Die Zeit, in der die Dämmerung dem Auge einen Streich spielt

Paul Klock

Von Paul Klock

Fr, 16. Oktober 2015

Breisach

Arbeiten der Malerin Ute Wilke sind noch bis zum 25. Oktober im Kunstkreis Radbrunnen zu sehen / Tiere als Künder einer vorzivilisatorischen Ordnung.

BREISACH. Entre chien et loup – zwischen Hund und Wolf – nennt man im Französischen die Tageszeit, in der die Dämmerung dem Auge einen Streich zu spielen vermag. Dann kann sich ein Haustier in sein wildes Pendant verwandeln, wird beispielsweise aus einem Hund ein Wolf.

Die Vogelmotive von Ute Wilke sind in diesem augenscheinlichen Zustand der Täuschung angesiedelt, zeigen nicht ihr vertrautes Gesicht, sondern ihre wilde Seite. Selbstbewusst breiten sie ihre Schwingen aus, plustern ihr Gefieder auf, frech sehen sie den Betrachter an.

Tiere sind kein Produkt
Genau das ist auch die Absicht der Malerin, die das Tier aus seinem zivilisatorischen Gefängnis holen möchte. Die zeigen will, dass Tiere kein Produkt sind, keine Kuscheltiere, keine Besitzkreaturen, sondern eigenständige Wesen, die ein Recht auf ihre ganz eigene Wesensart haben. Dafür braucht Ute Wilke manchmal nicht mehr als ein gut platziertes Auge in einem Dickicht aus unscharfen Umrissen, schraffierten Flächen, klug gesetzten Strichen. Und mitunter verzichtet sie sogar auf dieses eindeutige Erkennungszeichen und lässt uns die Gestalt eines Vogels nur erahnen.

In den neueren Arbeiten geht sie wiederum auf eine fast fotorealistische Darstellung über, präsentiert ihr Sujet in einer Mischung aus Stolz und latenter Bedrohung.

Wesen aus einer anderen Zeit
Tusche, Acryl auf ungrundierter Baumwolle oder ungrundiertem Leinen sind ihr Handwerkszeug, das sie so effektvoll wie sensibel einzusetzen weiß. Effektvoll, weil sich der Betrachter der Wirkung dieser Abbildungen nicht entziehen kann, sensibel, weil einem die "Gefiederten" wie Schemen erscheinen, die vertraute Sehgewohnheiten infrage stellen. Als wären es Wesen aus einer anderen Zeit, einem unbekannten Kontinent, vertraut und fremd zugleich.

Eher erinnern sie an Abbildungen aus alten Märchenbüchern, als der Wolf noch ein Wolf war und kein monströser Werwolf. Als Tiere noch "das Andere" in uns widerspiegelten, ohne sich selbst aufgeben zu müssen, als Tiere noch auf der anderen Seite des Zaunes wohnten, ohne dass dieser aus Zoomauern bestand. "Outside in the cold distance, a wild cat did crowl", heißt es in Bob Dylans "All along the watchtower" und weiter: "Two riders were approaching, and the wind began to howl."

Tiefere Schichten des Bewusstseins
Da ist es wieder: Das Motiv des Tieres als Sinnbild oder Künder einer vorzivilisatorischen Ordnung, wie sie unsere Vorfahren noch kannten.

Und genau das steckt in den Arbeiten von Ute Wilke, wenn man sich ihnen aussetzt. Und das muss man, sich ihnen aussetzen. Den Blick von außen nach innen wenden, um das Abbild auf die Netzhaut wirken zu lassen, damit es auch tiefere Schichten erreicht und das bloß legt, was sich im Unterbewussten des Betrachters abspielt.

Alptraumhafte Begegnungen
Denn natürlich fühlt man sich auch an Alfred Hitchcocks Vögel erinnert, diese alptraumhafte Vogelbegegnung der "dritten Art", bei der sich unsere gefiederten Freunde das Recht herausnehmen, Widerstand zu leisten und ihren Anspruch auf die Welt erheben. Auf eine Welt ohne Menschen, die ihre Lebensräume systematisch verkleinern und so ihre Existenz gefährden.

Dazu braucht es nicht immer den pädagogischen Zeigefinger, flammende Anklagen oder halbherzige Artenschutzgesetze. Dazu genügt manchmal einfach eine künstlerische Auseinandersetzung.

Die Ausstellung ist bis zum 25. Oktober freitags von 14 bis 18 Uhr sowie feiertags und an den Wochenenden von 11.30 bis 18 Uhr geöffnet.