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23. Januar 2015

Berührende Einblicke in alte Zeiten

Autorin Helga Eberle stellt in der Villa artis ihre Bücher vor und wird in Heitersheim eine Schreibwerkstatt anbieten.

  1. Helga Eberle bei ihrer Lesung in der Villa artis in Heitersheim Foto: model

HEITERSHEIM. Die gebürtige Freiburgerin und spätberufene Schriftstellerin Helga Eberle ist Jahrgang 1934. Drei Kinder zog sie alleine auf, arbeitete 24 Jahre als Verwaltungsangestellte, baute ein Haus und pflegte ihre Mutter. Mit 60 Jahren ging sie in Rente und engagierte sich in der Bosnienhilfe. 2007 begann sie ein Seniorenstudium in Journalistik und biografischem Schreiben. Seit 2009 veröffentlichte sie vier Bücher, zwei davon sind autobiografisch. Bei einer Lesung in der Villa artis in Heitersheim kündigte sie auch eine ehrenamtliche Schreibwerkstatt an.

Gekommen sind zur Buchvorstellung Interessierte, Freunde, Verwandte und Teilnehmer der Schreibseminare an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, wo Helga Eberle ihr Zertifikat als Schreibberaterin erwarb. Mit dabei hat sie ihre Biografien "Die Hosentaschenfrau" und "Leben zwischen zwei Welten" sowie "Feuerblumen in Arkansas?", eine Geschichte über die Familie Dirr in Bad Krozingen und Endingen sowie das jüngst verlegte Rezeptierbuch des Konditors Julius Dirr in Kurrentschrift, die jedoch nur noch wenige lesen können.

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"Die Hosentaschenfrau" liegt ihr besonders am Herzen. Das Buch beginnt 1935. Es führt in eine Freiburger Arbeitersiedlung, in einen einfachen, anspruchslosen Alltag, ohne Spielplatz und ohne Zentralheizung, dafür mit Vagabunden, vielen Kindern und einer Krad fahrenden Hebamme. Der Zweite Weltkrieg zwingt die Männer in den Krieg. Die Heilsarmee verschwindet. Dafür gewinnen Volksempfänger und der Blockwart an Bedeutung. Die Gestapo holt Väter aus den Wohnungen. Eine Frau mit drei Kindern dreht den Gashahn auf. Milch gibt es nur auf Marken und in der Kanne. Der Luftschutzkeller wird zum zweiten Wohnzimmer. Onkel Edwin auf Heimaturlaub erzählt von der russischen Front zwischen Hoffen und höllischer Wahrheit. Die Schule und der klassische Mutter-Tochter-Konflikt fordern ihren Tribut. Das Mädchen findet bei Verwandten in Oberkirch eine zweite Heimat. Und während in Freiburg die Bomben fallen, wächst sie dort behütet, satt und fröhlich auf, bis die Läuse ihre Mutter auf den Plan rufen, um sie nach Freiburg zurückzuholen. Die Zöpfe fallen und eine neue Lebensphase beginnt.

Helga Eberles Bilder aus der Sicht des Kindes sind einprägsam und bunt. Ab und an huscht trotz aller Tragik den älteren Zuhörern ein Lächeln übers Gesicht. Genau so war‘s. Wenn die 80-Jährige in ihren Erinnerungen schwelgt, lebt man mit, lässt sich mitreißen von Freude, Träumen, Traurigkeit und Wut. Manch einer pflichtet stumm nickend bei. Nein, die alten Zeiten waren nicht besser. Aber die Bescheidenheit war groß: "Wir konnten nicht klagen, es ging uns doch gut", bekräftigt Eberle. Bei einigen Gästen hat sie die Neugierde geweckt auf ihr weiteres Leben bis 1994. "Ich möchte immer erst Autor oder Autorin kennenlernen und entscheide mich dann, ob ich mehr wissen möchte", sagt eine Frau, kauft gleich beide Autobiografien. Signiert.

Wer so faszinieren, so mit Worten skizzieren und seine eigene Geschichte festhalten möchte, kann dies bei Helga Eberle lernen. Sie bietet vom 2. April an immer donnerstags zwischen 14 Uhr und 15.30 Uhr ehrenamtlich in der Villa artis eine Schreibwerkstatt an. Antoinette Majewski, die Leiterin der Einrichtung, freut sich über das interessante Angebot als eine deutliche Belebung des Franz-Köberle-Kunst- und Kulturzentrums. Allerdings wird die Teilnehmerzahl begrenzt sein.

Anmeldung zur Schreibwerkstatt mit Helga Eberle in der Villa artis: Tel. 07634/6949895.

Autor: Sabine Model