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24. März 2015

Fotografierte Malerei, bemalte Fotografie

Arbeiten der Freiburger Künstlerin Eva Rosenstiel in der Galerie Claeys und im Kunstpalais Badenweiler.

  1. Eva Rosenstiel: „Neues von Blumen II“ (2015), Fotografie auf Aludibond Foto: galerie Claeys, eva Rosenstiel

Alles ist mit allem verbunden und jedes ist für sich. Das Œuvre der Freiburger Künstlerin Eva Rosenstiel gleicht einem Rhizom, das an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten eine Vielzahl von Pflanzen hervorsprießen lässt. Dabei sind die künstlerischen Maximen zu erkennen, die das je Einzelne mit dem Ganzen verbinden. Deutlich wird dies beispielsweise an Rosenstiels gerade entstandener Serie "Neues von Blumen". Zu sehen sind Blätter, Blüten und Farbtupfen auf hellgrauem Grund.

Wie mehrere Blattformen und eine Blüte organisch zusammengehören, ist dem Blick entzogen, denn die ursprünglich zugrundeliegende Fotografie wurde durch mehrere Eingriffe verändert: Es stand ein Spiegel mit Farbpunkten zwischen den Gartenblumen, sodass bereits bei der fotografischen Aufnahme des Spiegelbildes Malerei ins Bild gelangte. Sodann bedeckte Rosenstiel den Abzug partiell mit grauer Ölfarbe und malte andernorts Blumen, Blätter oder Stiele nach. Und schließlich ergänzte sie die Komposition an einigen Stellen durch abstrakte Punkte pastos aufgetragener Ölfarbe.

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Das entstandene Werk ist somit ein Hybrid aus fotografierter Malerei und bemalter Fotografie. Die Methode des Herauslösens einzelner Blumenformen aus ihrem Kontext hat Eva Rosenstiel nicht nur mit ihrem Lehrer Peter Dreher gemein, sondern auch mit dem von ihr geschätzten Fotografen Karl Blossfeldt, der Strukturprinzipien von Pflanzen durch Isolierung, Vergrößerung und Belichtung ästhetisch herausarbeitete. Auch an die befremdlichen, in Eis gesetzten Blumen von Marc Quinn lässt sich an dieser Stelle denken.

Die Einbettung der Blumenarbeiten in das Gesamtwerk der Künstlerin kann man derzeit in zwei Ausstellungen betrachten. In der Freiburger Galerie Claeys, wo der Großteil der Serie zu sehen ist, finden sich auch jene über den farbig betupften Spiegel aufgenommenen primären Fotografien sowie das sogenannte Paradiesformat: 10x15-Abzüge von schnell geknipsten Fotografien, auf denen malerische Abänderungen vorgenommen wurden. Mehrere Exemplare sind zu einem rechteckigen Metabild zusammengefügt, während das restliche Archiv in Schaukästen im Kunstpalais Badenweiler zu sehen ist. In diesen Fundus gelangen immerfort neue Fotografien, werden überarbeitet, ausgedruckt und wieder fotografiert und übermalt, um verändert erneut aufgenommen zu werden. Der natürliche Kreislauf von Werden und Vergehen, Produktion und Reproduktion, der in Rosenstiels Blumenbildern nahezu kühl eliminiert wurde, findet sich gleichsam in ihrer Arbeitsweise.

Das Prinzip der fotografischen Aufnahme und anschließenden Bearbeitung von im Bild vorgefundenen Strukturen erkennt man auch in früheren Werkserien, die in Badenweiler zu sehen sind. Im Modus des Flanierens hielt die Künstlerin eine Vielzahl von Straßenecken, Interieurs oder Warenauslagen fest. Den Abzug ergänzte sie jeweils durch die malerische Wiedergabe eines im Foto bemerkten prägnanten Motivs. Nebeneinander gesetzt ergeben viele Paradiesformate einen mehrschichtig verwobenen Teppich aus Ornamentstrukturen. Künstlerisches und alltägliches Handwerk verbinden sich in neueren Arbeiten, wo Fotografien von Knöpfen, Strickwaren oder Ketten einen dicken gepunkteten Überzug erhalten.

Auffällig ist die Abwesenheit des Menschen. Lediglich Surrogate tauchen auf, wenn Rosenstiel die Aufnahme des spiegelnden Schaufensters eines Sammelfigurenladens mit gemalten Actionhelden bestückt. In Badenweiler sticht eine Serie von horizontal angelegten Seelandschaftsaufnahmen heraus, die mit Blattsilber und Farbe überarbeitet wurden. Sie lassen die Gedanken in die Ferne gleiten. Ergänzt werden sie durch Fotografien einer auf Spiegelglas gemalten Palme an der Ostsee, die von Wassertöpfchen umspielt wird. Der Blick führt nicht mehr in dichte farbige Nähe, sondern in humorvoll leichte Weite.
– Eva Rosenstiel: "Neuorte". Kunstpalais Badenweiler. Bis 19. April. Do, Fr, Sa 14 – 17 Uhr, So 11–17 Uhr.
– Eva Rosenstiel: "Neues von Blumen".
Galerie Claeys, Freiburg, Kirchstraße 37. Bis 8. Mai. Do 9 – 13, Fr 15 – 18 Uhr.

Autor: Yvonne Ziegler