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07. Mai 2011
Der Vitamin-D-Mythos
Vitamin D soll die Gesundheit schützen und an allen Ecken im Körper fehlen. Stimmt das wirklich?.
Die Botschaft der Wissenschaftler auf der Bühne ist klar: In weiten Teilen Europas – auch in Deutschland – leide die Bevölkerung an Vitamin-D-Mangel. Das Risiko von Stürzen und Knochenbrüchen ließe sich durch regelmäßige Vitamin-D-Gaben deutlich verringern – vor allem bei älteren, mehr als 60 Jahre alten Menschen. Unter dem Strich schlummerte in dem Vitamin bei einem Preis pro Tagesdosis von sechs Cent deshalb reichlich ungehobenes Potenzial – die Thesen vertrat eine Expertenrunde, die der holländische Vitamin-D-Präparat-Hersteller Life und Materials Sciences-Konzern DSM dieser Tage in Brüssel aufgeboten hat.
Ein brandneues Instrument für ein optimiertes Vitamin-D-Marketing präsentierte das mit Medizinerinnen, Politikerinnen und Gesundheitsökonomen besetzte Podium denn auch gleich mit: Karten, die den Vitamin D-Mangel quer durch den Kontinent dokumentieren. Der Konzern hat diese zusammen mit der Internationalen Osteoporose Foundation (IOF) laut eigenen Angaben auf Basis von wissenschaftlichen Studien aus den vergangenen Jahrzehnten erstellt.
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Die Botschaft dieses Vitamin-D-Atlas lässt zumindest aufhorchen: Danach erreicht keine der untersuchten Gesellschaften den für die Veranstalter als wünschenswert definierten Grenzwert; diesen wiederum setzt die IOF bei mehr als 75 Nanomol Vitamin D pro Liter (nmol/l) Blut an. Für Staaten wie Spanien und Frankreich ermittelt die Kartierung zumindest noch Durchschnittswerte zwischen 50 und 74 nmol; weil 80 Prozent des notwendigen Hormons vom Körper selbst mit Hilfe von Sonnenlicht in der Haut produziert werden, gelten Mittelmeeranwohner auch hier als von Natur aus privilegiert. Deutschland dagegen rangiert mit 25 bis 50 nmol in einer Kategorie, die zumindest in Brüssel als nicht genügend (insufficient) klassifiziert wird.
Für die Leiterin des Zentrums Alter und Mobilität der Universität Zürich, Heike Bischoff-Ferrari, ist die Konsequenz klar: Im Jahr 2010 plädierte die Altersmedizinerin in einem Beitrag für die Fachzeitung Ars Medici dafür, im Fall "älterer Personen ab 60 Jahren eine generelle Vitamin-D-Supplementierung von 800 Einheiten pro Tag" zu geben. Der Grund: Bei Senioren reduziere eine solche Vitamin D-Gabe das Risiko für Knochenbrüche.
Die mitunter vertretene These vom "Alleskönner" Vitamin D, der auch Krebs oder Herzinfarkten vorbeugt und das ganze Immunsystem stabilisiert, hält zwar auch Bischoff-Ferrari für noch nicht belegt, dennoch regt sie an, auch jüngeren Menschen regelmäßig kleinere Dosen Vitamin D zukommen zu lassen.
WIRD DER VITAMINMANGEL NUR HERBEIGEREDET?
Teure Visionen, denen Helmut Schatz, als Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, wenig abgewinnen kann. "Ausgeprägte Vitamin-D-Mangelzustände sind bei uns in Deutschland sehr selten", sagt der Experte. " In der Prophylaxe und Therapie der Osteoporose hat Vitamin D zwar seinen festen Platz, aber die meisten Menschen haben selbst im Winter unbedenkliche Vitamin-D-Spiegel." Kein Wunder, laut dem einstigen Chef der Uniklinik Bochum reicht selbst im Winter schon eine halbe Stunde pro Tag unter freiem Himmel aus, um die Vitamin-D-Produktion in der Haut ausreichend anzukurbeln und normale Vitaminspiegel im Blut zu erreichen – "dazu muss noch nicht einmal Sommerkleidung getragen werden oder die Sonne scheinen." Wer dagegen unkontrolliert zu viele Vitamin-D schlucke, könne sich sogar schaden: "Es kann dann zu Erhöhungen des Kalziums im Blut mit Harnflut, Durst, Nierensteinen, Übelkeit und Erbrechen kommen", so Schatz.
