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29. Januar 2014

Die mutigen Kinder von La Hille

Das Freiburger Musiktheater Tabun gastierte in der Hugo-Höfler-Realschule in Breisach / Stück basiert auf einer wahren Geschichte .

  1. Kinder und Jugendliche des Freiburger Musiktheaters Tabun führten in der Aula der Breisacher Hugo-Höfler-Realschule das Stück „Die Kinder von La Hille“ auf. Foto: kai kricheldorff

BREISACH. Am Vorabend des internationalen Holocaust-Gedenktags, dem 27. Januar, an dem vor 69 Jahren die Gefangenen im Konzentrationslager Auschwitz von der sowjetischen Armee befreit wurden, führte das Musiktheater Tabun des Interkulturellen Theaters Freiburg sein Stück "Die Kinder von La Hille – eine Kinderrepublik" in der Aula der Breisacher Hugo-Höfler-Schule auf.

Das Stück basiert auf einer wahren Geschichte. Etwa 100 jüdische Kinder wurden nach dem Pogrom 1938 von ihren Eltern getrennt und aus Nazideutschland in ein Heim in Belgien gebracht. Als 2 Jahre später das Nachbarland von Deutschen besetzt wurde, floh das Heimleiterehepaar Frank mit den Kindern nach Südfrankreich. In einem verfallenen Schloss im Pyrenäen-Dorf La Hille fanden sie Unterkunft. 5 Jahre lebten und überlebten die meisten von ihnen dort – begleitet von der ständigen Gefahr, in ihrem Versteck von den Nazis entdeckt und ins Konzentrationslager deportiert zu werden.

In kurzen Szenen bringen die 20 Darstellerinnen und Darsteller, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, diese Geschichte auf die Bühne. Sie erzählt ein Gruppenschicksal von Abschied und Trennungsschmerz, Unsicherheit und Angst, aber auch von Lebenswillen und Solidarität. "Denkst du viel an deine Mama?", fragt ein jüdisches Mädchen ihre Freundin in La Hille und die antwortet: "Ich habe Angst, dass ich bald vergesse, wie sie aussieht." Die Beklommenheit dieses Satzes gewinnt für das Publikum an Gewicht, weil es weiß, was das Mädchen nicht einmal ahnen dürfte, nämlich dass ihre Eltern von den Nazis in einem Konzentrationslager ermordet wurden. Kälte, Hunger und Krankheiten erschweren das Leben der Gemeinschaft, die in dieser Notsituation aber auch eng zusammenwächst. "Kurzschluss" heißt das Codewort, mit dem die jüngeren Kinder ihre älteren Schicksalsgenossen vor den Häschern warnen, wenn diese das Schloss nach jüdischen Jugendlichen durchsuchen, die zur Deportation ins KZ abgeholt werden sollen. Im Zwiebelkeller des alten Gebäudes finden sie ein glücklicherweise sicheres Versteck.

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Aufkommende Konflikte unter den Kindern werden gelöst, die Älteren geben den Jüngeren Mut und Zuversicht in dieser gefahrvollen und oft aussichtslos scheinenden Situation. Unter der Obhut des Heimleiterehepaares Frank und der Köchin Frau Schlesinger wachsen die Mädchen und Jungen von La Hille zu einer Familie zusammen und vereinigen sich zu einer Kinderrepublik. Dabei lernen sie, dass es sich lohnt, mutig zu sein.

Regisseurin Monika Hermann, die seit vielen Jahren beim Theater Tabun mit Kindern und Jugendlichen Stücke inszeniert, geht behutsam mit dem schwierigen Stoff um. Er basiert auf einem Buch, das Heimleiter Alexander Frank nach dem Krieg über die Kinder von La Hille geschrieben hat. Lieder in deutscher, französischer und jiddischer Sprache sowie Tanz- und Pantomime-Einlagen lockern den ernsthaften Inhalt des Stückes auf, ohne ihn zu verwässern.

Die jungen Schauspieler haben Kontakt zu Überlebenden

Die Kinder und Jugendlichen spielen die Szenen mit großer Nachdrücklichkeit. Die spärliche Ausstattung des Bühnenstückes konzentriert sich auf stimmige Bekleidung und gelungenes Maskenbild der Darsteller. Pianist Philipp Hertyn und Peter Nick auf dem Akkordeon steuern die musikalischen Akzente bei. Eine überzeugende, in ihrer Umsetzung sehr berührende Inszenierung.

Mit einigen der heute noch in aller Welt verstreut lebenden Kindern von La Hille, die im achten und neunten Lebensjahrzehnt stehen, seien das Theater Tabun und die jungen Darsteller in Kontakt, ließ die Regisseurin am Rande der Aufführung in der Hugo-Höfler-Realschule wissen. Als theaterpädagogisches Projekt hat das Stück ebenso große Bedeutung, wie als mahnende Erinnerung an furchtbares Unheil.

Die Breisacher Aufführung wurde durch den Förderverein Blaues Haus, den Verein "Für die Zukunft lernen", den Freundeskreis Oswiecim sowie Sponsoren ermöglicht.

Autor: Kai Kricheldorff