Begabung und Leidenschaft

Heide-Marie Göbbel

Von Heide-Marie Göbbel (KNA)

Mi, 05. Juli 2017

Computer & Medien

Arte strahlt anlässlich des 150. Geburtstags der großen Künstlerin Käthe Kollwitz eine bewegende Dokumentation aus .

Käthe Kollwitz (1867–1945) gilt als eine der bedeutendsten Künstlerinnen Deutschlands. Um die sozial und politisch engagierte Künstlerin zu ehren, gab Ernst Barlach schon 1927 seinem "Schwebenden Engel" im Güstrower Dom ihr Gesicht. Die "Pietá", Kollwitz’ bekannte Skulptur einer "Mutter mit totem Sohn", steht seit 1993 in der Zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in Berlin. Ihr "Trauerndes Elternpaar" auf dem Soldatenfriedhof im belgischen Vladslo gilt als bedeutendste Grabplastik des 20. Jahrhunderts.

Zu ihrem 150. Geburtstag am 8. Juli begibt sich Arte auf eine Spurensuche nach Leben und Werk der vielseitigen Künstlerin und sendet am heutigen Mittwoch die eindrucksvolle Dokumentation "Kollwitz. Ein Leben in Leidenschaft" von Yury Winterberg (Buch) und Henrike Sandner (Regie). Zum Glück für die Nachwelt zeichnete und formte die Malerin, Grafikerin und Bildhauerin im Laufe ihres Lebens über 100 Selbstbildnisse. Ihr Tagebuch und ihre Briefe wirken unglaublich frisch und aktuell. Die Texte der Dokumentation und Passagen aus Kollwitz’ Aufzeichnungen werden von Nina Hoger und Christian Redl so einfühlsam gesprochen, dass die Worte stellenweise ebenso unter die Haut gehen wie die Bilder.

Käthe Schmidt, so ihr Mädchenname, wuchs in Königsberg in Ostpreußen auf. Sie sei ein schüchternes und nervöses Kind gewesen, schrieb sie. Ihr Vater sympathisierte mit den Sozialisten und ließ seinen Kindern viel Freiheit. An anderer Stelle erzählte sie, dass ihr Vater statt ihrer Ehechancen ihre Begabung förderte. Er habe wohl damit gerechnet, dass sie nicht hübsch würde und Liebessachen ihr nicht hinderlich in den Weg kämen.

Sie erhielt ab 1881 Kunstunterricht, ab 1886 besuchte sie die sogenannte Damenakademie des Vereins der Berliner Künstlerinnen, an der sie später auch unterrichtete, und studierte bis 1890 an der
Münchner Kunstakademie. 1891 heiratete sie zu aller Überraschung dennoch, und zwar den Armenarzt Karl Kollwitz aus einem Berliner Arbeiterbezirk. Dort erlebte sie das tägliche Elend proletarischer Familien hautnah mit. Sie bekam zwei Söhne, von denen einer im Ersten Weltkrieg fiel. Einen Enkel ereilte dasselbe Schicksal im Zweiten Weltkrieg. Dem Schmerz um ihren Tod verlieh sie in ihren Werken einen so lebendigen Ausdruck, dass Millionen von Museumsbesuchern weltweit noch immer ergriffen vor den Skulpturen stehen.

In der Dokumentation kommen vor allem Kollwitz’ Enkel und die wichtigsten Expertinnen und Wegbegleiter zu Wort. Die Nachkommen erzählen lebhaft von ihren Erinnerungen an die berühmte Großmutter. Sie schildern eine Frau, die unbeirrt ihren Weg ging, individuelle Freiheit beanspruchte und gleichzeitig der Familie sehr zugetan war.

In der beeindruckenden Dokumentation erfährt man viele bewegende Ereignisse aus dem Leben von Käthe Kollwitz. Die Zeitdokumente und Interviews zeigen eine lebensfrohe Frau, die in der Studentenzeit das Leben mit den anderen "Malerweibern" genoss, großen Respekt für ihren Mann hatte und sich immer stärker für die Politik engagierte. Als die Nationalsozialisten nach der Bücherverbrennung die Familie mit KZ-Haft bedrohten und sie faktisch Berufsverbot bekam, wurde sie depressiv, wie ihre Ärztin Marianne Werker erzählt. Sie starb wenige Tage vor Kriegsende am 22. April 1945 in Moritzburg.

"Kollwitz. Ein Leben in Leidenschaft", Mittwoch, 5. Juli, 22.10 Uhr, Arte