Strittig ist für ihn auch der in Brüssel als Normwert deklarierte Blutwert. "Mit der Vitamin-D-Bestimmung verdienen eine Menge Leute viel Geld", sagt Schatz. "Der Arzt, der die Bestimmung als Igel-Leistung dem Patienten privat berechnet, das Labor, das die Bestimmung vornimmt, und schließlich der Hersteller, dessen Präparate gekauft werden." Vielleicht ein Grund dafür, dass in den vergangenen Jahren die angeblichen Grenzwerte immer wieder fleißig nach oben geschraubt wurden.
Die Experten der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie setzen die Grenzwerte dagegen viel tiefer als die Kollegen in Brüssel an: Weniger als 25 nmol/l gilt ihnen als zu tief, über 25 als bei normalen Menschen nicht behandlungsbedürftig und mehr als 50 laut Schatz als "völlig ausreichend". Laut einer großen Untersuchung des Robert-Koch-Instituts, der Kiggs-Studie, haben in Deutschland Kinder im Schnitt einen Wert von 41,9 nmol/l. Für Erwachsene ermittelten die staatlichen Gesundheitsforscher laut einer im Fachjournal European Journal of Nutrition veröffentlichten Studie jahreszeitliche Unterschiede. Im Sommer weisen demnach circa neun von zehn Männern, im Winter acht von zehn Vitamin-D-Werte über 25 Nanomol pro Liter auf. Bei den Frauen sind die Werte sehr ähnlich (87,6 Prozent im Sommer, 78,5 Prozent im Winter). Bei etwa der Hälfte der Männer und Frauen schwimmen sogar 50 nmol im Liter Blut. Dennoch werden den Deutschen von ihren Ärzten jedes Jahr Vitamin-D-Präparate im Wert von rund 300 Millionen Euro verschrieben – und dabei sind die Kosten für ebenfalls geschluckte vitaminangereicherte Lebensmittel noch gar nicht mit einberechnet.
BEWIESEN IST BEIM VITAMIN D WENIG
Noch genauer haben jetzt die Amerikaner dem Mythos von der Vitamin-D-Unterversorgung auf den Zahn gefühlt. Die amerikanische und kanadische Regierungen beauftragten ein 14-köpfiges Expertenkomitee, der Sache auf den Grund zu gehen. Das Ende letzten Jahres veröffentlichte Fazit des Institute of Medicine: Eine Vitamin-D-Konzentration von 50 nmol/ml ist für die Knochengesundheit völlig ausreichend und werde zumindest jenseits des Atlantiks von fast allen Menschen erreicht. Allein durch die normale Nahrung und die Eigenproduktion würden die meisten Menschen ausreichende Vitamin-D-Spiegel erreichen. Höhere Werte anzustreben, wie von vielen Ärzten empfohlen, sei nicht notwendig und manchmal sogar gesundheitsschädlich.
Das Komitee geht nach der Prüfung von mehr als 1000 wissenschaftlichen Arbeiten sogar noch weiter: Theorien, Vitamin D könne neben dem Knochenwachstum auch andere Bereiche der Gesundheit fördern, seien nicht "glaubwürdig". Weder in Sachen Krebs noch bei Diabetes, Herzkrankheiten oder Bluthochdruck hätten sich schützende oder heilsame Effekte durch wissenschaftliche Untersuchungen belegen lassen, heißt es. Dasselbe gelte für die von manchen postulierte Stärkung des Immunsystems. Nur eines gestehen die Experten dem Spurenelement zu: Viele Studien wiesen darauf hin, dass Vitamin D zusammen mit Kalzium am Knochen das Wachstum und die Stabilität stärken könnten.
Der Probe aufs Exempel in der Women’s Health Initiative (WHI), einer Megastudie mit über 36 000 Frauen, hielt selbst diese Theorie nicht stand. Hier hatten Teilnehmerinnen im Alter von 50 bis 79 Jahren nach sieben Jahren Vitamin-D- und Kalzium-Schluckens belegbar weder weniger Hüft-, noch Wirbelsäulen-, noch andere Brüche als Frauen, die die Präparate nicht eingenommen hatten. Selbst die Knochendichte war gerade einmal um ein Prozent angestiegen. Sie litten auch nicht seltener an Darmkrebs – nur häufiger (plus 17 Prozent) an Nierensteinen.
Autor: Michael Baas und Michael Brendler
