Burte-Straße oder nicht Burte-Straße?

Yvonne Siemann

Von Yvonne Siemann

Fr, 09. November 2018

Efringen-Kirchen

Hans-Jörg Noe beleuchtet das Wirken des Dichters, der wegen seiner Sympathien für nationalsozialistisches Denken umstritten ist.

EFRINGEN-KIRCHEN. Der Dichter Hermann Burte ist als Verfechter nationalsozialistischen Gedankenguts umstritten. Hans-Jörg Noe beleuchtete nun in Efringen-Kirchen im Rahmen der Gedenkwoche an die Reichspogromnacht die politische Rolle Burtes. Er ging auch auf das Streitthema ein, ob eine Halle oder eine Straße – wie in Efringen-Kirchen – nach ihm benannt sein sollten, wobei die Diskussion zeigte, dass das Thema durchaus kontrovers ist.

Noe war erfreut, dass über 70 Personen den Saal im evangelischen Gemeindezentrum an der Hermann-Burte-Straße füllten, "so viele hatte ich bei Hermann Burte noch nie". Der Historiker und frühere Rektor der Lörracher Neumattschule hat schon verschiedentlich zum Nationalsozialismus in Südbaden geschrieben. Vor allem sein Buch "Gleichgeschaltet" befasst sich mit Maulburgs NS-Vergangenheit und mit dem Maulburger Hermann Burte. Dazu hat Noe Dokumente im Burte-Archiv in Maulburg und aus diversen Ortsarchiven gesichtet – zum Glück habe Magdalena Neff, die Burtes Nachlass pflegte, dessen unleserliche Handschrift abgetippt. Quellen wie der Oberländer Bote und das Markgräfler Tagblatt machten Noes Vortrag ebenso lebendig wie die zahlreichen Zeichnungen und Gemälde Burtes, die der Historiker mit Zitaten aus den Reden, Romanen und Gedichten kombinierte.

Hermann Burte (1879-1960) war Dichter, Schriftsteller und Maler. Er hieß eigentlich Strübe, wählte sein Pseudonym nach einer seiner Romanfiguren, die er als körperlich besonders tüchtig und hochbegabt beschrieb – sein Vorname habe ihm sein Vater in Gedenken an Hermann den Cherusker gegeben, angeblich "der Befreier der Deutschen". Bereits in seinem 1912 erschienenen Roman "Wiltfeber, der ewige Deutsche" findet sich völkisches und antisemitisches Gedankengut. Der Roman war ein großer Erfolg und Burte erhielt dafür den Kleist-Preis. Doch auch in Reden findet sich solche Ideologie: Am Fasnachtsfeuer verglich Burte die fliegenden Scheiben mit Sonnenrad und Hakenkreuz und einem in Steinen erstochenen Nationalsozialisten widmete er 1923 eine Hymne.

Besonders absurd fand Noe, dass laut Burte sogar der Rhein Abscheu zeige, nach Westen und damit nach Frankreich zu fließen und stattdessen im Norden "Odin sucht". Ab 1920 wohnte Burte in Lörrach im Flachsländer Hof. Lange war er Mitglied der DNVP, trat aber erst 1936 der NSDAP bei. Kurz darauf erhielt er den ersten Hebelpreis am von der nationalsozialistischen Ideologie vereinnahmten Hebeltag. "Ich glaube, der Hebel dreht sich heute noch im Grab um". Kopfschüttelnd zitierte Noe Passagen über Hebels angebliche "germanische Rassenseele". "Dabei war doch Hebel die Liberalität in Person!"

Nach Kriegsende wurde Burte für kurze Zeit verhaftet, musste seinen Wohnsitz im Flachsländer Hof aufgeben und kam an der heute nach ihm benannten Straße in Efringen unter, bevor er nach Maulburg zog. 1957 wurde er Ehrenbürger von Efringen-Kirchen ebenso wie zuvor schon von Maulburg und Lörrach. Bekanntlich lehnte Theodor Heuss die Lörracher Ehrenbürgerwürde ab mit dem Verweis, er wolle nicht mit Burte in eine Reihe gestellt werden. Noch lange nach Kriegsende beklagt Burte das Ende des Naziregimes, zeigte keine Einsicht und behauptete stattdessen, er habe "wie neun Zehntel der Bevölkerung nichts gewusst".

Noe merkte zum Namensstreit um die Schule an, dass sie im Sprachgebrauch Hermann-Burte-Schule hieß, bis das Oberschulamt 1979 die Benennung verbot. Armin Schweizer, der Ortsvorsitzende der SPD, Mitveranstalterin des Abends, las einen zehn Jahre alten Brief des damaligen SPD-Gemeinderats Günter Schöning vor, in dem dieser gegen die Bezeichnung der Mehrzweckhalle als Hermann-Burte-Halle protestierte. In diesem Sinne sei die Veranstaltung auch in Schönings Gedenken, so Schweizer.

Die Meinungen zum Thema waren in der Runde indes kontrovers. Ein Teilnehmer wollte die Vergangenheit ruhen lassen, ein anderer fand Noes Vortrag zu wenig differenziert und verwies auf einzelne kritische Äußerungen des Dichters gegenüber dem NS-Regime und die Bemühungen Efringen-Kirchens, mit den vertriebenen Juden in Kontakt zu bleiben. Eine Zuhörerin kritisierte, dass Auswärtige nach Efringen kommen, um Details falsch darzustellen, Schlechtes zu finden und dies auch noch auszubreiten, eine Aussage, die im Publikum auf Widerspruch stieß.

Andere Teilnehmer gratulierten Noe zu seiner Arbeit und drückten ihr Entsetzen über Burtes angebliche Ahnungslosigkeit über das Treiben des NS-Regimes und über seine Reuelosigkeit aus. Ein Besucher fragte sich, wie man einen solchen Ehrenbürger, der ja Vorbildcharakter haben solle, den jungen Leute erklären solle. Ein weiterer Zuhörer erinnerte an ein Dokument im Dreiländermuseum Lörrach, in dem sich Burte abfällig über Efringen äußert. Während Noe und Schweizer argumentierten, dass eine erklärende Zusatztafel am Straßenschild sinnvoller wäre als eine Umbenennung, plädierten mehrere Leute unter Applaus für die Umbenennung der Hermann-Burte-Straße, ein Teilnehmer mit Verweis auf seinen im Krieg gefallenen Vater und seine Onkel.