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14. Februar 2009

Auf Stelzen im Eis

Komfortabel und ein bisschen öko: "Neumayer III", die neue deutsche Südpol-Station, geht in Betrieb.

Temperaturen niedriger als in der Tiefkühltruhe, Stürme in Orkanstärke, Monate ohne Sonne – die Antarktis  ist  kein Ort zum Leben. Wer es dort länger aushält, tut es aus Passion. Wie mehrere tausend Wissenschaftler – Meteorologen, Klima- und Meeresforscher vor allem, aber auch Astrophysiker oder Geologen –, die auf den insgesamt etwa 100 Forschungsstationen leben und arbeiten. Deutschland hat seit  1981 seinen Platz am Südpol: in der Neumayer-Station auf dem Ekström-Schelfeis, an der Küste des Südpolarmeeres im Königin-Maud-Land. Dort leben im Sommer 30 bis 40 Wissenschaftler, neun harren selbst im dunklen antarktischen Winter aus, also dann, wenn wir Nordhalbkugel-Bewohner es hell, warm und sonnig haben. Ein Forschungsschwerpunkt auf "Neumayer": das Ozonloch in der Atmosphäre.

Es ist nicht die erste deutsche Station: Die Neumayers – benannt nach dem Polarforscher Georg von Neumayer (1826 bis 1909) – gehen bereits in die dritte Generation: Am 20. Februar nimmt Nummer III die Arbeit auf – ein Containerbau mit vier Etagen, inklusive unterirdischer Garage für die Motorschlitten und Pistenbullys. Gesamtkosten des südlichsten Bauprojekts der Erde: 39 Millionen Euro. Die neue Station ist nicht nur technisch up to date: Sie hat mehr als doppelt so viel Laborfläche wie die alte, auch für Freizeit und Sport gibt es mehr Platz. Die "Überwinterer" haben Einzelzimmer, daneben gibt es Gruppenräume für jene Forscher, die nur den Sommer über in der Antarktis sind. Bisher mussten sie in Schutzhütten neben der Station übernachten.

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Dass die alte Station Neumayer II nach 17 Jahren aufgegeben werden muss, liegt aber nicht primär am mangelnden Komfort, sondern vor allem am Klima.  Für antarktische Verhältnisse haben es die Deutschen zwar noch recht behaglich: Die Jahresmitteltemperatur pendelt um minus 16 Grad Celsius (im Inland liegt der Schnitt bei minus 55 Grad). Aber in der Küstenregion schneit es Berge: Jedes Jahr kommt knapp ein Meter Schnee dazu, der die Station allmählich begräbt. "Das ist ganz normal und hat nichts mit dem Klimawandel zu tun", sagt Ude Cieluch, Sprecher des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven, das Neumayer betreibt. Neumayer II, zwei parallel verlaufende 90 Meter lange Stahlröhren mit Labors und Unterkünften,  liegt bereits mehr als zwölf Meter tief im Eis. "Die Station wird zerdrückt", sagt  Hartwig Gernandt, Leiter der AWI-Logistikabteilung.

Neumayer hat noch ein Problem: Die Station steht nicht auf festem Grund, sondern auf dem rund 200 Meter dicken Schelfeis. Darunter ist der Ozean. Das Schelfeis bewegt sich, langsam zwar, aber stetig. "Das ist wie eine Gletscherzunge, die Richtung Meer driftet", erklärt Cieluch. Und mit dem Eis wandert die Station – etwa 200 Meter pro Jahr. Da das Eis nicht geradlinig fließt, zerrt es an den Fundamenten, auf denen die Neumayer-Röhren liegen. "Auch wenn es nur ein wenig ist: Die Scherkräfte verbiegen die gesamte Konstruktion", so Gernandt.

Eigentlich müsste man regelmäßig die Fundamente geraderücken. Was technisch nicht möglich ist. Anders beim Nachfolger, Neumayer III. Die neue, 2300 Tonnen schwere Station steht auf 16 hydraulischen Stelzen. Von Zeit zu Zeit werden reihum einzeln die Beine angehoben, darunter wird Schnee gepresst. Die Station rückt insgesamt auf ein höheres Niveau. Die Spannungen im eisigen Untergrund sind ausgeglichen, das Schneeproblem ist gelöst. Und die Wissenschafler haben jetzt auf Dauer freie Sicht und einen ebenerdigen Zugang.

Extremes Klima, extreme Arbeitsbedingungen: In zwei kurzen antarktischen Sommern, in insgesamt etwa 20 Wochen, haben zwei Spezialfirmen Neumayer III aus vorgefertigten Teilen montiert. Mehr als 50 Mann waren am Südpol im Einsatz. Ein Frachter hatte, unterstützt von einem Eisbrecher, 3500 Tonnen Material – darunter zwei Kräne – an die Schelfeiskante gebracht. Mit Pistenraupen und Schlitten ging es weiter zur etwa 24 Kilometer von der Küste entfernten Baustelle. Immer wieder musste die Montage wegen Schneestürmen unterbrochen werden, immer wieder mussten meterhohe Schneeverwehungen beseitigt werden.

Damit die Monteure sich nicht im Sturm verirrten, marschierten sie an einer Sicherungsleine vom Baucamp an ihren Arbeitsplatz. Aufwendig war es auch, die Baustelle "winterfest" zu machen. Damit das Material im Frühjahr, zu Beginn des zweiten Bauabschnitts, nicht unter der dicken Schneedecke verloren ging, wurde seine Position zuvor per Satellitenortung bestimmt.

Nun herrscht wieder Ruhe in der Antarktis. Für lange Zeit. Neumayer III soll 25 bis 30 Jahre in Betrieb bleiben. Damit wird dem Umweltschutzprotokoll für die Antarktis Rechnung getragen. Auch sonst stehen die Zeichen auf "öko": Noch sorgen vor allem Dieselgeneratoren für Wärme und Strom. In Zukunft sollen aber bis zu 50 Prozent des Energiebedarfs mit Windenergie gedeckt werden. Und an Wind mangelt es nicht in der Antarktis.

Autor: Michael Heilemann