Die wesentlichen Dinge sind unsichtbar

Paul Klock

Von Paul Klock

Mi, 22. Juni 2016

Breisach

Der Kunstkreis Radbrunnen zeigt Skulpturen des japanischen Bildhauers Aisaku Suzuki, der seit über 30 Jahren in Breisach lebt .

BREISACH. 15 Jahre lang hat es gedauert, bis Ari Nahor vom Breisacher Kunstkreis Radbrunnen sein Versprechen wahr machen konnte: eine Ausstellung mit Objekten des seit 1979 in Breisach ansässigen japanischen Bildhauers Aisaku Suzuki. Wie sehr sich das gelohnt hat, ist derzeit im Radbrunnenturm auf dem Münsterberg zu sehen.

Schlicht kommen sie daher, die bis auf wenige farbige Ausnahmen strahlend weißen abstrakten Skulpturen des mittlerweile über 80-jährigen Künstlers. Doch schon bei dem Wort abstrakt kommt man ins Stolpern. Abstrakt in Zusammenhang mit Kunst ist ein europäischer Begriff, welcher einen formalen Vorgang in der Malerei und Bildhauerei beschreibt, der durch äußerste Reduktion der figürlichen Außenwelt sozusagen ein Substrat der Realität abbildet. Ein deduktiver Vorgang, an dessen Ende das berühmte weiße oder schwarze Quadrat des russischen Avantgardekünstlers Kasimir Malewitsch steht. Doch eigenartigerweise enthält auch diese Ikone der modernen Malerei genau das, was Suzukis Arbeiten charakterisiert: einen imaginären, spirituellen, ja fast kosmischen Augenblick, in dem Außen und Innen, Form und Figur, Realität und Abbildung eins sind beziehungsweise werden. Für Aisaku Suzuki ist dieser Moment kulturell wie intellektuell mit dem Zen Buddhismus verknüpft. Zen, das bedeutet, die Welt in einem Zustand der reinen Kontemplation so zu sehen, wie sie ist.

Verknüpfungen zum Zen Buddhismus

Ohne störendes Beiwerk, ohne schnörkelhafte Ausgestaltung, sondern rein und leer und trotzdem erfüllt vom Geist des Kosmos. So nimmt es nicht Wunder, wenn Aisaku Suzuki in Anspruch nimmt, seine Objekte in einem imaginären Entscheidungs- und Produktionsprozess zu gestalten. Da gibt es kein Objekt, keine Vorlage, kein Modell, nachdem er seine Keramiken aus Porzellan oder Steingut fertigt. Der Schaffensprozess kommt von innen heraus. Der Künstler gebraucht die Töpferscheibe gleichsam nur als Vehikel, wie ein Autofahrer das Auto zwar lenkt, sich aber dessen gar nicht bewusst ist. Zufälligkeiten bei der Entstehung der Objekte, der Glasierung oder des Brennvorgangs sind mit einkalkuliert, ja sogar gewünscht.

"Man kann keine Probleme lösen", sagte unlängst der Kulturwissenschaftler Bazon Brock bei einer Rede zu seinem 80. Geburtstag, "man kann nur an der Lösung arbeiten." Was der Betrachter also auf den zwei Etagen des Radbrunnens zu sehen bekommt, sind einerseits wunderschöne, spannungsgeladene und gleichzeitig entspannende gewichtslose Skulpturen, andererseits sind sie nur vorhanden beziehungsweise sichtbar, solange das Auge des Betrachters auf ihnen ruht. "Die wesentlichen Dinge sind für die Menschen unsichtbar" heißt es an einer Stelle von Saint-Exupérys "Der kleine Prinz".
Die wesentlichen Dinge. Das sind Aufmerksamkeit, Interesse, Zuwendung, Empathie, Liebe. Aus diesen Dingen heraus entsteht ein Zugang zur Welt, der sie verändern kann oder bewahren. Für die Besucher der Ausstellung bedeutet dies, sich den Skulpturen zu öffnen, keine vorschnellen Analogien suchen, in einen Dialog mit ihnen treten und ja – sie eigentlich nach dem Hinausgehen wieder vergessen.

Vielleicht kommen sie der nächsten Ausstellung zugute, die man besucht. Vielleicht auch dem nächsten Gespräch, der nächsten Kontaktaufnahme, dem nächsten Betrachtungsvorgang, der nächsten Problemstellung.
Und doch – etwas kann man schon mit nach Hause nehmen. Einen Katalog mit einem sehr schönen Text von Andreas Platthaus, der einem beim Durchblättern und Betrachten aber noch einmal daran erinnert, wie schön es wäre, eine der Plastiken einmal in die Hand zu nehmen, sie zu wiegen, abzutasten, und zu umschmeicheln. Vielleicht ergibt sich ja eine Gelegenheit bei einem Besuch in des Künstlers Atelier am Synagogenplatz 5 in Breisach.

Die Ausstellung ist bis zum 17. Juli freitags von 14 bis 18 Uhr, samstags, sonntags und feiertags von 11.30 bis 18 Uhr geöffnet.