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10. Dezember 2016 00:00 Uhr

Open-Access-Publikationen

Sollen Wissenschaftstexte im Internet frei zugänglich werden?

Darf eine Universität ihre Wissenschaftler verpflichten, ihre Texte im Netz frei zugänglich zu machen? Darüber gibt es Streit. Manche Autoren wehren sich gegen die Open-Access-Publikation.

  1. Überall Zugriff auf die Literatur – Studenten im Hörsaal Foto: dpa

Die Universität Konstanz verletze geistiges Eigentum und greife in die Wissenschaftsfreiheit ein: Diese Vorwürfe sind von großem Kaliber. Erhoben werden sie ausgerechnet von Konstanzer Juraprofessoren, die im November gemeinsam mit Kollegen aus anderen Fachbereichen ihre eigene Hochschule verklagt haben. Grund für den spektakulären Streit ist ein spröde klingendes Schriftstück: Die "Satzung zur Ausübung des wissenschaftlichen Zweitveröffentlichungsrechts" der Universität Konstanz vom 10. Dezember 2015.

Das Thema, um das es dabei eigentlich geht, heißt "Open Access" (deutsch: freier Zugang), es bewegt seit Jahren – nicht nur – die Wissenschaft und wird auf europäischer Ebene diskutiert, aber eben auch an jedem forschenden Institut oder Seminar an den Hochschulen. Der Grundgedanke dahinter ist ebenso einfach wie naheliegend: Wenn Forschung mit öffentlichem Geld finanziert wird, dann sollte die Öffentlichkeit auch freien Zugang – Open Access – zu den Ergebnissen dieser Forschung haben. Dass die Umsetzung dieses idealistisch gedachten Zieles allerdings nicht ganz so einfach ist, zeigt der aktuelle Fall.

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Veröffentlichen Forscherinnen und Forscher der Universität Konstanz wissenschaftliche Aufsätze in Zeitschriften, müssen diese künftig ein Jahr nach Erscheinen dort auf dem hochschuleigenen Konstanzer Publikationsserver namens "Kops" eingestellt werden. Damit sind sie kostenlos für die Öffentlichkeit abrufbar. Dieses Vorgehen schreibt die neue Satzung für alle wissenschaftlichen Texte vor, die "im Rahmen einer mindestens zur Hälfte mit öffentlichen Mitteln geförderten Forschungstätigkeit entstanden" sind. Damit setzt die Universität als erste Hochschule in Baden-Württemberg eine Vorgabe des geltenden Landeshochschulgesetzes um.

Das Recht zu einer derartigen Open-Access-Veröffentlichung haben Wissenschaftler schon länger, selbst wenn sie zuvor einem Verlag eine exklusive Nutzung eingeräumt haben sollten. 2014 hat der Bundesgesetzgeber das Urheberrecht entsprechend geändert. Die Konstanzer Satzung macht aus diesem Recht nun eine Pflicht – und genau das bemängeln die Kritiker. Zur laufenden Klage gegen ihre Hochschule wollen sich die 17 Professoren allerdings nicht öffentlich äußern, der Streit solle nicht noch angeheizt werden, heißt es.

In einem Brief an den Rektor Ulrich Rüdiger nennt Juraprofessor Hans Theile als Fachbereichssprecher aber die wesentlichen Argumente für die Klage: Die Open-Access-Idee werde durch die Satzung zu einem verfassungswidrigen "Zwangsinstrument" gemacht und bedeute deshalb "eine Verletzung des Grundrechts auf Wissenschaftsfreiheit". Und zu der gehöre die eigenständige Entscheidung, wie, wo und wann ein Text veröffentlicht wird.

Verstoß gegen die Wissenschaftsfreiheit?

Außerdem werde die "Gewährleistung geistigen Eigentums" verletzt – und praktisch führe die Pflicht zur Zweitveröffentlichung dazu, dass wichtige Verlage die Texte von Konstanzer Wissenschaftlern künftig ablehnten.

"Die Regelung dient dazu, die Autoren zu stärken, sie müssen nicht mehr einzeln mit Verlagen um ihr Recht auf Zweitveröffentlichung streiten", sagt dagegen Petra Hätscher, Direktorin des Kommunikations-, Informations-, Medienzentrums (KIM) der Universität Konstanz. "International knüpfen etliche Geldgeber ihre Forschungsförderung an Open-Access-Publikationen." Als Beispiel nennt sie die renommierten National Institutes of Health, eine Behörde des Ministeriums für Gesundheitspflege und Soziale Dienste der Vereinigten Staaten: "Die Verlage haben sich darauf eingelassen."

