Neues Album "Handgepäck"

Clueso: Auf Schnipseljagd in fernen Ländern

Dagmar Leischow

Von Dagmar Leischow

Fr, 17. August 2018 um 19:27 Uhr

Rock & Pop

Souvenirs aus aller Welt: Der Sänger und Songwriter Clueso hat alle Lieder seines neuen Albums "Handgepäck" während seiner Reisen entwickelt.

Zwischen einigen Festivalauftritten hat Clueso, der eigentlich Thomas Hübner heißt, einen Stopp bei seiner Berliner Plattenfirma eingelegt, um mit Journalisten über sein achtes Album "Handgepäck" zu sprechen. Sein Interview-Marathon scheint den Musiker nicht sonderlich zu stressen. Ganz in Schwarz gekleidet sitzt er auf einem Ledersofa im Konferenzraum. Für den traumhaft schönen Blick auf die Spree hat der Erfurter allerdings gerade nichts übrig. Mit Feuereifer erklärt er, warum beim Reisen weniger Gepäck mehr ist. "Am Strand hat man eh meistens dieselben Klamotten an", doziert er. "Und sonst braucht man höchstens noch ein Casual Outfit für irgendwelche Eventualitäten."

Heißt das, Clueso nimmt seine Gitarre nicht mit in den Urlaub? Kommt drauf an: Wenn er unterwegs mobil sein will, lässt er sie manchmal zu Hause – und kriegt dann doch Sehnsucht nach seinem Instrument: "In Bangkok habe ich mir eine Billiggitarre gekauft, damit ich ein bisschen spielen konnte." Der 38-Jährige gibt in den Ferien aber keine Straßenkonzerte, das ist ihm zu stressig. Er komponiert lieber unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dabei greift er auf das zurück, was er vor Ort findet. Die Couch funktioniert er kurzerhand in eine Kick-Drum um. Aus einem Salzstreuer bastelt er sich eine Perkussion.

Während seiner Reisen sammelt Clueso Song-Ideen

So entstanden im Laufe der Zeit die 18 "Handgepäck"-Songs. Was sie auszeichnet, ist ihre natürliche Schlichtheit: "Es gibt musikalisch keine wahnsinnig komplizierten Sachen, sondern eher Dur-Akkorde." Im Nachhinein hat Clueso nicht mehr viel an seinen Liedern geändert. Höchstens Kleinigkeiten. Ein Cello hübscht "Wie versprochen" auf. Dixieland-Bläser setzen in dem Instrumentalstück "Zwischenstopp" Akzente. Bei "Wüste", das Clueso auf Fuerteventura aufgenommen hat, summt er nur eine Melodie: "Eigentlich wollte ich noch einen Text dazu schreiben. Aber dann hatte ich mich so an das Original gewöhnt, dass ich nicht mehr Hand angelegt habe."

"Paris" dagegen erzählt zu Akkordeonklängen eine Geschichte. Clueso gedenkt seiner erster Liebe, mit der er einen Trip in die französische Hauptstadt gemacht hatte: "Weil das ein prägendes Ereignis war, habe ich diese Nummer einfach so runtergeschrieben." Dokumentiert er seine Reisen vorzugsweise mit einem Song, nicht mit einem Tagebuch oder Fotos? Kann man so nicht sagen: "Unterwegs sammele ich hauptsächlich Ideen. Das ist wie eine Schnipseljagd."

Erst allmählich entwickelt sich daraus wirklich ein Lied. Manchmal dauert das jahrelang. Clueso überstürzt nichts, wenn er sich seine Erinnerungen ins Gedächtnis ruft oder mit der Single "Du und ich" über das Nachhausekommen philosophiert. Als Teenager kam er nicht gern heim. Einerseits war das dem Abnabelungsprozess geschuldet, andererseits der häuslichen Atmosphäre: "Die Wendezeit war für meine Eltern stressig. Da haben die Existenzängste ziemlich reingehauen." An eine teure Flugreise war nach der Grenzöffnung für die Familie zunächst gar nicht zu denken. Umso mehr freute sich Clueso später über seinen ersten Frankreichaufenthalt: "Andere Sprache, anderes Feeling – das war schon geil." Damit war seine Reiselust erwacht. Inzwischen hat er allerlei von der Welt gesehen. Er erkundete Teile Afrikas oder Asiens. In Neuseeland beeindruckte ihn vor allem die Natur. Das Goethe-Institut schickte ihn in die USA.

Es gibt trotzdem noch einige Länder und Gegenden, die er unbedingt sehen möchte. Weit oben auf seiner Liste stehen Südamerika und Kuba. Für dieses Abenteuer ist er bereit. Auch ohne ein stabiles Internet, ohne westlichen Komfort. Er möchte das althergebrachte Kuba hautnah erleben. Bevor dort ein grundlegender Modernisierungsprozess einsetzt: "Ich denke, dieses Land wird sich bald verändern."Auf jeden Fall will Clueso in Kuba nicht mit einem Reiseführer in der Hand Sehenswürdigkeiten abklappern.

Er ist nicht der Typ, der im Vorfeld alles plant. Lieber lässt er sich treiben. Als er sich mit 19 in Köln richtig heftig mit seinem Manager gestritten hatte, rannte er einfach aus dem Zimmer. Er beschloss zu trampen. Zufällig nahm ihn Paul Greco mit, Bassist der Band Chumbawamba, der auf dem Weg nach Brüssel war. Er wurde später Cluesos Mitbewohner. "So spontan ergeben sich halt die besten Dinge", sagt Clueso. Man kann allerdings auch in brenzlige Situationen geraten. Ein Alleingang mit dem Strandbuggy in der Wüste Dubais wäre für Clueso beinahe fatal ausgegangen. Er überschlug sich mit seinem Gefährt und brauchte Stunden, um wieder auf Kurs zu kommen: "Als ich einen Badelatschen im Sand entdeckte, dachte ich: Hier hat's schon einen erwischt."

Clueso: Handgepäck (Vertigo Berlin), erscheint am 24. August.