Alle führen – alle folgen

Jürgen Reuß

Von Jürgen Reuß

Sa, 14. Oktober 2017

Computer & Medien

Veränderungen in Arbeitswelt und Politik: Diskussionsforum "My Digital Revolution" in Freiburg.

Jede Revolution beginnt mit einem Auflauf. Freiburger wissen das, weil ein Hersteller von Fertigpampe dereinst mit diesem Spruch auf einem Plakat vor der Spechtpassage warb und der Jos-Fritz-Buchladen das Motiv auf einer legendären Postkarte verewigt hat. Nun, das war das Buchzeitalter und damit Vergangenheit. Aber was bringt die Zukunft, die digitale Revolution jenseits der Gutenberg-Galaxis? Die Frage stellte das Carl-Schurz-Haus und lud unter dem Titel "My Digital Revolution" schon zum zweiten Mal ins United World College (UWC), um diesmal Veränderungen in Arbeitswelt und Politik zu diskutieren.

Der Ort ist wie kaum ein zweiter in Freiburg geeignet, bei Zukunftsfragen eine gewisse Euphorie auszulösen. Ein Blick ins Auditorium – und man beginnt unweigerlich zu träumen, dass auch eine kommende Revolution mit einem Auflauf beginnen würde. Nur dass dieser Auflauf mehr als ein Postkartenwitz in düsterem Schwarz-Weiß aus dem Buchzeitalter sein könnte, auf der ein einsamer Mensch vor der dunklen Macht des Spechtpassagentunnels zu fliehen scheint. Der bunte Haufen junger Leute, in dem sich laut Grußwort des UWC-Rektors Laurence Nodder über 60 verschiedene Muttersprachen mischen, wuselte tatsächlich über den Campus und ist so etwas wie das Fleisch gewordene digitale Versprechen auf die Möglichkeit einer friedlichen, globalisierten, solidarischen Koexistenz. Ob so eine Enklave der Glückseligkeit modellhaft in eine bessere Zukunft verweist? Die Rahmenbedingungen dafür verhandelte auf den Tagungspodien zunächst die ältere Generation.

Den Anfang machte Hermann Arnold, Mitgründer der Haufe-Umantis AG und in dieser Eigenschaft – im hauseigenen Unternehmenssprech – Teil der "Community für Anders-Manager, Führungsneudenker, Arbeitswelt-Visionäre und Organisationsrebellen". Sein Kerngedanke: Zukunftsfähige Unternehmen brauchen zukunftsfähige Führung. Unternehmen stecken aber noch in evolutionär überkommenen hierarchischen Strukturen fest. Alphatiere, die Betriebe von oben nach unten führen, sind die Dinosaurier der Ökonomie. Sie werden die digitalisierte Globalisierung nicht überleben. An ihre Stelle muss das Prinzip "Alle führen – alle folgen" treten.

Praktisch heißt das: Unternehmensführer müssen sich regelmäßig der Wahl durch die Belegschaft stellen, können abgewählt und in untergeordnete Positionen versetzt werden. Um das umzusetzen, braucht es einerseits einen freien, hochgradig selbstorganisierten Markt, andererseits eine demokratische Ordnung, die klare Regeln festlegt und führungsstark durchsetzt. Womit auch die beiden utopischen Momente dieses Ansatzes benannt sind.

Nicht Unwissenheit führt

dazu, Fake News

weiter zu verbreiten

Der per Skype zugeschaltete US-Journalist Steven Hill wünschte zu dieser Idee dann auch sarkastisch viel Glück. In der vermeintlichen Zukunftsschmiede des Silicon Valleys herrsche bei Google, Amazon, Airbnb und Konsorten knallhartes Topdown-Management, und die milliardenschweren Risikokapitalisten verplemperten Vermögen auf der Suche nach der einen profitablen Idee.

Auch Podiumsteilnehmerin und UWC-Studentin Anoushka Malik meldete Zweifel an, ob das in ihrer Zweitheimat Indien umsetzbar wäre, was ihr im heimatlichen Schweden zumindest vorstellbar erschien. Der Konter von Arnold, dem überwiegend studentischen Publikum ein "Seid ihr bereit?" entgegen zu rufen, traf nicht auf die erhoffte Zustimmungsbegeisterung.

Träumt die vermeintliche Enklave der Glückseligen vielleicht doch einen eher hierarisch-traditionellen Traum? Oder lag es an einem gewissen Misstrauen Arnolds Motiven gegenüber, die konsequent zu Ende gedacht durchaus sozialistisch anmuten? Jedenfalls sortierte ihn eine Wortmeldung aus dem Publikum eher in eine neoliberale Ecke ein. Möglicherweise ist die neue Führungsidee tatsächlich eher auf europäische Führungszirkel zugeschnitten, wo spiralförmiges Karrieren-Auf-und-Ab bei geringen Gehaltsschwankungen auf hohem Niveau eher denkbar ist als bei der Mehrzahl der Beschäftigten, die global um ihr Lohnniveau konkurrieren. So oder so hängt die Durchsetzbarkeit auch laut Arnold von starken Demokratien ab. Und wo sollen die herkommen, wenn selbst die führende Nation der freien Welt einen Fake-News-Präsidenten wählt?

Die Analyse von Kulturwissenschaftler Michael Seemann stimmte wenig optimistisch. Denn im Internet sammeln sich statt aufgeklärten Demokraten immer mehr digitale Stämme. Diese bewerten eine Information nicht nach ihrem Wahrheitsgehalt, sondern danach, ob sie den eigenen Werten und Zielen entspricht. Seemanns Auswertung von Hunderttausenden Twitterbotschaften zu Fake News zeigte, dass nicht Unwissenheit dazu führt, Fake News weiter zu verbreiten. Über 80 Prozent der Menschen, die Fake News verbreiten, haben nachweislich zuvor eine Richtigstellung bekommen.

Ein Befund, an dem Datenanalyst Kay Hinz, Sonya Winterberg, Gründerin der Medieninitiative Schmalbart, die gegen Falschmeldungen vorgeht, und der grüne Politikberater Henning Schürig auf dem zweiten Podium zu knacken hatten. Vertreter der jungen Generation wie der UWC-Student Rigo Cuxil aus Guatemala betonen dagegen trotz Rückschlägen wie dem Arabischen Frühling die unverzichtbare aufklärerische Macht der sozialen Medien. Möge die Macht der Aufbruchstimmung auf dem Campus mit ihnen sein, der Auflauf von hier seinen Anfang nehmen.