Rückkehr

Biathletin Annika Knoll trainiert jetzt wieder im Schwarzwald

Jürgen Ruoff

Von Jürgen Ruoff

Mo, 03. Juli 2017 um 08:48 Uhr

Biathlon

Rückkehr in die Heimat: Nach zwei Jahren in Ruhpolding trainiert die Biathletin und Friedenweilerin Annika Knoll wieder im Schwarzwald – eine Entscheidung aus dem Bauch heraus, wie sie sagt.

Im Winter sind die Biathleten im Tunnel. Alles wird den Wettkämpfen untergeordnet: essen, schlafen, trainieren, regenerieren, denken. Die Fokussierung ist allgegenwärtig. Wenn jedoch, wie im Fall von Annika Knoll (SV Friedenweiler-Rudenberg), die Fortschritte ausbleiben, beginnt der Kopf zu arbeiten. Im schlimmsten Fall zu grübeln, was für Sportler, die Höchstleistungen bringen sollen, kontraproduktiv ist. Weil das Selbstbewusstsein Risse bekommt.

Als das Tunnelende im Frühjahr erreicht war, flog Annika Knoll nach Südafrika, wo sie ihren Urlaub zusammen mit einer Nationalmannschaftskollegin verbrachte. An den weiten Stränden zwischen Kapstadt und Port Elizabeth wurde ihr Blick klarer und auf einmal stand für sie fest: "Ich muss wieder heim." Es war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus, "es war gut, mal weit weg von allem zu sein", sagt die 23-Jährige.

Zwei Jahre lang hatte sie zuvor am Bundesstützpunkt in Ruhpolding trainiert. Der Schritt war ihr nahegelegt worden, nachdem sie 2014 mit der Staffel Juniorenweltmeisterin geworden war und sich im Sprint die Bronzemedaille erkämpft hatte. "Vielleicht ist es ja gut, wenn ich mich dort mit den Besten messe", hatte sie sich gesagt und verließ schweren Herzens ihre Familie, ihre Heimat und den Stützpunkt in Furtwangen, wo sie von Roman Böttcher betreut wurde. In Ruhpolding wollte sie den nächsten Leistungsschritt machen, näher an das Weltcupteam heranrücken. Im Winter 2015/16 gelangen ihr im IBU-Cup, das ist international nach dem Weltcup die zweite Liga, jedoch wenig Rennen, mit denen sie zufrieden war. Die ihr Potenzial widerspielten. Das beste Ergebnis gelang ihr bei der Europameisterschaft in Tyumen (Russland), wo sie sich im Sprint die Bronzemedaille sicherte. Es war der positive Ausreißer nach oben, der jedoch nicht alles überdecken konnte: "Die Saison war nicht das Gelbe vom Ei, aber ich habe mir gesagt, vielleicht braucht das viele Training einfach seine Zeit, bis es sich umsetzt."

"Einige finden, dass es ein Rückschritt ist. Ich finde, dass es ein mutiger Schritt ist."

Biathletin Annika Knoll
Im vergangenen Winter überwogen bei den internationalen Einsätzen von Annika Knoll erneut die Enttäuschungen. Vor allem die Rückstände auf die Schnellsten beim Skaten waren eklatant. Bei der EM lief sie zwar dreimal unter die besten 20, in Medaillennähe kam sie aber nicht. Zweimal schaffte sie im IBU-Cup den Sprung in die Top Ten. "Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ich gut drauf bin. Dieses Gefühl hatte ich in den vergangenen Wintern nur vereinzelt", sagt Annika Knoll. Für sie stand fest, dass sich etwas ändern muss, denn sportliche Fortschritte konnte sie nicht erkennen. Sie redete mit den Trainern in Ruhpolding und mit Roman Böttcher, der sie vor ihrer Zeit in Bayern vier Jahre am Stützpunkt in Furtwangen gecoacht hatte. Die Rückkehr in den Schwarzwald war schnell beschlossene Sache: "Manche finden, dass es ein Schritt zurück ist", sagt Annika, "ich finde, dass es ein mutiger Schritt ist".

