Sichtbare Spuren bis heute

Susanne Gilg

Von Susanne Gilg

Mi, 29. November 2017

Breitnau

Margarete Schuhmacher erinnert an ihren Großvater Bernhard Wangler, der von 1945 bis 1965 Bürgermeister in Breitnau war.

BREITNAU. Es sind die Linzertorte und die leckeren Bratwürste mit Zwiebeln, die ihr Opa gebacken und gekocht hatte, an die sich Margarete Schuhmacher erinnert, wenn sie an ihre Kindheit in Breitnau zurückdenkt. Bernhard Wangler hieß der Großvater und war bis 1965 Bürgermeister in Breitnau. Dieses Jahr hat sich sein Todestag zum vierzigsten Mal gejährt, seine Enkelin Margarete erinnert sich an den Mann, bei dem Ende des Krieges ein junger Jude in Breitnau Unterschlupf fand.

Margarete Schuhmacher lebt und malt als Künstlerin in Freiburg – sie hat durch die Nationalsozialismus-Ausstellung im Augustinermuseum Nachforschungen angestellt, weil sie von ihrer Mutter wusste, dass ihr Großvater von 1942 bis 1945 einen jungen Juden bei der Familie in Breitnau aufnahm.

"Ich wollte wissen, was mit der jüdischen Familie war." Margarete Schuhmacher
Neben der Linzertorte ist das hellblau geflieste Badezimmer so eine Erinnerung, wenn Margarete Schuhmacher an die Besuche bei den Großeltern auf dem Haldenmichelhof denkt. "Die Gepflegtheit, der polierte Holzboden, das Warten auf den Ruf der Kuckucksuhr, das Badezimmer – all das fanden wir Kinder toll, denn das gab’s in Breitnau damals nicht oft", erinnert sich die 59-Jährige. Ihr Großvater Bernhard Wangler war von 1945 bis 1965 Bürgermeister in Breitnau, 1977 starb er auf dem Haldenmichelhof, wo ihr Onkel und jüngster Bruder der Mutter heute noch lebt. Als ihre Mutter ihr von Jürgen Coßmann, einem jüdischen Jungen, berichtet, der von 1942 bis 1945 Unterschlupf bei den Großeltern in Breitnau fand, lässt sie das nicht mehr los. Die Nationalsozialismus-Ausstellung im Augustinermuseum in Freiburg veranlasst sie zu genaueren Nachforschungen, sie geht ins Stadtarchiv, fragt bei der Gemeinde Breitnau, hakt im Militärarchiv in Karlsruhe nach, recherchiert im Internet.

"Durch die Ausstellung kam das alles hoch, ich wollte wissen, was mit der jüdischen Familie war", sagt sie. Denn viel gesprochen worden sei nicht über Jürgen Coßmann, der drei Jahre lang in Breitnau bei den Großeltern gelebt hatte. Sie vermutet, dass ihr Opa den jüdischen Jungen von seinen Kontakten zum Landwirtschaftsamt in Freiburg kannte und ihn zum Schutz vor den Nazis als Praktikanten auf dem Haldenmichelhof aufnahm.

Im Internet hat sie eine Todesanzeige entdeckt, laut der Jürgen Coßmann 2010 im Alter von 83 Jahren gestorben ist. "Einer seiner Söhne heißt Bernhard – genau wie mein Opa", berichtet Margarete Schuhmacher, die davon immer noch sichtlich gerührt ist.

Sie nimmt Kontakt auf zu der Familie, will mehr wissen. So erfährt sie, dass der Vater von Jürgen Coßmann einst Landrat im hessischen Biedenkopf gewesen war, im Krieg nach Littenweiler zog und das Konzentrationslager in Bergen-Belsen überlebte. Doch die Familie in Hessen habe eher zurückhaltend auf ihren Anruf reagiert, zu schmerzlich sei das Thema auch heute noch. Margarete Schuhmachers heute 84 Jahre alte Mutter hat ihr erzählt, dass sie Angst hatten, wenn sie ein Auto oder ein Militärfahrzeug hörten. Angst, dass jemand den in der Familie aufgenommenen Jürgen Coßmann findet und mitnimmt. "Der damalige Bürgermeister wusste wohl, dass meine Großeltern einen Juden versteckten und hat wohl auch vor möglichen Konsequenzen gewarnt", sagt sie. "Ich finde es toll, dass mein Opa ihn damals aufgenommen und vielleicht so gerettet hat", fügt sie hinzu.

"Er hat in Breitnau
viel vorangetrieben."
Margarete Schuhmacher
über ihren Opa
Die heute 59-Jährige ist mit 16 nach Freiburg gezogen, war mit Anfang 20 in Kanada und hat in Toronto auch bei einer jüdischen Familie gelebt. In ihren Bildern werden ihre Kindheit und die Natur des Hochschwarzwalds sicht- und spürbar. "Das Raue und die langen Winter, die ein halbes Jahr dauerten, das hat mich schon geprägt", sagt die Künstlerin.

Geprägt hat auch ihr Großvater ihr Heimatdorf, denn nach ihren Recherchen hat er in seiner Zeit als Bürgermeister viel für Breitnau erreicht: "Er hat den Bau von Wegen, Straßen, Wanderwegen, eines größeren Rathauses und einen Anbau an die Schule vorangetrieben, die Raiffeisen-Genossenschaftsbank mit Lagerhaus für landwirtschaftliche Waren für Bauern gegründet, sich um den Tourismus gekümmert – und vieles mehr."

Noch heute sieht sie die Spuren, die ihr Großvater in Breitnau hinterlassen hat – und erinnert sich auch 40 Jahre nach seinem Tod immer wieder gerne an die Sonntagnachmittage auf dem Haldenmichelhof. Mit Linzertorte, Bratwürsten und dem Ruf der Kuckucksuhr.