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10. Mai 2017

Sozial sich selbst finden

Freiwilligendienste sind ein Erfolgsmodell.

  1. Freiwilligendienste bieten die Möglichkeit, sich für andere Menschen zu engagieren und gleichzeitig Lebenserfahrungen zu sammeln. Foto: Friso Gentsch (dpa)

Die Möglichkeit, sich für ein Jahr freiwillig zu engagieren, bietet sich beim Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ), dem Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) sowie dem Bundesfreiwilligendienst (BFD). Dabei werden soziale, ökologische, kulturelle und politische Kompetenzen vermittelt, das Verantwortungsbewusstsein für das Gemeinwohl gestärkt.

Als Erfolgsgeschichte wurde vor drei Jahren die Einrichtung des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) von der Politik als auch vielen Vertretern der Anbieter wie etwa der Wohlfahrtsverbände gefeiert. Waren es 1964 in Baden-Württemberg gerade mal wenige hundert Freiwillige, die sich einbrachten, absolvierten im Jubiläumsjahr 2014 rund 50 000 Engagierte einen Freiwilligendienst. Auch beim DRK-Landesverband Badisches Rotes Kreuz, der das FSJ 1996 erstmals anbot, ist das Interesse ungebrochen. "Rund 20 Jahre nach dem Start leisten bei uns fast 1400 Frauen und Männer einen Freiwilligendienst, damit sind wir der größte Anbieter in Baden", sagt Thomas Schaaf, Abteilungsleiter Freiwilligendienste mit Sitz in Freiburg. Der Schwerpunkt liegt beim FSJ, das rund 1250 Freiwillige absolvieren. Im Bundesfreiwilligendienst, der auch Menschen offen steht, die älter sind als 27 Jahre, sind es knapp 50 Interessierte.

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"Freiwilligendienste werden in der Regel geleistet, wenn Lebensabschnitte ineinander übergehen, etwa von der Schule in den Beruf oder aus der Elternzeit zurück in die Arbeitswelt", sagt Schaaf. Dabei habe sich der Fokus des FSJ für die Absolventen verschoben. Bei den jugendlichen Freiwilligen sind mehr als die Hälfte Abiturienten, die nach der verkürzten Schulzeit und dem Wegfall der Wehrpflicht die Zeit nutzen, sich auf ihrem Lebensweg zu orientieren. "Neben dem sozialen Engagement für andere steht vor allem der Selbstbezug im Vordergrund, einfach die Frage, wie ich mich persönlich entwickeln kann", so Schaaf. Und auch die Tatsache, dass ein FSJ bei der Zulassung zu bestimmten Studiengängen angerechnet werde, steigere die Attraktivität.

Eingesetzt werden die Freiwilligen nicht nur in Rot-Kreuz-Einrichtungen, sondern sie werden auch an weitere soziale Träger vermittelt. "Beim DRK-Landesverband liegen die Haupttätigkeitsfelder in Kindertagesstätten, in Kliniken und beim Krankentransport", führt Schaaf aus. In mehr als 300 Einrichtungen sind Freiwillige des Badischen Roten Kreuzes heute tätig. Dabei haben sie seit 2008 durch das Programm "Weltwärts" auch die Möglichkeit, in Mexiko, Peru oder Chile eingesetzt zu werden. Von dieser Möglichkeit machen aktuell etwas mehr als 30 Freiwillige Gebrauch; ebenso viele Frauen und Männer aus diesen Ländern absolvieren ihr FSJ in Baden.

So wird der Freiwilligendienst auch zum Instrument der Völkerverständigung. Gleichzeitig spiegeln sich aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen im Freiwilligendienst wider. So legte das Bundesfamilienministerium Ende 2015 das für drei Jahre angelegte Programm Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug auf. "Das Angebot richtet sich an inländische Freiwillige, die sich für Flüchtlinge engagieren möchten, ebenso wie an Flüchtlingen selbst, die bei uns eingesetzt werden", sagt die zuständige Bildungsreferentin Hannelore Müller. Dabei habe sich das Angebot trotz des hohen verwaltungstechnischen Aufwands schnell bewährt.
Sich nicht als Flüchtling, sondern als Mensch

fühlen dürfen

Seit dem Start des Programms konnte das Rote Kreuz bereits 21 inländische Freiwillige und 16 Flüchtlinge gewinnen. Inländische Freiwillige werden etwa in Flüchtlingsunterkünften oder Wohngruppen für unbegleitete Minderjährige eingesetzt. Flüchtlinge selbst werden auch in regulären Bereichen wie Pflegeheimen Kindergärten oder Krankenhäusern eingesetzt. "Die Rückmeldungen bisher waren von beiden Seiten, also den Einsatzstellen wie auch den Flüchtlingen, positiv", so Müller.

So werde den Flüchtlingen eine hohe Akzeptanz und Wertschätzung entgegengebracht, die Flüchtlinge selbst bekommen Einblicke in die deutsche Berufswelt. Zudem können sie durch die angebotenen Kurse ihre Sprachkenntnisse verbessern. Zudem eröffne das Engagement eine Perspektive in Richtung Ausbildung. Und das FSJ stärke das Selbstbewusstsein. "Für viele Freiwillige ist die wichtigste Erfahrung, dass sie nicht als Flüchtling, sondern als Mensch gesehen werden", so Hannelore Müller.

Autor: Michael Sträter