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21. März 2013

Die Schulen favorisieren eine Verbundlösung

Hugo-Höfler-Realschule könnte neben Gemeinschaftsschule Bestandteil des Schulsystems bleiben / Gemeinderat soll noch vor der Sommerpause entscheiden.

  1. Kinder mit und ohne Behinderung werden an der Gemeinschaftsschule gemeinsam unterrichtet. Foto: Archivbild: dPA

BREISACH. Über die Zukunft der Hugo-Höfler-Realschule und der Julius-Leber-Schule diskutierten die Mitglieder des Sozial- und Verwaltungsausschusses am Dienstagabend. Mit den unterschiedlichen Modellen soll sich jetzt der Arbeitskreis Schulentwicklung befassen, der um fünf Räte erweitert wurde. Noch vor der Sommerpause soll der Gemeinderat entscheiden, ob - wie von der SPD gefordert - schon im Herbst ein Antrag auf eine Gemeinschaftsschule gestellt wird. Die beiden Schulen favorisieren einen Verbund von Gemeinschafts- und Realschule.

An der Sitzung nahmen auch Schulamtsleiter Manfred Vossler und Schulrätin Charlotte Beringer teil, die im Schulamtsbezirk für die Werkreal- und die Gemeinschaftsschulen zuständig ist. Unter den Zuhörern waren Christoph Wolk, Leiter der Hugo-Höfler-Schule und Siegmund Früh, Rektor der Julius-Leber-Schule.

DER IST-ZUSTAND

Der demografische Wandel und der Wegfall der Grundschulempfehlung machen eine Veränderung der Schullandschaft erforderlich. Die Entwicklung geht zum zweigliedrigen Schulsystem mit Gymnasium und Gemeinschaftsschule oder Gymnasium und Realschule. Haupt- und Werkrealschulen seien eine aussterbende Schulform, sagte Bürgermeister Oliver Rein. Das zeige sich auch in Vogtsburg und Ihringen. Im Vergleich sei Breisach in einer komfortablen Lage, dennoch müsse auch hier eine Entscheidung getroffen werden. "Gemeinschaftsschulen sollte man auf keinen Fall verteufeln, es kann gut funktionieren", gab Rein die Position des Städtetags Baden-Württemberg wieder. "In Breisach muss die Realschule Bestandteil des Systems bleiben", betonte Rein. In die Überlegungen müsse auch die Region einbezogen werden. Falls sich Breisach für eine Gemeinschaftsschule entscheide, werde es diese in den Nachbargemeinden nicht geben.

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DIE MODELLE

Für die Zukunft der Julius-Leber- und der Hugo-Höfler- Schule nannte Rein 5 denkbare Varianten. Wenn alles bleibt, wie es ist, wird die sich die Haupt- und Werkrealschule mangels Schülern irgendwann auflösen. Ein Verbund mit weiterhin getrennten Schulformen müsste nach 3 bis 5 Jahren in eine Gemeinschaftsschule umgewandelt werden, was für die Realschule das Aus bedeuten würde. Das wäre auch der Fall, wenn, wie von der SPD-Fraktion beantragt, beide Schulen sofort in eine Gemeinschaftsschule umgewandelt würden. Die "Realschule plus" wird, laut Rein, von der Landesregierung abgelehnt. Erst seit einer Woche sei jedoch bekannt, dass auch ein Verbund von Gemeinschaftsschule und Realschule möglich ist. Die Haupt- und Werkrealschule der Julius-Leber-Schule würde dann eine Gemeinschaftsschule, die Hugo-Höfler-Realschule bliebe erhalten. In dem Schulverbund gibt es eine gemeinsame Schulleitung und ein gemeinsames Lehrerkollegium. Die Gemeinschaftsschule soll alle Abschlüsse anbieten, auch das Abitur, das aber erst nach 13 Schuljahren erreicht wird. Entschieden werden müsste, ob auch die Grundschule zur Gemeinschaftsschule gehören soll.



DIE GEMEINSCHAFTSSCHULE

"Die Gemeinschaftsschule ist eine Schule für alle Kinder", erläuterte Schulrätin Charlotte Beringer. Sie ermögliche das bruchlose gemeinsame Lernen. Im Idealfall umfasst die Gemeinschaftsschule die Klassen 1 bis 10, ergänzt durch eine dreijährige Oberstufe. Sie schließt auch Kinder mit Behinderung ein. Zu den Prinzipien gehört das individualisierte Lernen, mit individuellen Lern- und Förderplänen. Die Gemeinschaftsschule ist eine Ganztagsschule mit rhythmisiertem Unterricht und Lerngruppen. Für die Lehrer gebe es ein Fortbildungskonzept. Der Bildungsplan werde zum Schuljahr 2015/16 vorgelegt. In der Gemeinschaftsschule sind alle Abschlüsse möglich. Es besteht jederzeit die Möglichkeit, auf andere Schulen in Baden-Württemberg und Deutschland zu wechseln. Voraussetzung für die Gemeinschaftsschule ist, dass sie von der Schulfamilie – Schulträger, Schulen, und Eltern -– gewollt ist. Gemeinderat und Schulkonferenz müssen zustimmen. "Das braucht aber Zeit", betonte Beringer. Auch benötigten die Schulen Vorerfahrungen, zum Beispiel als Ganztagsschule. Die Eltern müssen als Erziehungspartner eingebunden werden. Als ausgesprochen wichtig bezeichnete Beringer auch die Abstimmung mit der Region. "Wenn Breisach Gemeinschaftsschule wird, hat das Auswirkungen auf die Nachbarschaft", ergänzte Manfred Vossler. An der Gemeinschaftsschule ändert sich auch die Lehrerarbeitszeit, so Vossler. Aus einem 27-Stunden-Deputat würden so schon mal 41 Wochenstunden.

