Ein Pionier seiner Zunft

Annette Mahro

Von Annette Mahro

So, 18. Februar 2018

Colmar

Der Sonntag Das Museum Unterlinden in Colmar zeigt Fotografien von Adolphe Braun.

"Das Fotografische Abenteuer – Adolphe Braun", so nennt das Colmarer Unterlinden-Museum seine jüngste Ausstellung. Sie begibt sich auf die Spuren eines großen Elsässer Fotografen, der künstlerisches Empfinden und Serienproduktion zusammengebracht hat.

Im 19. Jahrhundert zählte er zu den Pionieren seiner Zunft, geriet später weitgehend in Vergessenheit. Zu seiner Zeit war der Franzose Adolphe Braun (1812-1877) unter anderem für seine Stillleben- und Naturfotografien auch über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus berühmt. Einen Namen machte sich der Fotograf auch mit der Reproduktion von Kunstwerken in den großen europäischen Museen und beschäftigte in seinem Unternehmen zeitweise bis zu 100 Mitarbeiter. Seine Arbeit wurde jedoch auch als gefährliche Konkurrenz wahrgenommen zu dem, was sie reproduzierte. In Folge des deutsch-französischen Kriegs 1870/71 geriet der Elsässer auch ideologisch noch vermeintlich zwischen die Fronten. Anders als etwa seinem Zeitgenossen Nadar (1820-1910) blieb Adolphe Braun möglicherweise auch deshalb die Aufnahme ins kollektive Gedächtnis verwehrt.

Ulrich Pohlmann, der die zuerst im Münchner Stadtmuseum gezeigte Ausstellung über das Werk Adolphe Brauns konzipiert hat und Journalisten vor der Eröffnung durch die Ausstellung führte, nennt den in Besancon geborenen Spross einer Mulhouser Familie treffend "einen der großen bekannten Unbekannten", lässt sein Name doch dieser Tage nur noch Spezialisten aufhorchen. Allerdings wurde auch wohl kaum eine Kunst derart vom immer schneller werdenden technischen Fortschritt überrollt wie die Fotografie. Wer heute etwa an das Pionierhafte Brauns auf dem Gebiet der Blumenfotografie erinnern will, kann sich sicher sein, eher gelangweiltes Schulterzucken zu ernten. Dennoch ist diese frühe Spezialisierung doppelt bemerkenswert. Schlagen doch Brauns Blumenarrangements einerseits den direkten Bogen zur holländischen Stillleben-Malerei des 17. und 18. Jahrhunderts. Andererseits findet sich hier auch über Stoffmustervorlagen der erste Bezug zu industrieller Produktion, die Brauns Arbeit zeitlebens mitbestimmen wird.

Unternehmer-Gespür

Der Gendarmen-Sohn absolviert zuerst eine Zeichnerlehre in Paris, ohne mit seinem ersten eigenen Atelier aber wirtschaftlich erfolgreich zu sein. 1842 legt er ein erstes, noch mit Lithografien bebildertes Musterbuch für Textil-, Tapeten und Porzellanproduktion vor, das er im Zentrum der französischen Textilindustrie der "Société Industrielle de Mulhouse" zum Geschenk macht und sich damit bereits für eine Karriere in der Stadt empfiehlt, in der er einen Großteil seines Lebens verbringen wird. Braun beginnt als Musterzeichner im Textilunternehmen Dollfuss-Ausset, bevor er sich ab den 1850er Jahren ganz der Fotografie widmet und in Dornach bei Mulhouse ein eigenes Studio eröffnet. Erste Berühmtheit bringt ihm eine 300 bis 400 Bilder umfassende Serie der besagten Blumenstilleben, mit denen er 1855 auf der Weltausstellung in Paris einen Erfolg landet. Braun beweist weiteres unternehmerisches Gespür und widmet eine nächste Bildserie von Elsässer Landschaften und Monumenten Kaiser Napoleon III., was ihm weiteren Ruhm einbringt.

