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15. Januar 2015 00:00 Uhr

Baden-Baden

Sportjournalist Michael Dittrich arbeitet vom Krankenbett aus

Etwas Hoffnung gibt es immer: Der Sportjournalist Michael Dittrich ist durch eine Krankheit bewegungsunfähig – arbeitet aber unverdrossen weiter. Jürgen Löhle hat ihn besucht.

  1. Arbeitsplatz Pflegebett: Sportredakteur Michael Dittrich (hinten) mit einem Kollegen seines SWR-Teams Foto: SWR

Baden-Baden, Heiligensteinstraße: "Michael Dittrich" steht auf dem Türschild. Darunter die Klingel. Es ist ein seltsames Gefühl, bei jemandem zu klingeln, der nicht öffnen kann. Weil man nicht weiß, was einen erwartet. Michael Dittrich, 57, ist Sportjournalist beim SWR. Davon gibt es einige, aber keinen, der den Job macht, ohne sich bewegen zu können. Nicht mal den Kopf kann er halten. Das Schlimmste aber: Sein Feind hat keinen Namen, seine Krankheit ist nicht bestimmt.

Es öffnet ein Pfleger. Der Mann aus Polen lächelt: "Follow me." Sekunden später, im Arbeitszimmer, weicht der Magendruck einem Lächeln. "Hast dich nicht verändert", sagt Michael Dittrich zur Begrüßung. Wir kennen uns aus einem Volontärskurs vor 30 Jahren. Dann fügt er hinzu. "Ich eigentlich auch nicht." Und dann lacht er. Aber charmant, nicht bitter – dem kann man sich nicht entziehen.

Dittrich liegt in einem Pflegebett, immer leicht auf der Seite, um den Rücken zu entlasten, die Hände sind vor die Brust gelegt, sein Kopf wird von einer Nackenrolle gestützt. Einst hat der Mann "Sport unter der Lupe" oder "Sport im Dritten" moderiert. Ein sportlicher Typ, der, bevor er über Triathlon berichtete, erst mal selbst einen probierte. Heute produziert er preisgekrönte Filme und schreibt Bücher. Ein echter Schaffer – und ein Genussmensch "der nichts ausgelassen hat" (Dittrich). Aber vor allem: ein Sportjournalist mit Leib und Seele.

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Die Seele glüht immer noch für den Job, aber der Leib kommt dem 57-Jährigen abhanden, langsam, stetig, grausam. 1993 begann das. "Es war wie Muskelkater, der einfach nicht mehr weggehen wollte", erinnert er sich. Dazu kam Schwindel. Es war unangenehm, aber noch kein Grund zur Panik. Doch es wurde schlimmer, drängender. Urplötzlich versagten ihm die Beine, Dittrich stürzte immer wieder. Anfangs kam der 1,93 Meter große Mann alleine wieder hoch, später musste er sich helfen lassen. Viele Ärzte untersuchten ihn, aber so richtig schlau wurden sie nicht. Bis heute nicht.

Die Hände wieder bewegen – das wäre das Größte
Fakt ist – Dittrich leidet an einer chronischen Entzündung des Zentralen Nervensystems, die ihn mehr und mehr die Kontrolle über seine Muskulatur hat verlieren lassen. Es sei eine Art von Multipler Sklerose, sagen die Ärzte, genauer lässt es sich nicht fassen. Was die Experten aber zu wissen glauben – eine Therapie gibt es nicht, eine Prognose, wie die Krankheit weiter verläuft, auch nicht.
Das Nervenversagen brachte Michael Dittrich zunächst in den Rollstuhl – und 2006 den völligen Kontrollverlust über Arme und Beine. "Ich lass’ aber den Kopf nicht hängen – obwohl er hängt", sagt er und grinst. Ein typischer Dittrich. Nicht aufgeben, immer weiterkämpfen. Was ihn trägt, ist die Hoffnung. Die hat er noch, obwohl ihm alle Medizin dieser Welt und alle erdenklichen alternativen Methoden bis hin zum Geistheiler bisher nicht helfen konnten. Jetzt setzt er darauf, dass seine zerstörten Myelinscheiden – das sind die Ummantelungen der Nerven – einmal repariert werden können. Das ist Zukunftsmusik, aber daran wird geforscht. Einstweilen wäre er schon froh, wieder ein kleines bisschen die Hände bewegen zu können. "Das wäre das Größte für mich." Dafür kämpft er. Und lebt.

