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13. September 2014 09:51 Uhr

Erinnerungskultur

Stolpert Breisach über Stolpersteine?

Über hundert Stolpersteine für die Opfer des Nationalsozialismus sollen in den nächsten Jahren in Breisach verlegt werden. Im Gemeinderat wird die Idee kontrovers diskutiert.

  1. Sollen in Breisach Stolpersteine verlegt werden? Darüber wird derzeit in der Stadt kontrovers diskutiert. Foto: dpa

In seiner Sitzung im September oder im Oktober wird der Breisacher Gemeinderat darüber beraten, ob in der Stadt bald die ersten sogenannten Stolpersteine verlegt werden. Dies sagte Bürgermeister Oliver Rein auf Anfrage der Badischen Zeitung. Sie sollen an ehemalige Mitbürger erinnern, die während der Zeit des Nationalsozialismus in Breisach verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Stolpersteine gibt es bereits in über 300 Gemeinden Deutschlands.

DIE VORGESCHICHTE
Den Anstoß zu der Aktion hatte Winfried Wagner, Leiter des Martin-Schongauer-Gymnasiums, in der Feierstunde zum Abschluss des "Jahres des Erinnerns" im November 2013 gegeben. "Das Erinnern wird schwieriger", hatte Wagner damals gesagt. Die Ära der Zeitzeugen der Nazityrannei gehe zu Ende. Die Erinnerung an historische Ereignisse dürfe sich nicht in Ritualen erschöpfen. Wagner schlug vor, als lokales Erinnerungsprojekt auch in Breisach Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig zu verlegen. Dieses Projekt erinnert an Menschen, die zwischen 1933 und 1945 Opfer rassistischer Gewalt und Ausgrenzung durch das nationalsozialistische Regime wurden.

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Gegenüber der BZ bekräftigte Wagner jetzt seinen Wunsch noch einmal: "Ich finde das Projekt nach wie vor sehr sinnvoll. Wenn ich durch Freiburg oder andere Städte gehe und diese Steine auf dem Bürgersteig sehe, dann denke ich an das Schicksal der Juden in diesen Häusern. Ohne die Stolpersteine würde ich mich sonst nicht daran erinnern." Wagner bot die Mithilfe von Schülern bei dem Projekt in Breisach an.

BESUCH IN KÖLN
Bestärkt durch die Worte des Schulleiters beschäftigte sich auch der Förderverein Blaues Haus, der bereits seit vielen Jahren in Breisach Erinnerungsarbeit leistet, konkreter mit dem Thema. Eine Abordnung des Vereins besuchte Demnig in Köln. Eine positive Entscheidung des Breisacher Gemeinderates vorausgesetzt, wurde mit Demnig ein Termin für Ende 2014 ausgemacht, weil der Künstler durch die vielen Aufträge eine Wartezeit von einem halben Jahr hat. "Den Termin wieder abzusagen, ist kein Problem", sagte Christiane Walesch-Schneller, die Vorsitzende des Fördervereins Blaues Haus.

Dennoch entstand bei einigen Entscheidungsträgern in Breisach wohl der Eindruck, der Förderverein greife dem Gemeinderat voraus oder wolle ihn unter Druck setzen. Walesch-Schneller hat inzwischen jedoch deutlich gemacht, "dass man als Demokrat um die Bedeutung der parlamentarischen Autorität wisse". Gleichzeitig hat sie die entstandenen Missverständnisse bedauert. Walesch-Schneller hat jedoch auch darauf hingewiesen, dass der Förderverein schon öfters von Breisacher Juden, die den Holocaust als Kinder überlebt haben, angeschrieben wurden. Dabei sei der Wunsch geäußert worden, dass in Breisach für die ermordeten Eltern, Brüder, Schwestern und Tanten, die nie ein Grab bekommen haben, Stolpersteine verlegt werden.

GEDENKEN AN NAZIGEGNER
Starten würde der Förderverein gerne noch in diesem Jahr mit fünf Stolpersteinen. Für ihre Verlegung würde Gunter Demnig persönlich nach Breisach kommen. Walesch-Schneller rechnet damit, dass in den nächsten Jahren nach und nach bis zu 100 Gedenksteine im Breisacher Straßenpflaster eingelassen werden könnten, um Juden, Sinti, Roma und Behinderten, die im Zuge des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms ermordet wurden, an der Stelle zu gedenken, an der sich ihr letzter freigewählter Wohnsitz in Breisach befand. Auch politischen Gegnern der Nazis solle durch Stolpersteine gedacht werden.

Nach Angaben von Bürgermeister Oliver Rein beschäftigt sich derzeit eine Arbeitsgruppe mit Stadtarchivar Uwe Fahrer, Walesch-Schneller und Gerd Müller, stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins, mit dem Thema. Die Kosten für die Stolpersteine würden nach Angaben von Walesch-Schneller von Spendern aufgebracht. Die Stadt müsse lediglich bei der Verlegung der Steine helfen.

Breisach ist nach Ansicht von Rein beispielhaft und beispielgebend, was die Erinnerungskultur angeht. Die Stadt müsse sich nun entscheiden, welches die nächsten Schritte sind. Eichstetten und auch Freiburg hätten Stolpersteine. Gegen diese spreche aber, dass sie nicht mehr innovativ seien. Er selbst habe sich noch nicht festgelegt und wolle zunächst die Diskussion im Breisacher Gemeinderat abwarten.

BREISACHER WEG
Der Bürgermeister könnte sich auch ein wetterfestes Erinnerungsbuch oder die Aufwertung des Synagogenplatzes vorstellen. Bei der Veranstaltung "Tänze für das Blaue Haus" seien die Porträts der ermordeten jüdischen Mitbürger an die Fassade des Blauen Hauses projiziert worden. Dies habe ihn sehr beeindruckt und könne zum Beispiel jährlich wiederholt werden.

Vielleicht komme auch ein Stolpersteine-Weg zum Synagogenplatz in Betracht. Rein zeigte sich davon überzeugt, "dass wir hier den richtigen Breisacher Weg finden".

Autor: Gerold Zink