Bestleistungen im Spitzensport sind ein Seiltanz. Die Physis muss stimmen, ebenso Wille, Einstellung, Gesundheit – und ebenso wichtig ist, dass sich der Sportler in seinem Umfeld wohlfühlt. "Annikas Herz war mehr zu Hause im Schwarzwald als in Bayern", sagt Mutter Angela. Annika Knoll hat die Trennung von zu Hause und ihrer Familie mehr zugesetzt, als sie annahm: "Man weiß erst, was es einem bedeutet, wenn man es nicht mehr hat." In Ruhpolding, wenn ihre bayerischen Trainings- und Teamkolleginnen über das Wochenende heimgefahren sind, hat sie sich oft einsam gefühlt.

Andererseits fühlte sie sich mit dem Trainingspensum, das an einem Bundesstützpunkt primär auf die Weltcupstarter und damit die Besten abgestimmt ist, "ein bisschen überfordert". Ebenso mit dem täglichen Konkurrenzkampf. "Auf all das war ich nicht perfekt vorbereitet. Es war einfach zu viel für mich." Das vermutet auch ihr alter und neuer Trainer Roman Böttcher: "Körperlich war sie über dem Limit. Inwiefern wir das hier kippen können, wird sich zeigen. Sie braucht jedenfalls ihr privates Umfeld, um sich wohlzufühlen." Zu Böttcher hat Annika Knoll über die Jahre ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, "weil er nicht nur die Sportlerin in mir sieht, sondern auch den Menschen", sagt Annika Knoll und fährt fort: "Der Roman unterstützt mich und steht hinter mir, egal was kommt."

Annika Knoll ist zurück in dem Schwarzwälder Umfeld, in dem sie sich "hundertprozentig", wie sie betont, wohlfühlt. Den B-Kader-Status hat sie verloren, sie gehört jetzt zur B-II-Gruppe und muss Lehrgangskosten teilweise selbst übernehmen. Angestellt ist sie weiter beim Skiteam des Zolls. Eine Zäsur hat sie auch beim Management vollzogen: Bisher wurde sie von einer Agentur betreut, "das mache ich jetzt selbst", sagt sie, "ich möchte als Sportlerin die Region vertreten, das passt zu meiner Rückkehr".

Neulich ist die Trainingsgruppe von Roman Böttcher mit Skirollern in drei Tagen von Freiburg bis nach Besancon (Freiburg) gelaufen. 240 Kilometer, ausschließlich auf Radwegen. "Das sind kleine Highlights, die die Gruppe stärken", sagt Annika Knoll und grinst über das ganze Gesicht. Sie sei jetzt wieder ein ganz anderer Mensch, findet die Mutter: "Wenn sie morgens die Treppe herunterkommt, strahlt sie. Man sieht ihr an, dass es ihr gutgeht. Wenn sie manchmal aus Ruhpolding heimkam, war sie fix und fertig."

Der erste Fixpunkt in der neuen Saison ist für Annika Knoll die deutsche Meisterschaft im September. Das erste Ziel: Sie will sich für das IBU-Cup-Team qualifizieren. "Die vielen Erfahrungen, die ich in den vergangenen zwei Jahren gesammelt habe, haben auf jeden Fall ihren Wert", sagt sie, "wir wollen jetzt hier daran arbeiten, dass ich wieder so in Form komme, wie ich es von früher her kenne". Auch die Eltern sind gespannt, was bei der Rückkehr in die Heimat sportlich herauskommt. "Und wir sind natürlich auch froh, dass wir sie wieder in unserer Nähe haben", ergänzt die Mutter.

Als Annika Knoll dem Ruhpoldinger Trainer Remo Krug im Frühsommer ihren Entschluss mitteilte, den Bundesstützpunkt in Bayern zu verlassen, konnte er ihre Beweggründe zunächst nicht nachvollziehen. Im Juni kam Krug mit seiner Trainingsgruppe für eine Woche in den Schwarzwald, untergebracht waren sie im Gasthaus Steppacher in Friedenweiler, das die Familie Knoll betreibt. Als er Annika in ihrem Zuhause gesehen hat, wie eng die Familienbeziehungen sind und wie sie dort aufblüht, konnte er die Entscheidung auf einmal verstehen. "Er hat hier gesehen, was ich meine", sagt Annika Knoll und schmunzelt zufrieden.