Dornach bleibt auch nach dem Tod Adolphe Brauns 1877 das produktive Zentrum, während das jetzt von Sohn Gaston geleitete Unternehmen Verkaufsstellen und Filialen bis nach Sankt Petersburg und New York einrichtet. Bis 1968 bleibt die Firma im Familienbesitz und wird, jetzt nur noch als Druckerei, zuletzt 1980 an die deutsche Burda-Mediengruppe verkauft. Um das Familienerbe zu retten, macht ein Urenkel des Firmengründers einen großen Teil des Nachlasses dem Unterlinden-Museum zum Geschenk, das nach weiteren Zukäufen heute über eine riesige Sammlung mit mehr als 30 000 Glasplatten und rund 120 000 Abzügen verfügt. Gezeigt werden in der Retrospektive, der in Colmar 1994 eine erste Schau vorausgegangen ist, gut 200 Originale, ergänzt durch Gemälde unter anderem von Claude Monet, Gustave Courbet oder dem Elsässer Jean-Jacques Henner, die Bezüge zu Brauns oft als Vorlagen verwendeten Fotos herstellen.

Die Ausstellung teilt sich auf in zehn thematische Abteilungen, wobei neben Blumen-, Tier und Landschaftsbildern unter anderem die 1850er Jahren beliebt gewordenen Stereoskopien zu sehen sind, die einen räumlichen Eindruck vermitteln. Trachtenträgerinnen aus der Schweiz bringen ein szenisches Moment ein, was sich 1870/71 mit Elsässerinnen fortsetzt, die wahlweise mit Tricolore oder mit lothringischen "Schwestern" abgelichtet werden und mittels trauernd zum Himmel erhobenem Blick einem politischen Kommentar abgeben. Konnte Braun sich hier aber noch als Patriot positionieren, wurden ihm Porträts der Eroberer, darunter des kaiserlichen Statthalters im annektierten Elsass-Lothringen, Generalfeldmarschall Edwin von Manteuffel, übelgenommen. Dokumentieren wird die Firma Braun jedoch in einer eigenen Serie auch Kriegsschauplätze und -zerstörungen, so etwa Ansichten der Festung Belfort oder des ausgebrannten Tuilerienpalastes in Paris.

Sehr eindrucksvoll sind vorher Landschaftsaufnahmen, die ab etwa 1860 im Schweizer Hochgebirge aufgenommen wurden und damit dem aufkommenden Tourismus Tribut zollten. Wie die zu dieser Zeit riesigen Apparaturen in die hochalpinen Regionen geschafft wurden und wie bei Minustemperaturen die vor Ort notwendige Entwicklung erfolgen konnte, ist heute fast unvorstellbar. 1869 bereist die Firma Braun Ägypten, um den Bau des Suez-Kanals zu dokumentieren. Auch für technische Neuerungen steht der Name, so etwa im Zusammenhang mit einer Apparatur, die mittels einer langsam und automatisiert bewegten Kamera Panoramabilder aufnehmen kann. Die größte Perfektion entwickelt Adolphe Braun aber mit seinem "Museum der Weltkunst", das Alte Meister aus Sammlungen in ganz Europa reproduziert und den originalen Zeichnungen mittels Pigmentdruck-Verfahren teils zum Verwechseln nahekommt. Braun wird auch der Erste sein, der die Sixtinische Kapelle im Vatikan vollständig abbildet. Nicht nur für Fotobegeisterte ist die Ausstellung zumal als Dokumentation von Zeit und Technik sehenswert.
Das fotografische Abenteuer – Adolphe Braun, Museum Unterlinden, Place Unterlinden, Colmar. Öffnungszeiten: Mi-Mo 10-18 Uhr, Di geschlossen, Do bis 20 Uhr, bis 14. Mai. Info: http://www.musee-unterlinden.com