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30. Juni 2015

Gemeinsam kochen mit Flüchtlingen

Ein Arbeitskreis des Runden Tisches für Mitmenschlichkeit organisiert in Breisach wöchentliche Treffen mit jungen Afrikanern.

  1. Gemeinsam zu kochen ist kommunikativ. An der langen Tafel im Blauen Haus lernten sich die jungen Flüchtlinge aus Afrika und die Angehörigen des Breisacher Helferkreises näher kennen. Foto: Kai Kricheldorff

BREISACH. In der Küche des Blauen Hauses in Breisach ist es eng. Über ein Dutzend Personen bereiten gemeinsam ein Essen vor. Zehn von ihnen sind junge Afrikaner aus Gambia. Als Flüchtlinge leben sie in der Gemeinschaftsunterkunft "Campus der Kulturen" am Europaplatz. Seit April treffen sie sich einmal wöchentlich mit Angehörigen des Arbeitskreises (AK) Flüchtlinge beim Runden Tisch für Mitmenschlichkeit zum Kochen im Blauen Haus.

Viele sind Muslime
"Eigentlich wollten wir heute im Garten grillen, das Wetter hat uns aber einen Strich durch die Rechnung gemacht", sagt Cornelie Büchner vom Arbeitskreis. Gemeinsam mit ihrem Mann Heiko sowie Kerstin und André Manz hat sie das gemeinsame Kochen mit den Flüchtlingen initiiert.

Der kurzfristig veränderte Speiseplan für diesen Abend sieht Maultaschen mit Spinat und Gemüse vor. Wahlweise wird es mit Rinderhack zubereitet. "Original schwäbisch ist das nicht", räumt Büchner ein. Aber die meisten der jungen Männer aus Gambia seien Muslime, ihre Religion verbiete ihnen, Schweinefleisch zu essen. Zur Nachspeise soll es Erdbeeren mit Quark geben. Für die Afrikaner ein absolutes Novum. In ihrem Heimatland sind Erdbeeren unbekannt.

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Beim ersten Kochkurs hatte die Gruppe indonesisch gekocht, beim zweiten Treffen gab es Reis mit Fleisch, wie es in Westafrika zubereitet wird. Einige der gambischen Männer hatten dazu aus einem afrikanischen Lebensmittelgeschäft in Freiburg einige der für ihre Heimat typischen Gewürze besorgt.

An der Küchenwand des Blauen Hauses hängt ein selbstgemachtes Poster mit Fotos von Geschirr und Küchengegenständen. Unter jeder Abbildung steht die deutsche Bezeichnung. Praktische Verständigungshilfe für die Arbeit in der Küche. Die Gambier sprechen meist gut Englisch, ihre Deutschkenntnisse sind unterschiedlich, je nachdem wie lange sie schon einen Sprachkurs belegt haben.

Willkommene Abwechslung
In der engen Küche werden Gemüse geputzt und geschnippelt, Salat zubereitet und Nudelteig ausgerollt. André Manz ist als begeisterter Hobbykoch voll in seinem Element. Dem 20-jährigen Ibrahim zeigt er, wie die Maultaschen gefüllt und geformt werden. Der Lebensmitteleinkauf für die gemeinsamen Kochabende wird durch Spenden des Runden Tischs für Mitmenschlichkeit finanziert.

"Miteinander zu kochen ist sehr kommunikativ, man kommt leicht ins Gespräch und es macht allen Spaß", sagt Cornelie Büchner. Für die jungen Flüchtlinge sind die wöchentlichen Treffen eine willkommene Abwechslung vom Alltag in der Gemeinschaftsunterkunft. Manche besuchen in Freiburg die Internationale Schule. Andere haben kleine Jobs, wie Messi, der beim städtischen Bauhof in Breisach stundenweise arbeitet. Regelmäßig mäht er auch den Rasen im kleinen Garten des Blauen Hauses.

Für Christiane Walesch-Schneller vom Förderverein ehemaliges jüdisches Gemeindehaus war es selbstverständlich, die Küche im Blauen Haus für die Kochaktion mit den Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen.

Am Beginn ihrer Treffen hat Büchner den jungen Gambiern die Geschichte des Hauses erklärt. Mit ihrer Tochter Charlotte, seit kurzem Vorstandsmitglied im Förderverein, unternahmen sie kürzlich eine Führung durch die Gedenk- und Begegnungsstätte.

Die Atmosphäre ist locker
André Manz gibt letzte Anweisungen für die Zubereitung der Maultaschen. Dann klappt er das dicke Rezeptbuch von TV-Koch Johann Lafer zu. Seine Frau Kerstin hat derweil mit einigen jungen Gambiern die lange Tafel im Versammlungsraum des Blauen Hauses gedeckt.

Kochen macht hungrig. Mit gutem Appetit setzt man sich an den Tisch. Die unbekannten Erdbeeren finden bei den jungen Afrikanern Gefallen. Während des Mahls wird viel geredet und gelacht. Die Atmosphäre ist locker und freundschaftlich.

Jeder der jungen Gambier trägt eine meist dramatisch verlaufene Fluchtgeschichte und oft auch ein tragisches Familienschicksal mit sich. Sie sind alle um die 20 Jahre alt, fern ihrer Heimat, auf sich selbst gestellt. Sprechen Sie eigentlich über das, was sie auf ihrer Flucht erlebt haben? "Nicht in einem größeren Kreis", sagt Büchner, allenfalls öffneten sie sich in Vier-Augen-Gesprächen mit Personen, die sie schon ein bisschen länger kennen.

Praktikumsstellen, Jobs und vor allem Wohnraum werden für die alleinstehenden Flüchtlinge am dringendsten benötigt. Oft erhält der Arbeitskreis Flüchtlinge auf entsprechende Anfragen bei Arbeitgebern und Wohnungsvermietern negative Antworten. Mehr Unterstützung für die Flüchtlinge aus Afrika wäre daher wünschenswert.

Kontakt und Info: hcbuechner@web.de

GAMBIA

Das westafrikanische Land ist mit 1,85 Millionen Einwohnern und 11 000 Quadratkilometern Fläche (halb so groß wie Hessen) eines der kleinsten Länder Afrikas. Es wird vom weitaus größeren Nachbarstaat Senegal umschlossen. Seit 1965 ist Gambia ein unabhängiger Staat, zuvor war es Teil der Kolonie Britisch-Westafrika. 90 Prozent der Bevölkerung sind Muslime. Regiert wird das Land von der dominierenden Partei APHC, seit 1994 ist Präsident Yahya Jammeh an der Macht.  

Autor: kff

Autor: Kai Kricheldorff