"Wir müssen wieder kreativ werden"

Catharina Rische

Von Catharina Rische

Sa, 15. April 2017

Beruf & Karriere

2020 soll Kreativität auf Platz drei der wichtigsten Fähigkeiten im Beruf stehen / Kunst kann dabei helfen, diese neu zu entfachen.

In vielen Arbeitsfeldern scheint der Mensch ersetzbar geworden. Roboter können mehr Gewicht heben, Computer schneller rechnen und mit Hilfe von künstlicher Intelligenz gewinnen sie sogar im Schach. Maschinen scheinen fehlerlos. Doch in einem Bereich ist der Mensch ihnen (noch) einen Schritt voraus: Der Mensch ist kreativ. Laut einer Studie des Weltwirtschaftsforums aus dem Jahr 2016 wird Kreativität 2020 auf Platz drei der wichtigsten Fähigkeiten im Beruf stehen.

"Kreativität lässt sich durch Kunst trainieren", sagt Ulrike Lehmann, Art-Coach aus Freiburg. "Und wenn Kreativität 2020 auf Platz drei steht, dann müssen wir jetzt mit dem Training beginnen. Kreativität und Innovation werden die Merkmale sein, an denen sich Unternehmen in der Zukunft messen. Kreative Mitarbeiter sind ein wertvolles Gut. Nur so können Firmen innovativ sein und sich einen Wettbewerbsvorteil sichern."

In vielen Büros herrsche der Konsens, für Kreativität sei keine Zeit. Kunst sei Luxus und etwas, mit dem man sich in der Freizeit beschäftige. Oft komme es auf Regeln an, gearbeitet wird mit System und Ordnung, und die meisten Dinge würden nicht hinterfragt. Schließlich habe man es schon immer so gemacht. Kreativität im Unternehmen habe laut Lehmann aber gleich dreifach Vorteile. "Wenn man kreativ ist, dann entfaltet sich Neugier und Offenheit. Das ist wichtig in Bezug auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Themen. Die Leute stellen Fragen an und mit Hilfe von Kunst. Was sehe ich da? Was ist das? Warum benutzt der Künstler Blau, nicht Rot? Der Mensch wird neugierig, öffnet sich neuen Dingen und nimmt nicht alles als gegeben an. Er fragt: Wo kann etwas Neues entstehen?" Außerdem würden Menschen selbstbewusster werden, denn mit Kunst erschaffen sie etwas, auf das sie stolz sein können. Das sei wichtig im Team und in der Wirtschaft.

Kreativ sein können jeder. "Das haben wir in der Kindheit alle gehabt. Kinder eignen sich die Welt durch Kunst an. Sie zeichnen, sie basteln und sie singen", sagt Lehmann. Erst ab der frühen Pubertät würde durch Einflüsse des äußeren Umfelds oft die Einstellung entstehen, man könne nicht malen und es sei peinlich, etwas falsch zu machen. Ein Falsch gäbe es in der Kunst allerdings nicht.

"Jeder hat Kreativität in sich. Sie muss nur wieder trainiert werden", sagt Lehmann. Angestellte und Führungskräfte könnten beispielsweise Porträts voneinander zeichnen. So nähmen sie sich gegenseitig bewusster wahr. Das stärke nicht nur die Kreativität, sondern auch die Teamentwicklung. "Wenn sie sich zeichnen, dann sagt der eine: Oh, ich wusste gar nicht, dass du da eine Warze hast! Oder der Andere sagt: Mensch, jetzt habe ich dich gemalt und völlig deine Brille vergessen. Auf die habe ich nie geachtet! Man fängt an, sich genauer wahrzunehmen und besser kennen zu lernen", sagt Lehmann.

Für Kreativität im Büro fehlten oft aber noch die Zeit und der Raum. Führungskräfte müssten die Prozesse aber unbedingt unterstützen und Mitarbeitern Pausen für kreative Phasen einräumen, sagt Lehmann. Große Unternehmen wie beispielsweise Bosch, Otto, Facebook und Google seien da Vorreiter. "Sie haben bunte Büros eingerichtet und richtige Erlebniswelten erschaffen. Es gibt Räume, in denen sich Angestellte und Manager künstlerisch ausleben können. In anderen Büros gibt es Rutschbahnen oder ein Bällebad", sagt Lehmann. Denn auch ein kreatives Umfeld könne zu neuen Denkanstößen motivieren.

Doch auch wenn der physische und mentale Raum für Kreativität im Büro nicht gegeben sei und beim Chef Überzeugungsarbeit geleistet werden müsste, könnten Angestellte etwas tun: "Sie sollten erst einmal versuchen, die Kreativität auf den Abend zu verlegen. Die Ideen können dann am nächsten Tag mit ins Büro gebracht und vorgestellt werden", sagt Lehmann. Das zeuge von Einfallsreichtum und Interesse am Job und hilft dem Unternehmen.