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17. August 2011

"Wenn wir die Hoffnung verlieren, verlieren wir alles"

Alexandra Senfft las im Blauen Haus in Breisach aus ihrem Buch "Fremder Feind, so nah" / Ist Frieden in Nahost mehr als eine Utopie?.

  1. Die Islamwissenschaftlerin und Autorin Alexandra Senfft war im Blauen Haus in Breisach zu Gast. Foto: bianka pscheidl

BREISACH (bp). Für den komplexen Nahostkonflikt gibt es keine einfache Lösung. Friedensverhandlungen scheitern immer wieder. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Mit ihrem Buch "Fremder Feind, so nah" setzt Alexandra Senfft dennoch ein Zeichen der Hoffnung. Bei einer vom Förderverein ehemaliges jüdisches Gemeindehaus Breisach veranstalteten Lesung im Blauen Haus schilderte sie bewegende Begegnungen mit Palästinensern und Israelis, die trotz aller Rückschläge und leidvollen Erfahrungen zum konstruktiven Dialog bereit sind.

Mit zahlreichen Beispielen belegt die frühere Pressesprecherin der Vereinten Nationen im Gazastreifen, dass Verständigung möglich und Frieden in Nahost keine Utopie ist. Dabei nimmt Senfft bewusst eine subjektive Sicht als deutsche Autorin ein, die sich des tragischen Spannungsdreiecks zwischen Israel, Palästina und Deutschland auch aufgrund ihres persönlichen Hintergrunds nur allzu bewusst ist.

Die Islamwissenschaftlerin und frühere Nahostreferentin im Bundestag gehört zur dritten Generation einer Täterfamilie. Ihr aus Freiburg stammender Großvater Hanns Ludin war bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Hitlers Gesandter in der Slowakei und wurde dort 1947 als Kriegsverbrecher hingerichtet.

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Auf ihrer sehr persönlichen Reise durch Israel und die palästinensischen Gebiete traf Senfft Menschen, die sich über innere und äußere Grenzen hinweg für Frieden einsetzen. Sie lässt unter anderem den Palästinenser Khaled Abu Awwad zu Wort kommen, der sich im "Forum trauernder Eltern" engagiert und weiß: "Wir müssen aus dem Teufelskreis herauskommen." Dabei hatte er, der jahrelang in Israel arbeitete, nach einem tödlichen Übergriff auf seinen Bruder Ali zunächst alle Kontakte zu israelischen Bekannten und Freunden abgebrochen.

Schwieriger Prozess der Verständigung

Doch dann kam eine Gruppe um den Juden Rami Elhanan in sein Haus, um ihn in seiner Trauer nicht allein zu lassen. Als er Jahre später selbst für das Forum trauernder Angehöriger unterwegs war und während einer Lesung erfuhr, dass sein Sohn angeschossen worden war, gelang es ihm, beim überstürzten Aufbruch ins Krankenhaus zum Abschied die wichtige Botschaft zu hinterlassen: "Wir sind mit Hoffnung gekommen. Wenn wir diese aufgeben, ist alles verloren." Sein Sohn überlebte, bleibt allerdings gehbehindert. Auch Rami hat eine leidvolle Historie. Sein Vater überlebte Auschwitz, verlor durch den Holocaust aber seine ganze Familie. Rami selbst hatte eine Tochter, die 14-jährig von einer Bombe zerfetzt wurde, als sie Schulbücher kaufen wollte.

Bis heute wache er jeden Morgen mit rasender Wut auf und müsse sich täglich neu zwischen Rache und Öffnung für die andere Seite entscheiden, berichtete er Senfft. Doch das Blut aller Getöteten aus beiden Lagern habe dieselbe Farbe. Daher bemühe er sich um den Dialog, damit die Menschen lernen könnten, mit ihrem Leid zu leben und ihr Trauma nicht von Generation zu Generation weiterzugeben.

In Nahost gibt es viele reale Ängste, wie die Autorin erfahren hat. Diese würden durch reißerische Medien zusätzlich geschürt. Dadurch, dass Israel Palästina haushoch überlegen sei, herrsche eine ständige Schieflage, die erschwerend wirke. In Israel wiederum gebe es die Angst, dass die Palästinenser Nachfolger der Nazideutschen seien. Die israelische Gesellschaft habe eine "Kultur des Konflikts" entwickelt, die ihre Demokratie auch nach innen bedrohe. Außerdem fehle bei dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern im Gegensatz zum heutigen deutsch-jüdischen Verhältnis eine klare Definition, wer Täter und wer Opfer ist.

Der Friedensbewegung eine Stimme geben

In der Diskussion bedankten sich die Zuhörer für das differenzierte Bild, das Senfft ermöglicht. Es sei tröstlich, dass es Ansätze zum Dialog gebe, und wünschenswert, dass "Fremder Feind, so nah" auch in andere Sprachen, vor allem hebräisch, arabisch und englisch, übersetzt werde.

Moderator Helmut Wetzel attestierte der Autorin, der Friedensbewegung eine Stimme zu geben und ein lebendes Beispiel für die Wende zu sein. Senfft betonte, dass es eine rein politische Lösung nicht geben könne und bei diesem Thema oft zu stark polarisiert werde. Sie appellierte an die deutsche Gesellschaft, sich nicht verbittert vom Nahostkonflikt abzuwenden, sondern die Friedensbemühungen zu unterstützen. Die in ihrem Buch porträtierten Menschen stünden stellvertretend für viele.

Das Buch "Fremder Feind, so nah" von Alexandra Senfft mit Fotografien von Judah Passow ist in der Edition Körber-Stiftung unter ISBN 978-3-89684-075-2 erschienen und kostet 20 Euro.

Autor: bp