DIE WÜNSCHE DER SCHULEN

"Immer mehr Werkrealschüler gehen auf die Realschule", schilderte Christoph Wolk als geschäftsführender Leiter aller Breisacher Schulen die Situation. In de Realschule gebe es mittlerweile eine sehr heterogene Schülerschaft. "Wir brauchen neue Strukturen, die Realschule soll nicht zur Restschule werden, sondern das hohe Niveau halten", betonte er. Ein Verbund von Gemeinschaftsschule bis Klasse 13 und Realschule sei eine gute Möglichkeit. "Da sind wir uns mit der Julius-Leber-Schule völlig einig", sagte Wolk. Zumal es in der Realschule auch genügend Schüler für die Oberstufe gebe. "Es muss aber schnell gehen, weil es die Julius-Leber-Schule sonst nicht mehr gibt", machte Wolk klar. Auch die Eltern warteten auf Signale. "Die Gemeinschaftsschule braucht eine Oberstufe", pflichtete Siegmund Früh, Rektor der Julius-Leber-Schule, bei. Man sollte aber abwägen, ob auch die Grundschule zur Gemeinschaftsschule gehören soll.



DIE KOSTEN

Die Kostenfrage lasse sich derzeit noch nicht befriedigend beantworten, erklärte Schuldezernent Harald Bitzenhofer. Klar sei, dass die Betreuungskosten für eine Gemeinschaftsschule, die die Grund- und die Realschule umfasst, sehr hoch sind. Wird dagegen lediglich die Haupt- und Werkrealschule Gemeinschaftsschule, steigen die Kosten moderat. Schließlich werde das rhythmisierte Ganztagsangebot schon jetzt von der überwiegenden Mehrheit der Werkrealschüler bevorzugt. Hinzu kommen aber noch weitere Kosten für die Inklusion und eventuell Baukosten.
DIE GRUNDSCHULEN

"Es ist möglich, die Grundschulstandorte in den Ortsteilen zu halten, allerdings müssen sie auf die Gemeinschaftsschule vorbereiten", erläuterte Schulrätin Beringer. Eine mögliche Schließung von Grundschulen habe mit der Gemeinschaftsschule nichts zu tun, betonte Bürgermeister Rein, der sich vehement dafür aussprach, dass die Grundschulen vor Ort erhalten werden sollen.. Selbst wenn es weniger als 80 Kinder würden, könnten Grundschulen erhalten werden, allerdings ohne eigenen Rektor, erklärte Schulamtsleiter Vossler.

STIMMEN DER GEMEINDERÄTE

Reiner Zimmermann (SPD) sprach sich dafür aus, jetzt die Chance für eine Veränderung zu nutzen. Zum einen seien die Schulen dazu bereit, zum anderen müsse man die Probleme, die durch den demografischen Wandel entstehen, lösen. Die "Realschule plus" bezeichnete Zimmermann als "philosophisch verkleistertes dreigliedriges Schulsystem."

"Wir sollten keine Luftschlösser bauen" forderte CDU-Stadtrat Rudolf Gnädinger. "Ich bin nicht gegen Veränderung, aber mir ist das Tempo zu schnell", sagte Wendelin Hintereck (CDU). Ein Plädoyer für die Gemeinschaftsschule hielt ULB-Stadtrat Jürgen Langer. Die Kinder machten besserer Schulabschlüsse, deutlich weniger Lehrer erkrankten am Burn-out-Syndrom. "Die Gemeinschaftsschule wäre eine Stärkung des Schulstandorts", so Langer.



WIE GEHT ES WEITER?

"Wir sind uns einig, dass es nicht so bleiben kann", sagte Bürgermeister Rein. Er plädierte dafür, sich Zeit zu lassen, bat aber die Vertreter des Schulamts, Breisach als möglichen Standort für eine Gemeinschaftsschule im Auge zu behalten. "Wandel durch Annäherung ist eine tolle Sache", griff Rein ein Zitat des früheren Bundeskanzlers Willi Brandt auf.

Der Verwaltungsausschuss beschloss, dass der Arbeitskreis Schule durch 5 Gemeinderäte ergänzt wird. Es sind: Jacob Loewe (CDU), Anita Güth (CDU), Frank Kreutner (SPD), Jürgen Langer (ULB) und Imogen Widensohler (FDP/FWB). Der Arbeitskreis soll bis Juli einen Vorschlag und einen Zeitplan ausarbeiten. Noch vor der Sommerpause soll über den Antrag der SPD-Fraktion, die die sofortige Einführung der Gemeinschaftsschule fordert, abgestimmt werden.

Autor: Agnes Pohrt