Ob die Konstanzer Satzung tatsächlich die Wissenschaftsfreiheit verletze, müsse nun das Gericht klären, sagt Hätscher und verweist auf die in der Satzung vorgesehene Möglichkeit begründeter Ausnahmen. Grundsätzlich stärke die Open-Access-Veröffentlichung auf dem vernetzten Uni-Server jedenfalls die Sichtbarkeit der Publikationen, und darin liege doch das Hauptinteresse der meisten Forscher. "Ein großer Teil der wissenschaftlichen Veröffentlichungen wird bei uns schon seit Jahren via Open Access allgemein zur Verfügung gestellt – die Revolution hält sich also in Grenzen", meint Hätscher.

In Politik und Forschung wird seit Jahren über Open Access gestritten. Hintergrund sind Chancen und Risiken der Digitalisierung – und die horrenden Summen, die Universitätsbibliotheken vor allem in den Natur- und Lebenswissenschaften bisher für die Abonnements wissenschaftlicher Zeitschriften zahlen müssen. Einige international tätige private Großverlage erzielen auf diese Weise traumhafte Gewinnmargen von 30 bis 40 Prozent. Und die Bibliotheken müssen die hohen Preise zahlen ungeachtet der Tatsache, dass die Zeitschriftenbeiträge immer wieder auch von Forschern der eigenen Universität stammen. "Wir produzieren dieses Wissen, warum müssen wir es dann für sehr viel Geld zurückkaufen?", formuliert Petra Hätscher eine Grundfrage vieler Open-Access-Befürworter.

Neben dem Recht – oder der Pflicht – zur Zweitveröffentlichung, dem sogenannten "grünen Weg" des Open Access, setzen Wissenschaftler und Verlage zunehmend auf den "goldenen Weg": die direkte Veröffentlichung des Originalartikels in einem Open-Access-Journal, das im Internet angeboten wird. Die Bezahlstruktur wird dabei gegenüber heute meist umgedreht: Der Zugang zum Text ist ohne Bezahlung frei zugänglich, die (verglichen mit der gedruckten Zeitschrift deutlich niedrigeren) Publikationskosten übernimmt der Autor. Alternativ kann dessen Hochschule oder eine Fördereinrichtung einspringen – schon heute zahlen sie oft Zuschüsse zu den Druckkosten.

Auch darüber wird natürlich gestritten. Laut einer Studie der Max-Planck-Gesellschaft erzielen wissenschaftliche Verlage weltweit Umsätze von etwa 7,6 Milliarden Euro jährlich, das Geld stammt überwiegend von steuergeldfinanzierten wissenschaftlichen Bibliotheken. Mit einem solchen Betrag könne das Publikationswesen leicht auf Open Access umgestellt werden, so die Studie. Kritiker bezweifeln das. Dennoch verhandeln Verlage und Institutionen längst über neue Modelle.

Weitere Fragen sind offen: die Zukunft des gedruckten Buchs und der Umgang mit unterschiedlichen Fachkulturen, die Rolle kleiner, spezialisierter Verlage, die Art der Qualitätssicherung bei solcherart veröffentlichten Texten.

Trotzdem: "Open Access ist für uns schon Realität, das beschäftigt uns in hohem Maß", sagt Antje Kellersohn, Direktorin der Universitätsbibliothek Freiburg. Mehr noch als die Kosten sei der barrierefreie Zugang zu wissenschaftlichen Informationen ein Zukunftsthema – auch bei Forschungsdaten, Quellen oder Editionsprojekten in den Geisteswissenschaften. Die Unibibliothek Freiburg digitalisiere zurzeit viele Werke aus dem Bestandsschwerpunkt 18. Jahrhundert und Handschriften aus dem Mittelalter, um sie öffentlich zugänglich zu machen. Und eine Open-Access-Satzung soll es an der Uni Freiburg auch geben – sobald der Verwaltungsgerichtshof über den Konstanzer Aufschlag entschieden hat.
Open Access

Der englische Begriff Open Access bezeichnet den freien Zugang zu wissenschaftlicher Literatur im Internet. Laut Bundesforschungsministerium soll es zum "Standardmodell des wissenschaftlichen Publizierens in Deutschland" werden; ein Strategiepapier, das im September veröffentlicht wurde, sieht vor, die Bereitschaft zu Open-Access-Publikationen zur Voraussetzung staatlicher Förderung zu machen. Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen – unter anderem Deutsche Forschungsgemeinschaft, Max-Planck-Gesellschaft, Fraunhofer-Gesellschaft und Hochschulrektorenkonferenz – hat das Ziel im Oktober ausdrücklich unterstützt. Auch die EU fördert Open Access. Als Startpunkte der Bewegung gelten die Budapester Open-Access-Initiative von 2002 und die "Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen" von 2003.

Autor: thg