Bewegende Dokumente der Verbundenheit

Hans-Dieter Fronz

Von Hans-Dieter Fronz

Sa, 23. September 2017

Kunst

Markgräfler Museum zeigt Willem den Oudens Rhein-Motive.

Der Rhein ist viel mehr als der das Gemüt erwärmende Fluss der Romantik: historisch bedeutsame Verkehrsader und Staatsgrenze, gleichzeitig eine Länder und Völker verbindende kulturelle Hauptschlagader Europas – von seinem Ursprung im Schweizer Kanton Graubünden bis zur Mündung in die Nordsee in den Niederlanden. Dort, in dem holländischen Flecken Varik am Ufer der Waal – des größten der drei Mündungsarme des Rheins –, war die Flusslandschaft Jahrzehnte lang fast das einzige Motiv des Malers und Zeichners Willem den Ouden. Seit den Sechzigern hielt der Künstler sie, fasziniert von den wechselnden Stimmungen des Stroms, in exzessiver Häufung in Bildern und Graphiken fest. Die Ausstellung "Willem den Ouden – Der andere Rhein" im Markgräfler Museum in Müllheim präsentiert jetzt einen Querschnitt seiner Landschaftsansichten.

Der andere Rhein – das meint nicht nur den Niederrhein in Holland im Unterschied zum heimischen Oberrhein. Der Titel kennzeichnet die Schau zugleich als Auftakt zu einer neuen Ausstellungsreihe, die den Strom in loser Folge als trennende, weit mehr noch als verbindende geographische Erscheinung kenntlich machen möchte. So erläutert Jan Merk, Leiter des Markgräfler Museums, das Projekt. Mit dem soll der Blick über den Tellerrand der Oberrheinlandschaft hinaus gelenkt werden.

Die ausgestellten Werke – bis auf wenige Ölskizzen Radierungen und Lithographien – sind Leihgaben des niederländischen Publizisten Ben van der Velden. Der ist mit dem Künstler befreundet und hat in vier Jahrzehnten Hunderte seiner Zeichnungen und Gemälde erworben. Als er vor einigen Jahren ins Elsass zog, verwunderte ihn der Begriff Rheinebene. Ist er von seiner niederländischen Heimat doch ganz andere, schier endlose Ebenen gewöhnt, mit Blick bis zum Horizont. Die Tradition des tiefen Horizonts in der niederländischen Landschaftsmalerei hat darin ihren Ursprung.

In den Oudens Werken setzt sie sich fort. Oft ist die eigentliche Landschaft lediglich eine dünne, krakelige Linie zum unteren Bild- oder Blattrand hin – der Bühnenboden gleichsam des Schauspiels der Wolken und Luftbewegungen im weiten Feld darüber. In einer Reihe von Zinkradierungen von 1972 erscheint das Feld über dem flachen Land in dichten Strichlagen und -ballungen als machtvolle Bewegung in der Atmosphäre. In den kleinformatigen Kupferradierungen vom Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre bleibt das Feld über dem Deichvorland mit seiner kärglichen Vegetation oder dem Wasserspiegel des Stroms oftmals leer. Lediglich in einigen Blättern deuten sich Wolkenballungen an. In "Varik bei stürmischem Wetter" erscheint die Atmosphäre ausdrucksvoll verdüstert im Furor der Elemente. Nur selten verirren sich Menschen oder Tiere in den Oudens Landschaften: Kühe an oder "Vögel über der Waal", zwei Landvermesser, ein Reiter oder ein Mann mit Schäferhund.

Eine Verletzung an der Hand 1986 zwang den Künstler, die Radiernadel aus der Hand zu legen; er griff zum Lithopinsel. Die seitdem entstandenen Blätter haben eine malerische Note und zeigen eine Tendenz zu abstrahierender Ablösung von der Landschaft. Unter künstlerischen Gesichtspunkten sind sie womöglich gar die stärkeren Arbeiten – in jedem Fall bewegende Dokumente der Verbundenheit des Künstlers mit der Flusslandschaft der Waal.

Markgräfler Museum, Wilhelmstr. 7, Müllheim. Bis 25. Feb., Di bis So 14–18 Uhr.