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12. Oktober 2016

Zeigen, was es eigentlich nicht mehr gibt

Mit der Erinnerung setzt sich Barbara Nies in ihrer Ausstellung "Lost in Memory" auseinander.

  1. „Four seasons I“ heißt dieses Werk von Barbara Nies, das derzeit im Rahmen ihrer Ausstellung „Lost in Memory“ zu sehen ist. Foto: Paul Klock

BREISACH. "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" heißt ein kleiner Suhrkamp-Band von Peter Handke aus dem Jahr 1969. Darin enthalten sind Texte, welche die Sprache als vertrautes Instrument der Selbstvergewisserung hinterfragen. Denn die Sprache (Außenwelt), so argwöhnt Handke in diesem Büchlein, ist mitnichten ein vertrautes Instrumentarium des Ich (Innenwelt) als frei bestimmtes und nur von sich selbst abhängigem Individuum. Zu sehr bestimmt beispielsweise schon die Grammatik die Fortführung der Texte, zu sehr greifen Automatismen der Sprache in das Vokabular des Schreibenden.

Ähnlich gefangen ist der Mensch in der Zeit. Denn die Zeitachse Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist ein ambivalentes Ding. Wo fängt das eine an und wo hört das andere auf? Nicht für jeden ist das gleich und nicht selten vermischen sich diese Ebenen miteinander. Zeit kann sich dehnen, ganz schnell vorbeigehen, mitunter sogar stillstehen. Deshalb hat der Mensch etwas eingebaut, wodurch er sich dieses Phänomen untertan machen kann – die Erinnerung. Ein virtuelles Gefäß, das allerdings ganz materiale Formen annehmen kann: Ein Gegenstand, ein Bild, eine Melodie, ein Ort. Auf alle Fälle etwas, das das Andere, mehr oder weniger weit entfernte und vielleicht unwiederbringliche, repräsentiert. Ganz so wie ein Wort einen Gegenstand repräsentiert.

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Insofern sind die Arbeiten, die Barbara Nies zu dem Thema "Lost in Memory" hergestellt hat und derzeit im Radbrunnen ausstellt, Verpackungen, in denen die Zeit und ihre Akteure gespeichert sind. Dafür benutzt sie ganz verschiedene Materialien und Darstellungsformen.

Nies’ Formensprache scheint unendlich

Von Acrylbildern bis zur Installation ist so ziemlich alles vertreten, womit die bildende Kunst umgeht. Doch das Thema verliert sie dabei nicht aus den Augen. Auch für den Betrachter hält sie die passenden Schlüssel bereit, mit denen er in ihre künstlerische Gedankenwelt eintreten kann, in der die Erinnerung, die Zeit eine Hauptrolle spielt.

Schemenhafte Gestalten, Unschärfen, Reduktion auf Umrisse, (aus)fließende Formen, gespensterhafte Figuren, Fenster ohne Haus, deformiert scheinende oder angeschnittene Gesichter, Doppelbelichtungen und vieles mehr. Die Formensprache scheint unendlich. Um etwas zu zeigen, was es eigentlich gar nicht (mehr) gibt: die entschwundene Geliebte, die längst vergangene Jugend (siehe "Four Seasons I, mixed media") oder auch nur ein Gefühl, das sich aufgelöst hat und plötzlich wieder auftaucht, weil irgendetwas einen daran erinnert hat.

Das ist das eigentlich Faszinierende der Erinnerung. Immer scheint sie auch an etwas Anderes oder Ähnliches, manchmal sogar Gegensätzliches gebunden zu sein. Denn eins zu eins gibt es sie nicht, die Erinnerung. Sie braucht ein Vehikel, ein Transportmittel, etwas, das sie hervorruft und sichtbar macht. So wie bei Marcel Proust der Duft einer Madeleine oder ein blühender Weißdornbusch oder wie bei vielen von uns die durch einen Steinwurf hervorgerufenen Wellenkreise im Wasser. Man sieht hinein, einen Tick zu lang und blendet zurück – in der Zeit, an einen anderen Ort, eine andere Umgebung.

Im Eingangsbereich steht eine Installation mit mehreren leeren Blechschalen vor einer Leinwand, die den Sog eines Waschbeckens abspielt. Immer und immer wieder. Der Film ist ein Meister der Erinnerung und ihr größter Täuscher. Besteht doch eine Sekunde Film aus nichts anderem als 24 Momentaufnahmen. "24-mal die Wahrheit in einer Sekunde" wie der französische Regisseur Jean-Luc Godard es einmal formulierte.

"Die Zeit ist ein Riese" sind zwei große Acrylbilder betitelt, gestaltet mit gelben, schwarzen und weißen abstrakten Formen. Als wäre man Zeuge eines kosmischen Phänomens, das einen schwarzen Weltraum erhellt. Ein Blitz, der etwas aufscheinen lässt, etwas das in der nächsten Sekunde auch schon wieder vergangen sein kann. Und doch. Die Zeit ist ein Riese, ein Riese, der unserer Existenz seinen Stempel aufdrückt. Ein Wandergeselle, der sich nicht festsetzen lässt. "Die Zeit fließt" heißt es in der Rocky Horror Picture Show im Song "Let’s do the Time warp again". Und dieses Fließen fest- und nicht anzuhalten ist das künstlerische Interesse von Barbara Nies. Unser Vergnügen ist es, sich ihr auszusetzen und vielleicht auch etwas über uns selber zu erfahren.

Die Ausstellung im Breisacher Radbrunnen ist bis Sonntag, 23. Oktober, freitags jeweils von 14 bis 18 Uhr sowie an den Wochenenden und an Feiertagen von 11.30 bis 18 Uhr zu sehen.

Autor: Paul Klock