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04. Dezember 2009
Von den Köpfen in die Körper
Englischunterricht per Theaterstück / Für ihr Projekt haben Mechthild Hesse und Susanne Franz den Landeslehrpreis erhalten
FREIBURG. Was für ein Satz! "You wouldn’t happen to have her address?" (Du hast nicht zufällig ihre Adresse?). Nicht nur Englisch vom Feinsten wird den jungen Zuschauern in der Aula der Pädagogischen Hochschule Freiburg geboten. "Dear Nobody" von Berlie Doherty ist auch ein Stück, das inhaltlich den Nerv der etwa 350 Schüler aus ganz Südbaden trifft. Für dieses Theaterprojekt erhielten Englisch-Professorin Mechthild Hesse und die freie Regisseurin Susanne Franz den mit 50 0 00 Euro dotierten Landeslehrpreis.
Englisch macht Andreas, Sven und Julian aus einer neunten Realschulklasse in Gengenbach eigentlich nicht so viel Spaß. Aber das Stück, das sie gerade gesehen haben, hat ihnen richtig gut gefallen. "Und wir haben sogar einen Großteil verstanden." Mechthild Hesse und Susanne Franz bemühen sich um leicht verständliche Texte. Schließlich wollen sie dem Publikum, das vorwiegend aus Haupt- und Realschülern besteht, mit ihrem Projekt die englische Sprache und Literatur schmackhaft machen und ganz allgemein seine Lust auf Theater wecken.Werbung
"Wir dürfen nicht zu intellektuell und abgehoben sein", sagt Susanne Franz. "Und wir müssen Bilder schaffen, bei denen die Zuschauer was erleben, auch wenn sie nicht alles verstehen." Das gelingt mit einfachsten Mitteln. Ein paar Podeste, Korbmöbel und Kisten – und schon sind die unterschiedlichen Schauplätze angedeutet. Natürlich würde sich die Regisseurin wünschen, in einem richtigen Theater zu inszenieren, mit Hinterbühne und professioneller Beleuchtung. Aber "die Lehrer an den Schulen haben auch keine perfekten Bedingungen". Solche Provisorien sind offensichtlich förderlich für die Kreativität.
Am Anfang stand der Wunsch Mechthild Hesses, die englische Literatur aus den Köpfen in die Körper ihrer Studierenden zu holen. Daraufhin startete sie vor sechs Jahren mit der Regisseurin Susanne Franz die Theaterprojekte, mit den Studenten als Schauspielern. Dann gelingt in "Dear Nobody" die Darstellung so gut, dass die knapp 20-köpfige Truppe auf der Bühne über 90 Minuten keine Sekunde Langeweile aufkommen lässt. Wir nehmen Helen (Sarah Walsh) ihre Verzweiflung über die ungewollte Schwangerschaft nach dem ersten Sex mit Chris (Lane Metcalf) ebenso ab wie dessen Enttäuschung, als Helen zu ihm auf Distanz geht. Als beide sich am Ende in einem (perfekt dargebotenen) gemeinsamen Song wieder finden, dürfte so manches Mädchenherz dahin geschmolzen sein.
Das Stück entwickelt seine eigene Dynamik und ist weit davon entfernt, als bloßes Werkzeug des Fremdsprachenlernens daherzukommen. "Ein tolles Thema", finden Bianca und Manuel vom Freiburger Theodor-Heuss-Gymnasium. Ausschnitte des Textes haben sie in der Schule schon vorher besprochen, einzelne Szenen selbst gespielt. Und manch eine nimmt sich in den anschließenden Gesprächsrunden mit den Studenten vor, im Fall des Falles "vorsichtiger zu sein".
Den studentischen Schauspielerinnen und Schauspielern selbst hat die Theatererfahrung bestes Rüstzeug verschafft für ihre künftige Rolle an den Schulen. "Wir werden als Akteure vor einer Klasse stehen", ist sich etwa Katrin Anger bewusst. Da wird es auch auf Stimme, Aussprache, Körperhaltung ankommen. Und methodisch lässt sich womöglich auch einiges in den Unterricht hinüberretten. Kleine szenische Improvisationsspiele etwa fallen Sonja Theodor ein, mit denen das spontane Sprechen geübt werden kann.
Manfred Blassmann ist schon soweit: Der Realschullehrer aus Gengenbach, der mit seiner neunten Klasse gekommen ist, hat einst als Studierender in der Rolle eines Reverend selbst auf dieser Bühne agiert. "Dear Nobody", ist er sich sicher, wird für jede Menge Gesprächsstoff in seinem Unterricht sorgen. "Weitgehend auf Englisch", natürlich.
Autor: Anita Rüffer
