Ein würdiges musikalisches Gedenken

Kai Kricheldorff

Von Kai Kricheldorff

Di, 20. November 2018

Breisach

Vocalys aus St. Louis und das Breisacher Vocalensemble begeistern mit Verdi-Requiem in Breisach.

BREISACH. Mit der Aufführung des Verdi-Requiems im Breisacher Münster am Volkstrauertag fand das grenzüberschreitende musikalische Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren seinen abschließenden Höhepunkt. Zugleich feierte mit diesem deutsch-französischen Gemeinschaftsprojekt das Breisacher Vocalensemble mit seinem Gründer und musikalischen Leiter Ludwig Kleber sein 20-jähriges Bestehen.
Es war die vierte und letzte Aufführung vom Vokalensemble "Vocalys" aus Saint-Louis mit dem Vocalensemble aus dessen deutscher Partnerstadt Breisach. Beinahe zufällig hatten die beiden Chöre zusammengefunden, um Verdis monumentales Requiem zusammen mit der Jungen Kammerphilharmonie Freiburg einzustudieren. Mit Unterstützung von Sponsoren aus Frankreich, Deutschland, der Schweiz und der Europäischen Union gelang es, das Verdi-Requiem in einem so großen musikalischen Rahmen aufzuführen.

Dieser Musikabend geriet zum würdigen musikalischen Gedenken an das Weltkriegsende 1918. Gleichzeitig feierte er die Überwindung der Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich und die Bildung der engen Freundschaft, die beide Länder im Herzen Europas heute miteinander vereint. Nach Saint-Louis, Mulhouse und Freiburg war das Breisacher Stephansmünster die letzte Station dieses außergewöhnlichen musikalischen Projekts, das unter dem Motto "Cantus Pax Rhenus" stand.
Ein bisschen verzwickt ist die Entstehungsgeschichte der Totenmesse von Giuseppe Verdi. 1874 wurde in Mailand ihre Uraufführung gefeiert. Seither zählt das sehr anspruchsvolle Werk zu den großen Kompositionen der klassischen Musik mit Aufführungen in Kirchen und auf Konzertbühnen in aller Welt.

Monumental und ergreifend
Die Aufführung Breisacher Münster ließen die Sinnlichkeit und Dramatik in der Orchestrierung sowie die Mächtigkeit der Chorkomposition deutlich werden. Verdis "Messa da Requiem" ist ein geistig ergreifendes musikalisches Werk, das mit dem Begriff "monumental" zutreffend charakterisiert wird. Es ist eine meisterhafte Komposition, deren mitreißende Energie die Zuhörer geradezu physisch berührt. In ihr entfalten sich gewaltige klangliche und rhythmische Kraftfelder. Da sind die sich schweben ausbreitenden Geigenklänge, aus denen sich der machtvolle Klang der Blechbläser Bahn bricht. Und einen Augenblick darauf erschüttern die in ihrer Dynamik wechselnden, mal aufrüttelnden, manchmal drohenden oder oft auch dumpfen Schlagfolgen der Pauken und Trommeln die Zuhörer. Die Chorsequenzen erzeugen eine delikate, oftmals atemberaubende Spannung.
Den mehr als 120 Sängerinnen und Sängern der beiden Chor-Ensembles gelang es, hervorragend die einzelnen Stimmungen zu akzentuieren, in denen Bedrückung, Trauer, Verzweiflung, seelische Not, aber auch Hoffnung und Glauben zum Ausdruck kommen.

Ihre Leistung begeisterte die Zuhörer ebenso, wie das ausgezeichnete Zusammenspiel der beiden miteinander vereinten Chöre mit den Musikerinnen und Musikern der Jungen Kammerphilharmonie Freiburg. Die vier Solisten der Breisacher Aufführung – Anna Patrys (Sopran), Marlene Lichtenberg (Mezzosopran), Mihail Mihaylov (Tenor) und Duccio dal Monte, (Bass) – wussten mit ihren Gesangspartien, wie als Quartett ausgezeichnete musikalische Akzente zu setzen.

Ein Höhepunkt des Musikjahrs
Stehende Ovationen und Bravorufe gab es für die vielen Akteure, für die es im Altarraum des Stephansmünsters ziemlich eng war. Gefeiert wurden der musikalische Leiter Ludwig Kleber, der mit seinem Kollegen Cyril Pallaud, Leiter des "Vocalys"-Ensembles aus Saint-Louis, vor das Publikum trat sowie Orchesterleiter Andreas Winnen von der Jungen Kammerphilharmonie Freiburg. Dieser Abend dürfte der Höhepunkt des Musikjahres 2018 in der Europastadt Breisach am Rhein gewesen sein. Damit hatte sich das Breisacher Vocalensemble zu seinem 20-jährigen Bestehen das für einen Chor denkbar schönste Geburtstagsgeschenk selbst bereitet.