Was bleibt, sind Linien, Flächen und Farben

Paul Klock

Von Paul Klock

Di, 25. September 2018

Breisach

Acryl- und Fotoarbeiten von Grit Schumacher sind im Breisacher Radbrunnen zu sehen.

BREISACH. Der Effekt ist nicht neu. Wenn man ganz nah an ein Objekt herangeht und nicht extrem kurzsichtig ist, lösen sich die figurativen Formen auf. Was bleibt, sind Linien, Flächen und Farben. Oder Umrisse und Farben. Anschaulicher lässt sich das Prinzip der abstrakten Malerei nicht darstellen.

In den Arbeiten von Grit Schumacher taucht dieses Prinzip gleich zweimal auf. Einmal in ihren Fotos und einmal auf ihren Acrylbildern. Bei den Fotos geht sie mit der Kamera oder per Zoomobjektiv ganz dicht an die Motive heran, bis sie ihre vertraute Gestalt verlieren, bei den Bildern regieren Farbräume und Linienstrukturen.

Nur ein Code von Realität
Beide Ergebnisse scheinen nichts mit der Realität zu tun zu haben, und doch spiegeln sie diese mehr wider als die konventionelle Darstellung von Wirklichkeit. Denn diese beruht nur auf einem Code von Realität, auf den man sich geeinigt oder den das Gehirn gelernt hat. Man muss natürlich die Grenzen von Gegenständen kennen, damit man sie umlaufen kann. Man muss natürlich Formen dechiffrieren, damit man sich an sie erinnern kann. All das lernt man in den ersten Monaten seines Lebens. Ein Kind muss schließlich seine Mutter erkennen.

Doch was, wenn solche Vertrautheiten wegfallen oder aufgelöst werden. Dann muss man sich neu orientieren. Muss Linien in Kontexten sehen, sie in ihr Verhältnis zueinander setzen, ihre Umgrenzungen als Räume wahrnehmen und deren Farben als Tiefe oder Oberfläche. All das, was wie gesagt auch dann geschieht, wenn man ein Objekt "unter die Lupe" nimmt.

Es braucht die Hand des Künstlers
Das kann spannend sein oder auch nicht. Nicht jede Komposition aus Linien, Flächen und Farben spricht den Betrachter an. Und selbst wenn sich ein Kunstwerk in Form einer Patina selbst erschaffen kann, braucht es in der Regel die Hand des Künstlers, um eine reine Farbkomposition in Schwingung zu versetzen.

Grit Schumacher macht es uns leicht. Schon die große quadratische Arbeit "Farbraum 85", die an der Fensterstirnseite im ersten Obergeschoss hängt, würde genügen, um den ganzen Raum zu bespielen, ja sogar zu unterwerfen. Trotz ihrer Luftigkeit, ihrem melodiösen Changieren in gelb und grün, ihren federleichten Linien und amorphen Formen ist sie in der Lage, einen ganzen Raum zu beherrschen. Für ein künstlerisches Erlebnis bräuchte es die anderen Arbeiten gar nicht mehr, beziehungsweise nur als Bestätigung und Erläuterung. Ein Altarbild gewissermaßen, das gerade eine Räumlichkeit wie den Radbrunnen in ein fast sakrales Ambiente taucht. (Interessant, wenn man sich eine frühere Nutzung des Gebäudes in Erinnerung ruft.)

Staunenswert dabei ist, dass sich die ausgestellten Arbeiten gegenseitig nicht die Schau stehlen. Man muss sie nur für sich selber betrachten und sie als Teil eines malerischen Konzeptes betrachten. Denn die augenscheinliche Ähnlichkeit der Arbeiten hat mit ihrem seriellen Charakter zu tun, wobei sich die Künstlerin eine malerische Aufgabe stellt und diese dann in mehreren unterschiedlichen Ausführungen anfertigt. Musikalisch gesprochen sind es Variationen desselben Themas.

Faszinierende Glasmotive
Und die Fotoarbeiten auf Alu-Dibond? Da faszinieren vor allem die Glasmotive mit ihren durchlässigen Formen und flirrenden Zwischenräumen. Ein Vexierspiel von Farben, Formen und Linien, das innen und außen, fest und transparent ständig gegeneinander kehrt.
"Ihr Thema ist (…) auch das Unendliche, das sich ausdehnende Universum", schrieb die Kunsthistorikerin Antje Lechleiter 2001 über Grit Schumachers damalige Arbeiten, die sich noch ausschließlich in die Horizontale streckten. Wenn man in diesem Bild bleiben will, hat sie in den aktuelleren Arbeiten eine Vorstellung davon gegeben, wie sich das Universum aus der Perspektive der String-Theorie anfühlt: ein vieldimensionales pulsierendes Netz, das sich ständig verändert.

Info: Die Ausstellung ist bis zum 28. Oktober zu folgenden Zeiten geöffnet: freitags von 14 bis 18 Uhr, samstags sowie an Sonn- und Feiertagen 11.30 bis 18 Uhr.