Es ist schon ein brutaler Kontrast. Ein Mann, unfähig sich die Nase zu kratzen, arbeitet unverdrossen, dreht mit seinem Team Filme, macht sich bereits Gedanken über Rio 2016 und welche Themen er bis dahin angehen will. Möglich wird seine Arbeit durch moderne Technik, durch sein Team und auch durch den SWR, der seinen zu 50 Prozent verrenteten Angestellten so gut wie möglich unterstützt.

Arbeit als Flucht? Dittrich sieht es nicht so. Die Lust am Journalismus sei ungebrochen. Die am Leben auch. Dittrich lässt Espresso bringen. Der Pfleger führt die Tasse an seine Lippen. So isst er auch, trinkt abends sein Glas Rotwein, und wenn die reglosen Muskeln zu sehr krampfen, gibt es zur Entspannung Cannabis. Auf Rezept, also legal. Er will das Leben genießen – so gut es eben geht.

"Sprachsteuerung", befiehlt Dittrich einem schwarzen Kästchen, "DVD an – Film starten." Wie von Geisterhand gesteuert, beginnt auf dem Fernsehschirm der Film "Reine Nervensache". 90 Minuten von Dittrich über Dittrich. Auch viel Privates, wie ein Candlelight-Dinner mit seiner Frau Birgit, "das natürlich", frotzelt er, "nur begrenzt romantisch ist, wenn man gefüttert werden muss". Aber besser als gar nicht. Und auch die Sportszene vergisst ihn nicht. Im Film sieht man, wie IOC-Chef Thomas Bach Dittrich im Rollstuhl durch Baden-Baden schiebt.

Und man spürt seinen Optimismus. Obwohl der ihm manchmal vergällt wird. Von Pflegern abhängig zu sein – da wird es manchmal sogar richtig fies. "Einer hat mal zu mir gesagt – schade, dass sie nicht dement sind." Sollte heißen: Dann könnte ich mit ihnen machen, was ich will. Dieses Ausgeliefertsein, das ist das Schwerste für Dittrich. Aber auch darüber plant er einen Film. Natürlich.

Aber es gibt ja auch noch die Familie. 2001 wurde Sohn Moritz geboren. Heute schauen die beiden zusammen Spiele ihres BVB im Fernsehen an. Noch lieber würde der Teenager mit seinem Vater einfach kicken, aber dazu bräuchte es eine medizinische Sensation. "Ein bisschen Hoffnung gibt es immer", sagt Michael Dittrich, "egal was die Ärzte sagen." Unter der Woche geht Moritz in Darmstadt zur Schule, weil seine Mutter Birgit Oberheide-Dittrich dort arbeitet. Am Wochenende ist die Familie aber zusammen.

Der Film ist aus – 90 Minuten, die beim Betrachter vieles auslösen, vor allem aber das Gefühl, wie lächerlich das eigene Klagen über einen Schnupfen dagegen doch ist. Es gibt Menschen, die auch ein hartes Schicksal nicht in tiefste Verzweiflung stürzt und die sich trotz allem ihren Humor bewahren. Das gibt auch anderen Mut, denen es wie Dittrich gesundheitlich nicht gut geht. "Wenn das gelingt, sagt er, "wäre das schön." Wer den Film sieht weiß: Es ist gelungen.

Fernsehtipp: "Reine Nervensache", Sonntag, 18. Januar, 22.30 Uhr, SWR Fernsehen.

Autor: Jürgen Löhle