasimir Wasmer, war Holzschnitzer, dessen Vater wiederum, also der Großvater von Edelbert, Kasimir Wasmer, Anfang des 19. Jahrhunderts Schüler der einstigen Bernauer Schnitzerschule war. Einer der vier Praktikanten vom Berufskolleg Holzdesign und Holzbildhauerei ist Jonathan Wasmer, Sohn von Edelbert und Urenkel jenes Kasimir Wasmer.

Edelbert Wasmer hält an der Tradition fest und hat seinen Schülern Arbeiten aufgetragen, die schon vor hundert Jahren in der Bernauer Schnitzerschule gängig waren. So schnitzten sie aus Lindenholz nach vorliegendem historischem Muster ein "Akanthusblatt" an, das die Natur als Vorbild hatte. Konzentriert und erstaunlich geschickt waren Jonathan Wasmer und die drei Freiburger Max Eichin, Lukas Schöffler und Mathieu Miclo bei der Arbeit. Der Meister leistete bei Bedarf Hilfestellung.

Am Anfang aller Bernauer Holzschnitzerkunst war aber nicht Kunstbeflissenheit, sondern bittere Armut. Es ist bekannt, dass im Tal die Herstellung von Gebrauchsgegenständen neben der kargen Landwirtschaft dazu diente, den Lebensunterhalt für die Familien zu sichern. Die Armut im Tal war auch der Badischen Regierung mit Großherzog Friedrich I. nicht unbekannt.

Schnitzen gegen die Armut

In einer Akte aus dem Jahr 1883 regte die Regierung an, als weiteren Erwerbszweig in Bernau die Holzwarenerzeugnisse zu verfeinern und deshalb die Schnitzerei aufzunehmen. Der Gemeinderat war damit einverstanden und schlug St. Blasien für eine Schnitzereischule vor, was allerdings aus finanziellen Gründen gescheitert ist.

Der größte Teil der kunsthandwerklichen Schnitzereien kam damals aus der Schweiz und aus Tirol. Großherzogin Luise schlug vor, einige besonders begabte Bernauer auf Staatskosten nach Furtwangen auf die Schnitzerschule zu schicken unter der Bedingung, das Gelernte später in Bernau weiterzugeben. Einer dieser begabten Bernauer war Johann Bregger vom Riggenbach, der beauftragt wurde, in Bernau eine Filiale der Großherzoglichen Schnitzereischule Furtwangen zu gründen, was in den Jahren 1894/95 verwirklicht wurde. Die Badische Regierung gewährte hierfür einen Zuschuss von 2000 Mark.

Vier Jahre später besuchten sieben Bernauer die Schule in Riggenbach. Im Jahr 1900 schenkte Hans Thoma der Schule zwölf Entwürfe für die Rückenlehnen der bekannten Thoma-Stühle, die noch heute angefertigt werden. Die Motive hierfür hatte er im Auftrag Ihrer Königlichen Hoheit Großherzogin Luise von Baden entworfen. Vielleicht durch die Wirren des Ersten Weltkrieges, vielleicht auch, weil kein allzu großes Interesse mehr an der Schnitzerschule bestand, wurde diese in den Kriegsjahren 1914-1918 aufgelöst. Ihr Gründer und Leiter, Schnitzermeister Johann Bregger, war anschließend von 1919 bis 1933 Bürgermeister in Bernau.

Autor: Ulrike Spiegelhalter