Der Großvater und die Reichsuniversität

Bärbel Nückles

Von Bärbel Nückles

Sa, 02. Juni 2018

Computer & Medien

Arte zeigt am Dienstag die sehenswerte Dokumentation von Kirsten Esch über die Straßburger Universität im Dritten Reich.

Das Unbehagen an der eigenen Familiengeschichte, die offenen Fragen, die nicht mehr beantwortet werden können: Sie sind die treibenden Kräfte des Dokumentarfilms "Die Reichsuniversität Straßburg" von Kirsten Esch über die Universität Straßburg im Dritten Reich. Die deutsche Regisseurin nähert sich der Geschichte der nationalsozialistischen Reichsuniversität aus einem besonderen Blickwinkel. Eschs Großvater, Johannes Stein, war damals Dekan der medizinischen Fakultät und als solcher verantwortlich für die Besetzung der wichtigen Stellen. So holte Stein auch August Hirt nach Straßburg, neben Eugen Hagen und Otto Bickenbach einer jener drei Professoren, die im Geiste der NS-Ideologie Versuche an Menschen durchführten.

Kirsten Esch sagt, sie habe schon länger gewusst, dass da etwas nicht gestimmt habe. Paradoxerweise hielt sie, die in Lahr aufgewachsen ist, sich als Kind und Jugendliche häufig mit der Familie in Straßburg auf. Aber niemals, sagt Esch, sei es dabei Thema gewesen, dass ihre Mutter drei Jahre ihrer Kindheit in Straßburg verbracht hatte – jene Zeit, während der ihr Vater Johannes Stein an der Spitze der Medizinischen Fakultät der Universität Straßburg stand. Erst der Tod ihrer Tante, der ältesten Tochter der Familie, habe das Schweigen über den Großvater aufgebrochen. Vor zwei Jahren dann hat die heute 55-jährige Dokumentarfilmerin, ihre Recherche begonnen.

In der Familie hatte man den Großvater immer als Feingeist, als Klavierspieler beschrieben, der seine Kinder mit Geschichten verzaubert hatte. Vor der Kamera erzählt Kirsten Eschs Mutter der Tochter: "Meine Kindheit ist nur schön gewesen durch meinen Vater. Deshalb verstehe ich das nicht." Es wird deutlich, mit ihrer Recherche hat Esch ein schreckliches Familientabu aufgebrochen: "Was nicht sein darf, kann nicht sein", sagt Esch.

Nach dem Einmarsch der Deutschen im Elsass 1940 hatte der früh in die SS eingetretene Mediziner Johannes Stein die Neugründung der Straßburger Universität maßgeblich mitorganisiert. Straßburg, betont der Saarbrücker Historiker Rainer Möhler an einer Stelle, sei für viele deutsche Professoren regelrecht ein Sehnsuchtsort gewesen.

Ihre Spurensuche verdichtet Esch zu einem scharfsinnigen Sittengemälde im Kontext der Nazi-Ideologie, wenn sie beschreibt, wie die Familien der Straßburger Professoren privaten Umgang pflegten, die Steins, die Hirts, für die Regisseurin "ein Tanz auf dem Vulkan". Auch Carl Friedrich von Weizsäcker gehörte zu diesem gesellschaftlichen Leben. Zwar war er nie in die NSDAP eingetreten. Dank seiner Forschungen über Uran hielt man ihn jedoch für den geeigneten Kandidaten für den Lehrstuhl für theoretische Physik. Von Weizsäckers Tochter, die Historikerin Elisabeth Raiser, erinnert sich in Eschs Dokumentation, wie sich ihre Mutter einmal vor Hirt als BBC-Hörerin verraten hatte und mehrere Tage in der Furcht lebte, die Gestapo könne jeden Moment vor der Tür stehen.

Die zentrale Frage für die Regisseurin bleibt jedoch: Wusste Stein von Hirts Plänen für eine Skelettsammlung, von jenen 86 jüdischen Häftlingen, die er sich in Auschwitz regelrecht bestellt hatte und deren Leichenteile nach der Befreiung Straßburgs in seinem Institut entdeckt wurden? "Es spricht vieles dafür, dass er es gewusst hat", lautet das Fazit von Kirsten Esch. Den entscheidenden Beweis, eine schlüssige Antwort habe sie allerdings nicht gefunden. Zumindest über die Menschenexperimente war er informiert – das belegen Sitzungsprotokolle. Die Fakten, heißt es im Kommentar, seien bis heute für seine Kinder schwer zu ertragen. "Selbst wenn er es nicht mit eigenen Händen getan hat", sagt Kirsten Esch, so habe er doch zu verantworten, was unter dem Deckmantel der Medizin geschah.

"Forschung und Verbrechen: Die Reichsuniversität Straßburg". Arte, Dienstag,
5. Juni, 21.45 Uhr.