Auf dem Weg zum richtigen Auto

Gertrude Siefke

Von Gertrude Siefke

Fr, 22. Mai 2009

Bildung & Wissen

Beim Shell Eco-Marathon 2009 musste der Schluckspecht der Offenburger Hochschule aufgeben / Technisch aber ist er ganz vorn.

OFFENBURG. Das Schluckspecht-Team der Offenburger Hochschule sieht sich auf gutem Weg. Seit 1998 entwickeln die Nachwuchsingenieure Spritsparflitzer, die sie augenzwinkernd als "Schluckspecht" bezeichnen. Anfang Mai nahm die Truppe um Hochschullehrer Ulrich Hochberg mit einem straßentauglichen Fahrzeug an Europas größtem Energie-Effizienzwettbewerb, dem Shell Eco-Marathon, teil. Angetrieben wird das ultrasparsame Gefährt durch eine Wasserstoff-Brennstoffzelle.

Die Offenburger Studenten belegten beim Eco-Marathon schon zwei Mal den ersten Platz: 2005 in der Wertung "Dieselfahrzeug" und 2008 in der Kategorie "Brennstoffzelle". Im Unterschied zur diesjährigen Teilnahme fuhren sie bislang in der Prototypen-Klasse, die beim Design kaum Beschränkungen auferlegt. "Wir wollten uns einer neuen Herausforderung stellen", begründete Hochberg den Wechsel in die "Urban-Concept"-Klasse, bei der Straßentauglichkeit Pflicht ist. Der Wettbewerb findet seit 1985 statt und wurde dieses Jahr erstmals in Deutschland. Bis kurz vor Rennbeginn hatten die jungen Leute am "Schluckspecht IV" getüftelt. "Das war alles mit ganz heißer Nadel gestrickt", so Hochberg rückblickend. Das Startzeichen erfolgte, Fahrerin und Maschinenbaustudentin Sigrid Herb gab vorsichtig Gas. Fünf Runden liefen vielversprechend, die Offenburger lagen mit einem Benzinverbrauch von 0,2 Liter auf 100 Kilometer in der Spitzengruppe. Doch dann fiel der Motor aus. Das Flaggschiff musste die Segel streichen. "Die Hälfte unserer Leute hatte Tränen in den Augen", gestand Hochberg, der selbst mit viel Herzblut das Projekt betreut. Für den 55-jährigen Maschinenbauer ist es besonders schön zu sehen, wie die Studenten über sich hinauswachsen.

Der TÜV unterstützt die Konstrukteure

Erinnerten die Vorgänger-Modelle an riesige Zigarren, sieht "Schluckspecht IV" wie ein Auto aus. Schließlich soll er sich im Straßenverkehr bewähren. Eine Fahrgestellnummer wurde bereits vergeben. Die Konstrukteure werden vom TÜV Südwest unterstützt, der seinerseits die Einrichtung einer Knautschzone und eine abknickbare Lenksäule forderte. "So etwas geht aufs Gewicht", bemerkt Hochberg, aber Sicherheit gehe vor. 159 Kilogramm bringt die Neuauflage auf die Waage, mit einer Breite von 1,25 Meter und einer Länge von 3,40 Meter erfüllte sie die Maßvorgaben des Wettbewerbs.

Ganz am Anfang stand das Modell von Sunmin Lee. Die Absolventin der Pforzheimer Fachhochschule für Design hatte ein formschönes Miniaturautomobil entworfen und es den Offenburgern zur Verfügung gestellt. Doch beim Luftwiderstand ließ das Modell zu wünschen übrig. Also wurde die Form verändert und der einstige Cw-Wert von 0,35 auf 0,21 verbessert: "Von diesem Wert kann man sagen: Hut ab," versichert Hochberg. Zum Vergleich: Ein VW Beetle bringt es auf 0,38 Cw, ein Opel Vectra auf 0,28.

Die 1:1-Vorlage bestand aus 86 zugeschnittenen Styroporwürfeln, die mit Glasfaser verspachtelt und lackiert wurden. Die Studenten fertigten daraus einen Negativdruck, belegten ihn von innen mit Kohlenstofffasermatten, gaben Klebstoff hinzu und stellten so ein "Monocoque" her, die tragende Struktur des Fahrzeugs, bestehend aus einer einzigen Schale. 20 junge Männer und Frauen arbeiteten sechs Wochen unter Hochdruck. Maschinenbauer, Elektrotechniker, Informatiker und Verfahrenstechniker beteiligten sich am Projekt; um die Dokumentation kümmerten sich Studenten der Fachrichtung Medien und Informationswesen. Das Fahrwerk musste angefertigt und die Wasserstoff-Brennstoffzelle konstruiert werden, die den Elektromotor in Bewegung setzt. Die Karbonfelgen sind handgemacht. Ein Getriebe braucht es nicht, da der Elektromotor im rechten Hinterrad integriert ist. Dieser so genannte Radnabenmotor ist Platz sparend – in den Kofferraum passe zumindest eine Bierkiste, merkt Hochberg an. Vor allem aber ist diese Motorversion sehr effektiv und kommt auf einen Wirkungsgrad von 92 Prozent: Das heißt, nur acht Prozent der eingespeisten Energie gehen verloren. Auch Abgase gehören der Vergangenheit an, feuchte Luft ist alles, was hinten herauskommt.

Das Interesse an dieser Entwicklung bezeichnet Hochberg als groß. Und wann geht der "Schluckspecht" in Serie? Hochberg lächelt. Davon sei man weit entfernt. Er glaube nicht, dass in den nächsten Jahren der technische Durchbruch gelinge. Unter anderem seien die Benzinpreise noch nicht hoch genug. Sein Team und er sind aber davon überzeugt, mit "Schluckspecht IV" wertvolle Anregungen für das Auto der Zukunft liefern zu können.