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09. September 2016 16:13 Uhr

In Breisacher Behelfsunterkunft

Syrer organisiert Ferienprogramm für Flüchtlingskinder

In den vergangenen Wochen gab es in Breisach ein spezielles Ferienprogramm für Flüchtlingskinder, das allerdings nicht vom Helferkreis, sondern von Milad Adrah, selbst Flüchtling, ins Leben gerufen wurde. Auch hier geht es um Integration.

  1. Der Syrer Mirad Adrah kümmert sich in Breisach um Flüchtlingskinder. Foto: Agnes Pohrt

BREISACH. Adrah stammt aus Syrien. In seiner Heimat arbeitete er als freischaffender Journalist und Kameramann für das Fernsehen – bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs. Dann waren seine Beiträge vom stattlichen Fernsehen nicht mehr erwünscht. Adrah floh schließlich mit Frau und Tochter nach Deutschland, wo er seit Februar 2016 lebt. Seit April dieses Jahres wohnt die Familie in der Behelfsunterkunft (BU) in der Murhau in Breisach.

Das Projekt Al Caravan
Um Flüchtlingskinder hatte sich der Journalist schon in Syrien gekümmert. Gemeinsam mit Lehrern, Schauspielern, Musikern und anderen Künstlern war er bei "Al Caravan" aktiv. Dieses Projekt will den Kindern, die unter den schwierigen Bedingungen der Flüchtlingscamps in Syrien, im Libanon und in der Türkei ihr Leben fristen, ein bisschen Kindheit und vor allem Bildung vermitteln. Mit ihren Caravans fahren die Helfer direkt in die Camps. Sie unterrichten die Kinder in verschiedenen Sprachen, spielen mit ihnen Theater und musizieren.

"Al Caravan arbeitet aber auch mit den Müttern", erzählt Adrah. Den Frauen zeigen die Helfer, wie sie sich im Camp, aber vor allem auch bei Bombenangriffen, schützen und wie sie mit ihren traumatisierten Kindern umgehen können. Weil die Helfer keine Aufenthaltserlaubnis bekommen, können sie in der Regel nur maximal zwei Monate in einem Camp bleiben. Und auch die Helfer müssen sich schützen. Ursprünglich seien es sechs Caravans gewesen, zwei davon seien bei Luftangriffen zerstört worden.

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Bis zu 20 Kinder
In dem Garten vor dem Gebäude des Breisacher Helferkreises geht es heute ganz friedlich zu. Zwei Mütter sitzen auf dem Rasen und schauen ihren Kindern beim Spielen zu. Daneben hat sich Manfred Binz mit einem Mädchen aus Afghanistan niedergelassen. Sie spielen Karten. Da muss sich Binz konzentrieren, denn die junge Kartenspielerin ist gewieft. An anderen Tagen tummeln sich hier bis zu 20 Kinder. "Aber heute mussten etliche Familien nach Heidelberg fahren – für die Interviews zum Asylantrag", erklärt Binz, der im Helferkreis für die Behelfsunterkunft zuständig ist.

Montags und freitags kommen Kinder im Alter von bis zu fünf Jahren in die Kolpingstraße 14, wo der Helferkreis seit Kurzem seine Räume hat. Hier werden sie von 9 bis 12 und von 14 bis 16 Uhr betreut. Dienstags und donnerstags sind die Fünf- bis Zwölfjährigen an der Reihe. Das Mittagessen nehmen die Kinder in der Behelfsunterkunft ein. Betreut werden sie im Ferienprogramm von mindestens zwei Mitgliedern des Helferkreises und Milad Adrah.

"Al Caravan" versteht sich als Friedensprojekt. Es will Brücken bauen zwischen den unterschiedlichen Nationalitäten. Das hat sich Adrah auch in Deutschland zum Ziel gesetzt, denn nicht nur in den Flüchtlingscamps im Nahen Osten, sondern auch in der Behelfsunterkunft in Breisach müssen Menschen unterschiedlicher Nationalität miteinander auskommen. "In der BU spielen die Kinder nicht zusammen und oft gibt es auch Streit", hat er beobachtet.

Es wird ausgiebig gespielt
Gemeinsames Spiel ist daher auch das erste Ziel des Ferienprogramms für Flüchtlingskinder – "schließlich sollen die Kinder und Familien künftig friedlich miteinander leben", sagt Adrah. Gespielt wird ausgiebig – angefangen vom Sackhüpfen bis zum Tanz. Aber auch die traumatisierenden Erlebnisse werden nicht ausgespart. Die Kinder konnten ihre Erlebnisse und Gefühle auf der Flucht nach Deutschland malen. Eine frühere Mitstreiterin von Al Caravan, die jetzt in Frankreich lebt und in Psychodrama ausgebildet ist, arbeitete kostenlos zwei Wochen beim Ferienprogramm in Breisach mit.

Sehr wichtig ist Adrah, dass die Kinder die Regeln, die in Deutschland gelten, lernen – das reicht vom vorschriftsgemäßen Tragen eines Fahrradhelms bis zur Pünktlichkeit. Generell sei es nötig, dass die Kinder und ihre Familien lernen, Zeiten einzuhalten, beim Spiel wie auch bei der Strukturierung des Alltags. Beim langen Warten auf die Bearbeitung ihres Asylantrags gehe vielen Flüchtlingen in der BU diese Alltagsstruktur verloren, ergänzt Manfred Binz.

Alltagsstruktur geht verloren
Gerade ist ein kleiner Junge zu Adrah gekommen und flüstert ihm etwas ins Ohr. "Er hat mich daran erinnert, dass es jetzt Zeit ist für das Obstessen", übersetzt dieser. "Um 11 Uhr bekommen die Kinder immer etwas Obst", erklärt Binz. Es sind ausschließlich Früchte aus der Region, die der Obsthof Neumühle für das Ferienprogramm spendet.

Jetzt sind die Sommerferien zu Ende. Das Programm für die Flüchtlingskinder will Milad Adrah in den kommenden Monaten in kleinerem Umfang weiterführen. Es sei geplant, in der Behelfsunterkunft in der Murhau eine Frauengruppe ins Leben rufen, erzählt Manfred Binz. Damit die Mütter einmal Zeit für sich haben, will sich Milad Adrah derweil um die Kinder kümmern.

Zudem organisiert auch der Helferkreis verschiedene Angebote für die Flüchtlingskinder.

Autor: apt