Gemalte Tagebücher

Nikolaus Cybinski

Von Nikolaus Cybinski

So, 24. Juni 2018

Kunst

Der Sonntag Zum 80. Geburtstag zeigt nun auch das Musée d’Unterlinden in Colmar Georg Baselitz – mit 70 Werken aus den letzten vier Jahren.

Georg Baselitz und kein Ende: Dem gefeierten Künstler widmete erst die Fondation Beyeler eine große Retrospektive, jetzt zeigt das Musée d’Unterlinden in Colmar die größte Schau auf französischem Boden – mit neuesten Werken.

Der nun am Beginn des biblischen Alters stehende Maler Georg Baselitz sagt über diese Schau zu seinem Achtzigsten: "Ich finde dieses Unternehmen Colmar sehr interessant, finde es abenteuerlich." Worin besteht dieses Abenteuer? Unter dem Thema "Corpus Baselitz" versammelt die Ausstellung rund 70 Malereien, Zeichnungen und Skulpturen, die in den vergangenen vier Jahren entstanden sind.

Bewusst ist sie keine Jubiläumsretrospektive, sondern thematisiert kurzzeitige Rückblicke auf eine aktive Altersproduktivität. In Baselitz’ Worten: "Man macht normalerweise Ausstellungen, indem man etwas Education liefert; frühe Bilder und spätere. Hier wird vollkommen darauf verzichtet." Das bedeutet: "Corpus Baselitz" ist die Begegnung mit einem Menschen, der in der täglichen Beobachtung seiner selbst und im Dialog mit sich ein malerisches Tagebuch führt, in dem er sichtbar macht, was im Alter, diesem "stufenweise(n) Zurücktreten aus der Erscheinung" (Goethe), mit ihm geschieht.

Alt geworden sein heißt für Baselitz: Waches Vorausblicken, wissend, dass darin das Eintauchen in die Dunkelheit, in die Schwärze des Todes sichtbar werden. Heißt weiter, den eigenen Körper bewusst wahrzunehmen und zugleich zu bedenken, wie er sich und die Welt jetzt sieht. Im Gespräch mit der Chefkuratorin von Unterlinden, Frédérique Goerig-Hergott, sagt Baselitz: "In letzter Zeit war ich oft im Krankenhaus, also male ich eben Krankenhausbetten. Wenn du dich gesund in ein Bett legst, wunderbar, dann stehst du auch wieder gesund auf. Deshalb sind diese Bilder nicht schwarz-weiß. Sie haben nur einen schwarzen Untergrund oder einen weißen. Manchmal sehen sie aus wie de-Kooning-Bilder, manchmal nicht." Das ist vorbei, und er begann, "vor genau fünf Jahren sogenannte Schwarze Bilder" zu malen.

Alt geworden sein heißt für Baselitz: Neben dem Vorausblicken gibt es immer auch die Zurückblicke, das sich Erinnern, die Frage: Wer war ich? Zum Beispiel als junger Kunststudent in Dresden? Wie und wer wurde ich? Wer hat mich begleitet, beeinflusst, verändert?

Baselitz hat diese Fragen für sich beantwortet und hat nun das Glück, entspannt, ja mit Genugtuung zurückblicken zu können. Er kennt seinen Rang in der Kunstgeschichte und weiß genau, dass er in der Liga der Großen erfolgreich mitspielt. Und einen Blick für Qualität hatte er schon früh, er wusste, von wem er was lernen konnte. Fautier zum Beispiel, Wols, Dubuffet, Michaux, später Picabia, Picasso, Duchamp, und noch später Grünewald und Baldung Grien, "denn die malten auch hässlich". Der Kunststudent wusste, was er auf keinen Fall wollte: Schöne Bilder malen. Stattdessen: "Blut über der Haut malen." Wie Dix, wie Grünewald.

Und wie malt er nun als Alter? "Ich weiß nicht, wie lange ich noch malen kann und sage mir: Du bleibst bei dieser Geschichte mit Schwarz und machst das weiter." Und so sehen die Besucher große schwarze Bilder mit Titeln wie: "Schnell die zehnte Nacht abwärts", "Abgang", "Auch im Rauch" und lassen ratlos die Blicke hin- und hergehen.

"Natürlich sind meine Titel von irgendwelchen Hintergedanken geprägt… Jetzt im Alterswerk gibt es eine intellektuelle Auseinandersetzung ohne Abhängigkeit" – er ist frei und lockt die Blicke in das aggressive Schwarz der Grundierungen, auf denen schemenhaft Unterkörper und Beine erscheinen. Ist es das Schwarz der Trauer? Kann sein. Vielleicht auch etwas anderes, denn betrachtet man die Bilder und liest ihre Titel und versucht, beide gedanklich zu verbinden, wird rasch klar, dass das nicht funktioniert. Vielmehr bekommt man den Eindruck, hier male einer Bruchstücke, Episoden seiner Alltage und staune, das mit der in Jahrzehnten erprobten Virtuosität immer noch zu können. Doch ihm selbst ist klar: "In den letzten Jahren wurde das immer reduzierter und bösartiger."

Und das gilt auch für die 42 schwarz-weißen und vereinzelt kolorierten, fast identisch großen Zeichnungen, die die Malerei thematisch zwar ergänzen, die Baselitz jedoch von ihr unabhängig gesehen haben will. Und das trifft auch als monumentale Bösartigkeit auf die zwei großen, aus einem Baumstamm gesägten schwarzen Skulpturen zu wie auch die Frauenbeine "Zero Dom", die er als Bühnenbild für eine Münchner Aufführung von Wagners "Parsifal" erfand.

An Mumien erinnernde Körper die einen, nacktes, pathosfreies Theaterrequisit die anderen: Baselitz möchte keine engen gedanklichen Verknüpfungen entstehen lassen, sondern fordert zum Sehen auf, nur zum Sehen. Und wer in den horizontal ausgestreckten Unterkörpern wie im Bild "Ach herrje, ma tutto occupato" eine Neuauflage einer Predella erblickt, weil die Gedanken nebenan beim Isenheimer Altar sind, mag das tun.

Eine unglaubliche Ausstellung mit einem Alterswerk von beeindruckender Vitalität. Und doch: Sieht man diese großformatigen Bilder, vor allem die beiden Riesengemälde von je 26 Quadratmetern Fläche, kommt der Verdacht auf, diese Malerei könnte auch eine theatralische Inszenierung sein. Eine, die ihr Thema in Nuancen zwar immer aufs Neue variiert und, trotz aller professionellen Virtuosität, den kulissenhaften Schein dennoch nicht verbergen kann.
CORPUS BASELITZ, Musée d’Unterlinden Colmar, täglich außer Dienstag 9 bis 18 Uhr (bis 29. Oktober). Eintritt 13 Euro.