Der Erinnerung ein Gesicht geben

Kunstkurs lässt jüdische Breisacher zeichnerisch wieder aufleben

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Fr, 02. November 2018 um 16:34 Uhr

Breisach

In einem berührenden künstlerischen Beitrag haben Schüler des Martin-Schongauer-Gymnasisum Poträts jüdischer Anwohner der Rheinstraße gezeichnet.

Warum nicht das künstlerische Potential eines gesamten Kunstkurses nutzen, um es in den Dienst einer Organisation zu stellen, der es etwas bringt? Dies fragten sich die Mitglieder des Kunstkurses des Martin-Schongauer-Gymnasiums und Kunstlehrerin Anna Stiefvater-Fecarotta. Also tauchten sie ins reichhaltige Fotoarchiv des Blauen Hauses in Breisach ein, um einen berührenden künstlerischen Beitrag zum Erinnerungsprojekt "80 Jahre Reichspogromnacht" zu leisten.

Zeichenkunst und Dokumentation
Die Schülerinnen und Schüler hatten sich in ihrem Kunstunterricht über einen längeren Zeitraum mit dem Thema Porträt auseinandergesetzt und ihre zeichnerischen Fähigkeiten trainiert. So konnten sie der Aufgabe gelassen entgegenblicken: Nach einer informativen Phase des Aufnehmens, Wahrnehmens und Sondierens schritt der Kurs an einem Nachmittag zur zeichnerischen Aktion. Die Schüler hatten sich in die verschiedenen Einzelschicksale einiger ehemaliger jüdischer Anwohner vertieft und nutzten nun das vom Blauen Haus zur Verfügung gestellte Fotomaterial, um sich zeichnerisch jeweils auf eine Person zu konzentrieren. Dabei ging es weniger um die eigene künstlerische Freiheit, sondern um die möglichst genaue Übertragung des Fotos auf das Papier, denn es war klar, dass das Projekt später einen dokumentarischen Charakter bekommen sollte.

Intensiver Prozess
Das Können der Zeichnenden trat bereits am Nachmittag im großen Gemeinschaftsraum des Blauen Hauses eindrucksvoll zutage. Dort hoben sich nach und nach die Gesichter und Körper mancher längst vergessener Anwohner der damaligen Judengasse auf dem weißen Papier ab. Die Figuren wurden von den Gedanken der Schülerinnen und Schüler beseelt, die sich in so einem intensiven Prozess ganz direkt mit dem Schicksal der Personen auseinandersetzten.

Im Juli begab sich der Kunstkurs nochmals in die Rheintorstraße und ins Blaue Haus, um sich mit den Zeichnungen vor den Häusern ihrer Anwohner fotografieren zu lassen, fast so, als seien sie wieder mitten unter uns. So entstand eine Reihe von Porträts, nicht nur der ehemaligen jüdischen Anwohner, sondern auch der Schülerinnen und Schüler, die diese Fotoreihe im Rahmen des bundesweiten Wettbewerbs "Erinnerung sichtbar machen – 80 Jahre Reichspogromnacht" als Wettbewerbsbeitrag einreichten.

Die zu den Einzelschicksalen im Geschichtskurs von Anna Keck verfassten biografischen Texte wurden dann als Audiodateien gemeinsam mit den Bildern in die "Future History App" hochgeladen, so dass sie jetzt interessierten Besuchern über den PC zu Hause oder über die App auf dem Smartphone zugänglich sind. So kann jetzt jeder Interessierte etwas über die ehemaligen meist deportierten und umgekommenen oder in Einzelfällen auch nach dem Krieg zurückgekehrten jüdischen Breisacher erfahren.

Mutige Patenschaft
Stiefvater-Fecarotta ist stolz auf ihre jungen Künstler. "Durch die ’Future History App’ ist es möglich geworden, die eigene Selbstwirksamkeit direkt zu erleben. Das, was wir gezeichnet haben, vergilbt nicht hinter alten Bilderrahmen, sondern wird multimedial vermittelt und genutzt. Die Schüler halten durch ihre Arbeit ein Bruchstück Breisacher Geschichte am Leben und zeigen mutig ihre Patenschaft, indem sie selbst Teil des Werkes wurden", sagt sie. Dass das Projekt bewegt, beweisen schon die ersten Rückmeldungen, die zum Beispiel aus den USA eingegangen sind.

Rückmeldungen aus den USA
So hat sich die Tochter einer gezeichneten Person, Elaine Wolff, gemeldet mit den Worten: "Unter anderem fanden sich Zeichnungen der Bilder von (meiner Mutter) Paula und ihrer Schwester Erna Wurmser als Schulmädchen, die ich schätze. Ich bin so erfreut zu sehen, wie sie von Breisacher Gymnasiastinnen und Gymnasiasten gezeichnet wurden. Das ist so toll und wunderbar! Das ist lebendige Geschichte."

Die Verantwortlichen des Blauen Hauses gewährten bereitwillig freien Zugang zum Fotoarchiv und zu den Biografien. Der Runde Tisch für Mitmenschlichkeit in Breisach unterstützte das Gymnasium mit einer Spende bei der Finanzierung der Fotoausstellung. Diese ist ab Anfang November im Martin-Schongauer Gymnasium zu sehen und ab dem neuen Jahr im Blauen Haus.

Zu finden sind die Beiträge unter www. future-history-app.de